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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Anmerkungen zur ärztlichen Kunst

Die Ärzteschaft könnte nicht unterschiedlicher sein. Angestellte Klinikärzte, Kassenärzte, Ärzte die nur für Privatpatienten da sind, aber in einem sind sie gleich. Sie alle haben den Eid des Hippokrates geschworen. Eine Glosse von Gregor Hoppe.

Von: Gregor Hoppe

Stand: 30.09.2019

Bis heute sieht sich die ärztliche Zunft dem Eid des Hippokrates verpflichtet. In seiner Urfassung enthält die Schwurformel einige höchst überraschende Einzelheiten: Etwa das Versprechen, den eigenen medizinischen Lehrer zu achten wie die eigenen Eltern. Sollte der Ausbilder einmal Not leiden, solle der angehende Arzt sein Brot mit ihm teilen. Dessen Söhne seien nicht nur als Brüder zu betrachten, sondern, sollten die das wünschen, auch ohne Honorar wiederum in die ärztliche Kunst einzuführen.

Wer Medizinern von vorneherein eine gewohnheitsmäßige Tendenz zur Cliquenbildung vorwirft, fühlt sich jetzt bestätigt. Allerdings ist diese Passage der Eidesformel eine Zumutung; zumindest für eine Assistenzärztin, die gerade anfängt, sich in einer Uniklinik in beinharten Dienstplänen für wenig Geld kaputt zu schuften – während die wohlversorgten Kollegen Chefarzt und Lehrstuhlinhaber immer mal vorbeischneien auf dem Weg zur nächsten Tagung eines Pharmakonzerns in Miami. Jedenfalls gelobt heute bei uns kein Mediziner mehr, seinem Professor finanziell auszuhelfen oder dessen Kindern das Medizinstudium zu zahlen.

Klinikmediziner können, anders als ihre niedergelassenen Kollegen, ja keine   Plakatwerbung schalten. Deren verführerische Hochglanzfotos bewerben an U-Bahnwänden elegant ausgeleuchtete „augenärztliche Privatpraxen“ oder auf Kinder spezialisierte, sanft-pädagogische Dentistinnen-Teams. Reizvoll, aber trotzdem bekommt niemand einen Termin.

Immer öfter sagt Onkel Doktor ja, er habe hier etwas, was den Patienten hülfe, aber auch von ihnen berappt werden müsse. Gut, wenn er dabei nicht wirkt wie Laurence Olivier, der in „Marathon-Mann“ den gefesselten Dustin Hofmann vor die Wahl zwischen Nelkenöl und Bohren ohne Betäubung stellt.

Der Bekanntheit wegen gehen reale Doktoren oft dazu über, in den Gesellschaftsspalten der Boulevardpresse aufzutauchen

Der Bekanntheit wegen gehen reale Doktoren oft dazu über, in den Gesellschaftsspalten der Boulevardpresse aufzutauchen. Was nicht ganz unbedenklich ist: Wer überantwortet schon Körper oder Seele freimütig einem Stammgast allabendlicher Sausen?

Wie kam eigentlich Hippokrates von der kleinasiatischen Insel Kos zu seinem Ruhm als Urvater aller Heilkunde? Gute Frage, denn nach aller Wahrscheinlichkeit stammt der hippokratische Eid gar nicht von Hippokrates, sondern entstand schon vor ihm, der von etwa 460 bis 370 vor Christi Geburt lebte. Erstmals erwähnt wird der Eid aber im ersten nachchristlichen Jahrhundert, zur Zeit des Kaisers Claudius, als in Rom schon alles drunter und drüber ging, und zwar in einem Schriftstück eines Arztes namens Scribonius Largus. Klingt wie das anatomische Wort für ein Knochenglied im Ringfinger. Denkbar, dass der Eid des Hippokrates für eine Werbekampagne dieses Arztes eigens erfunden wurde. Dann wäre Scribonius Largus der erste Promi-Arzt der Medizingeschichte.


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