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"weiter atmen" Erzählungen der ungarischen Schriftstellerin Zsófia Bán

In einer Zeit des "I can't breathe" in den USA und eines Virus, das weltweit zu Atemnot und Lungenversagen führt, erscheint der neue Erzählband "weiter atmen" von Zsófia Bán. Ob sie von einer syrischen Flüchtlingsfamilie erzählt, die an der ungarischen Grenze strandet, von Rimbaud, von Liebenden, Kranken und Kindern, von Paris, Rio de Janeiro oder Budapest, immer gelingt es der ungarischen Schriftstellerin, Filmproduzentin und Anglistik-Dozentin Zsófia Bán das uns alle Verbindende zu beschreiben. Das Leben und Atmen wollen, das nicht mehr atmen können und "weiter atmen" wollen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 04.07.2020

Zsofia Ban | Bild: Zsofia Ban/privat

"Hautatmung"

"Der Frosch (zum Beispiel, aber ich könnte auch das Krokodil nennen) lebt im Wasser und an Land.
Der Frosch ist amphibisch.
Amphibien atmen auch über die Haut.
Wenn die Haut des Frosches mit Fett eingerieben wird, erstickt er.
Wir bitten darum, dass das nicht geschieht.
Der Mensch (zum Beispiel) lebt in der Vergangenheit und in der Gegenwart.
(Von der Zukunft hat er ein Bild, es passt gut zur Couch.)
Der Mensch ist also auch amphibisch.
(Frage: Sind die Amphibischen Menschen, oder: sind Menschen amphib?)
Der amphibische Mensch atmet auch über die Haut.
Wenn die Haut des amphibischen Menschen mit Fett eingerieben wird, erstickt er.
Wir bitten darum, dass das nicht geschieht.
Wir bitten darum, die Hautatmung frei zu lassen.
Danke."

Die einen leben im Wasser, die anderen an Land, die einen in der Vergangenheit, die anderen in der Gegenwart. Aber das Atmen verbindet alle. So beginnt die erste Erzählung von Zsófia Bán, meisterhaft übersetzt von Büchner-Preisträgerin Terézia Mora. Eigentlich fast ein Gedicht, das Freiraum lässt zum Denken. In ihren außergewöhnlich erzählten Geschichten werden aus Schattenrissen farbige Bilder, aus Außenwelten Innenwelten. Einblicke in Kokons, die obwohl in sich abgeschlossen zu einem großen Ganzen werden. Cornelia Zetzsche stellt den neuen Band vor und hat mit Zsófia Bán in Budapest gesprochen.

Cornelia Zetzsche: "Ihr Leben war ziemlich ereignisreich, Zsófia Bán, Sie sind in Rio geboren, haben  in Lissabon, gelebt, in Minneapolis, Cambridge, Massachusetts, in der Schweiz, in Berlin. Was hält Sie in Budapest?"

Zsófia Bán: "Offenbar die Sprache, die Kultur, Familie, Freunde, Erinnerungen, all das hält einen an dem Ort, an dem Wichtiges im eigenen Leben geschah, wo man die eigene Familiengeschichte anzapfen kann."

"Und die Stadt?"

"O ja, es ist eine wundervolle Stadt, die ich wahrhaftig und tief liebe. Während der Quarantäne hatte ich eine überraschende Erfahrung, als niemand auf den Straßen war. Natürlich mußte ich manchmal zum Einkaufen, und da hatte ich zum ersten Mal einen viel sinnlicheren, fühlbareren Kontakt zur Stadt, auch wenn niemand da war, und das vielleicht etwas befremdlich und gespenstisch schien. Aber ich genoß die Gebäude, den Blick auf die Architektur völlig anders, als wenn ich sonst durch die Straßen laufe."

"Sie sind eine sehr vielseitige Person, eine Schriftstellerin mit großer Kenntnis von der Kunst, der Photographie. Wie sieht denn Ihr Konzept als Schriftstellerin aus?"

