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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Aus nichts Geld machen

Meist sind es kriminelle Luftikusse, die aus nichts Geld machen und sich dann in Luft auflösen. Überaus seriös ist dagegen das Dosenluft-Projekt einer japanischen Kleinstadt, die ausbleibenden Touristen nachtrauert. Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 22.07.2020

Die Coronakrise bringt wirklich alles hervor, was man sich nie erträumt hätte. Darunter finden sich Kuriosa mit enormer Schwankungsbreite, wenn man überlegt, ob Verzweiflung oder Genialität dahintersteckt.

In Japan etwa gibt es jetzt Bergluft in Konservendosen - das ist die Wucht in Tüten! In der malerischen Landschaft um die Stadt Hokuto, gelegen in der Provinz Yamanashi, liegt der Tourismus wegen der Pandemie brach. Wenn die Menschen aus Nah und Fern schon nicht in die Gegend rund um die Yatsugatake-Berge kommen, dann soll das beliebte Erholungsgebiet wenigstens nicht in Vergessenheit geraten: Städtische Bedienstete wurden also losgeschickt, um Geschenkkonserven mit der lokalen Luft zu füllen, welche man im Internet verlosen und an Schwesterstädte verschenken will.

Nun kann man das als Irrsinn oder cleveren Marketinggag betrachten - dabei ist es ein altbekanntes Rezept, das nicht nur in Krisen- und Notzeiten angewendet wird: aus buchstäblich nichts etwas - im Idealfall sogar einen Riesenreibach - zu machen. Das belebt die weltweite Investmentkonjunktur und schafft Arbeit: zumeist bei den hinterherhinkenden Ermittlungsbehörden.

Natürlich ist das noch nicht erwiesen, aber in der verwaisten Chefetage von Wirecard beispielsweise dürfte man sehr genaue Kenntnis davon haben, was eine Luftbuchung ist oder wie sich schlappe zwei Milliarden Euro auf dem langen Weg von Aschheim nach Manila in Luft aufgelöst haben. Womöglich war es ja nur ein Versehen der Buchhaltung - das mit der Zwei vor den neun Nullen, egal, in der Konzernbilanz hat der Betrag jedenfalls was hergemacht und die Finanzaufsicht zum Abnicken bewogen.

Schwupps waren fünf reale Milliarden der Société Génerale weg

Oder nehmen wir Jérôme Kerviel: der gewiefte Franzose spekulierte auf sogenannte Futures, der Laie würde es Luftschlösser nennen, eine Wette mit Zukunftskontrakten, bei denen Kerviel auf fallende Märkte gesetzt hatte - die dann aber stiegen. Schwupps waren fünf reale Milliarden der Société Génerale weg. Kerviel soll sich vor Gericht später über die "demütigenden Umstände" beklagt haben, unter denen ihn die Bank daraufhin an die Luft gesetzt hatte. Sowas kann mal passieren, sogar in Berlin, wo nach Paul Lincke "nur selten was verpufft" - aber manchmal eben doch.

Erst jüngst hatte das Land Berlin - weil selbst arm - Verständnis für heimische Pandemiegeschädigte und zahlte innerhalb von zwei Tagen etliche Millionen Corona-Soforthilfen an Selbständige und Kleinunternehmer aus. Leider waren darunter fast tausend Betrüger und Kleinkriminelle - und viele Euro-Millionen futsch. Vielleicht lässt sich - nach japanischem Vorbild - das wieder reinholen, indem man die Berliner Luft in Dosen abfüllt und bei Sotheby's versteigert - die Erlöse aus dem Dosenpfand kommen ausschließlich dem Weiterbau des Flughafens zugute…


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