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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Alles gut! Ein Hoch auf die Floskel!

Wahlabend ist Floskelzeit! Und Politiker werden oft für ihre immer gleichen Phrasen kritisiert. Dabei sprechen sie damit doch genau unsere eigene Sprache! Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 03.09.2019

Lassen Sie es mich zu Beginn in aller Deutlichkeit sagen: Die Kuh ist noch nicht vom Eis! Da müssen wir jetzt nochmal ran. Denn das Bessere ist der Feind des Guten, und es wäre verfehlt, jetzt ein Ei drüber zu schlagen. Entscheidend ist: wir haben verstanden. Wir wollen Zukunft gestalten, das ist unser Auftrag.

So – wenn Sie jetzt immer noch da sind, dann sind Sie entweder Politiker und füttern das Phrasenschwein selbst nach Kräften, oder Sie haben in ihrem Leben so viele Elefantenrunden im Fernsehen miterlebt, dass Ihr Gehirn im Laufe der Jahre eine Art neuralen Floskelfilter entwickelt hat, als Schutzfunktion.

Die Floskel ist das zentrale Verständigungsinstrument der öffentlichen Politik. In diesem Sinne hat die Netzwelt unter #twitternwie18Uhr vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg zeitlose Poltikerfloskeln gesammelt, die zu einem zünftigen Bundesdeutschen Wahlabend einfach dazu gehören. Meine Top 3: „Für Schuldzuweisungen ist es noch zu früh“, „Wir haben den Auftrag des Wählers“ und „Wir müssen verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen.“ Und natürlich war auch das allseits beliebte „lassen Sie mich ausreden!“ mit von der Partie.

Dabei hängt der Floskel ein zweifelhafter, wenn nicht gar schlechter Ruf an: Schwammig, inhaltsleer und sinnbefreit sei sie! Floskelverwender gelten als Phrasendrescher, die wahlweise ihre unredlichen Absichten oder ihre Ideenlosigkeit im Dickicht immer wiederkehrender Symbolsätze verbergen. Floskel ist bäh!

Zu Unrecht, sage ich. Und ich möchte an dieser Stelle mit aller Nachdrücklichkeit eine Lanze brechen – für die Floskel, die Phrase, das immer wieder perpetuierte blablablubb der Politik. Denn ganz unter uns: wenn sich die Politkaste am Wahlabend dann spricht es doch unsere Sprache, also die des kleinen Mannes. Denn wann bitte sind uns Politiker näher als beim Phrasendreschen? Schließlich pflastern Floskeln unseren eigenen semantischen Alltagsweg: Langer Rede kurzer Sinn: Und selbst so? Ach muss ja! Das Leben ist schließlich kein Ponyhof. Ich zähle bis drei, dann sitzt Du beim Essen. Apropos: Lecker, wie ihr uns da wieder verwöhnt habt.

Wir floskeln uns zielsicher durch das Leben

Der Mercedes unter den Alltagsfloskeln ist dabei aber ein kurzer Satz, der seit einiger Zeit ins Kraut schießt: „Alles gut!“
„Macht 2 Euro 51 Cent – haben Sie vielleicht 1 Cent? – Tut mir leid, nein…. – alles Gut!!!" Was bitteschön wirkt beruhigender und lebensbejahender, als ein „alles Gut“ aus dem Mund der Bäckereifachverkäuferin in der Früh um halb sieben?

Wir floskeln uns zielsicher durch das Leben, und das hat seinen Grund: Die Floskel ist ein Universalcode, den wir verstehen, ohne groß ruminterpretieren zu müssen – und den wir verwenden können, ohne vorher groß drüber nachdenken zu müssen. Und damit ist die Floskel das zeitgemäße Kommunikationsinstrument in der Welt der Tweets und Retweets, der Posts und Memes! Floskel for Future! Floskel ist zeitlos und universell. 

In diesem Sinne möchte ich Ihnen abschließend zurufen: Kehren Sie nicht einfach mir nichts, dir nichts zur Tagesordnung zurück, denn entscheidend ist, was hinten rauskommt. Oder um es mit der deutschen Floskelikone Annegret Kramp-Karrenbauer zu sagen: „Mit der richtigen Haltung, mit Mut und Optimismus werden wir die Zukunftsthemen anpacken, und wir werden dabei nicht spalten, sondern Brücken bauen, denn das ist unsere Marschrichtung.“

Alles gut.


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