"Ich habe mich immer für das Crossover der Genres interessiert, für jede Art von Kunst, für das, was auf Deutsch Gesamtkunstwerk heißt, ich gebe nicht vor, das zu tun, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag das Crossover auf vielerlei Weise, in diesem Fall mit der Bildenden Kunst. Ich habe mich immer für die Zone dazwischen interessiert, zwischen Bild und Text. Mich hat immer fasziniert, bis zu welchem Grad man Bilder in Text verwandeln kann und umgekehrt. Und meine Studenten habe ich immer gelehrt, das Visuelle ist auch eine Sprache, nur eine andere."

"weiter atmen" ist eine Sammlung von 18 Geschichten: Franz Reichelt springt mit seinem Fallschirm vom Eiffelturm in den Tod. "Die Delfin-Schau" endet als tragischen Unfall im Schwimmbecken. Eine Syrische Familie strandet an der ungarischen Grenze. Eine Geschichte folgt Rimbaud zur Terrasse des Hotel L'Univers in Aden. Sehr verschiedene Geschichten, alle verbindet ein Thema: Das Atmen. Welche Idee hatten Sie dabei?"

"Ich war immer fasziniert von Poesie, der der menschliche Atem zugrunde liegt, so, wie es Allen Ginsberg in seiner berühmten Arbeit "Howl", "Das Geheul" tat. Oder Charles Olson. Ihre Live Performance war eine Art Happening. Es interessierte mich wirklich, weil es den Text dem Körper nahebrachte. Ich denke, ein anderes verbindendes Motiv ist nicht nur der Atem, sondern der Körper als solches, seine Verletzlichkeit. In gewissem Sinn sind alle Geschichten durch die Erkenntnis dieser Fragilität des menschlichen Körpers verbunden und durch die Tatsache, daß wir alle unbekannten Faktoren ausgesetzt sind, so wie jetzt Covid-19. Eine Grunderfahrung von uns allen ist, in welchem Maß wir als menschliche Wesen, als Körper Raum und Zeit ausgesetzt sind. Jeder beginnt, über Raum und Zeit nachzudenken, seit wir für eine ganze Weile im Lockdown sind. Natürlich wurde das Buch geschrieben, lange bevor das geschah, aber ich denke, diese zwei Faktoren, der Akt des Atmens als Zeichen des Lebens, und Momente, in denen einem der Atem ausgeht, wo das Atmen plötzlich ein Problem wird."

"Zu atmen, und in der Lage zu sein, Atem zu schöpfen, hat auch eine abstrakte Bedeutung. Ich dachte daran, Atmen und "I can't breath" sind physisch, aber auch eine mentale Sache. Ich habe mich gefragt, wie man im politischen Klima Ungarns atmen kann?"

"Ja, Atem und Atmen kann auch als politische Metapher interpretiert werden. Die meisten Geschichten wurden im heutigen Ungarn geschrieben. Auch wenn ihre Schauplätze woanders sein mögen, so sind sie doch vom politische Klima hier, der politischen Atmosphäre beeinflußt. Es ist sehr schwer, im Alltag damit zurechtzukommen, so viele Dinge geschehen, politisch gesprochen, zum Schlechteren, so daß man sich geistig immer wieder neu darauf einstellen muß, Tag für Tag, das ist wirklich ermüdend."

"Was geschieht zum Beispiel?"

"Die Regierung hat eine erste Liste entworfen mit Universitäten, die aus der staatlichen Förderung fallen sollen. Staatliche, öffentliche Universitäten sollen zu Stiftungen umgestaltet werden. An die Spitze dieser Stiftungen setzen sie Gremien, die von der Regierung ernannt werden. Die Mitarbeiter sind dann nicht mehr vom Staat angestellt, sie können, wie in jeder Firma, jeden Moment gefeuert werden. Die Job-Sicherheit ist dahin, und wichtiger noch: die Freiheit, die Integrität der Universitäten. Das geschah schon vor ein paar Jahren, sie haben die Kanzler als wichtigste Exekutive der Universitäten bestimmt.
Auf kulturellem Gebiet geschieht alles Mögliche. Sie haben aufgehört, Theater zu unterstützen. Die Hochschule für Drama und Film steht auf der Liste. Es gibt riesige Proteste. Die CEU, die Zentraleuropäische Universität wurde ins Exil gezwungen, nach Wien. Das gab es noch nie in der Geschichte Europas, daß eine Universität ihr Herkunftsland verlassen mußte. Die Freiheit der Medien existiert praktisch nicht mehr in Ungarn. Zeitungen wie Index, eine der wichtigsten Onlinezeitungen, werden von Verlagsgruppen übernommen, die der Regierung gehören. Die Freiheit der Presse hat fast völlig aufgehört zu existieren in Ungarn."

"Als Schriftstellerin haben Sie ein besonderes Gespür für die Gesellschaft, eine besondere Beobachtungsgabe. Würden Sie sagen, als Schriftstellerin haben Sie ein besondere Rolle in einer politischen Lage wie dieser."

"Nein. Unter normalen Umständen ist die Rolle eines Schriftstellers zu schreiben. Gleichzeitig ist nicht zu leugnen, daß die Rolle von Schriftstellern in diesem Teil Europas, in Ost- und Zentraleuropa immer politisch war. Seit Ungarisch die offizielle Sprache ist und die Literatur auf Ungarisch begann, wurde sie unvermeidlich zum politischen Statement und trug immer das politische Gewicht, wenn Sie so wollen, manchmal auch die Bürde, als Reaktion auf unsere Geschichte und unser Erbe als Nation."

"In weiter atmen, diesen stillen, innerlichen Geschichten, sprechen Sie auf sehr leise Art über dramatische Situationen, überhaupt nicht spektakuläre, sondern mit großer Empathie zwischen den Zeilen. Und ich habe mich gefragt, woher diese Empathie für Ihre Figuren kommt."

"Ich sehe das Buch gern als ein Buch des Überlebens. Die meisten Geschichten gehen, trotz aller Widrigkeiten, gut aus. Die Figuren überleben meistens, sie setzen ihr Leben fort, wenngleich wir nicht wissen, in welcher Richtung, aber sie enden nicht verhängnisvoll. Deshalb sehe ich es nicht als tragisch instrumentiertes Buch, viel eher als hoffnungsvolles, mit dem Glauben an ein Überleben, allen Widrigkeiten zum Trotz."

"Und die Titelgeschichte, die Laura Maire im Offenen Buch lesen wird?"

Zsofia Ban "Weiter Atmen", Buchcover Original | Bild: Verlag Magvető, Budapest

Originalausgabe mit der Installation der ungarischen Künstlerin Ágnes Eperjesi

"Ich war über die Maßen inspiriert und getroffen von einer Installation einer meiner liebsten zeitgenössischen ungarischen Künstlerinnen, von Ágnes Eperjesi. Ihr Bild ist auf dem Cover der ungarischen Originalausgabe. Darauf ist eine Reihe von Seifenstücken zu sehen. Die Basis dieser Installation war das Leben eines jungen autistischen Roma, dessen einzige Freude Seifenstücke waren, die er mit seinen Fingernägeln schnitzen konnte, jeden Tag ein neues Stück Seife.
Aber natürlich kann das jeder Junge mit dieser Krankheit sein, von dieser ärmlichen Herkunft. Es gibt viele dieser Menschen in Ungarn, ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, und es muß immer betont werden, daß speziell diese Regierung sich nicht um diesen Teil der Bevölkerung zu kümmern scheint. Sie bieten keinerlei Hilfe an.
Mir war es wichtig, eine Geschichte zu schreiben, die in diesem Zusammenhang steht. Die Roma sind Teil unserer Gesellschaft, aber ihre Integrität wird nicht anerkannt von den politisch Mächtigen."

Lesung mit Laura Maire und Gespräch mit Zsófia Bán im "Offenen Buch"

Schauspielerin Laura Maire

Am Sonntag, dem 5. Juli, führt uns Laura Maire in die Titelgeschichte, in die Welt eines kleinen Roma-Jungen, ein ganz eigener Kosmos, in dem Dinge eine Bedeutung haben, die für seine Unwelt als unwichtig erscheinen. Robika, ein Autist, der für sein Leben und seine Ordnung jeden Tag ein Stück frischer Seife braucht, in die er mit seinen Fingern Kuhlen gräbt, der Gurken beim Säuern zuschaut, die auf dem Fensterbrett in der Sonne stehen.

"weiter atmen"

"Man konnte den Fermentierungsvorgang quasi sehen, als die Gurken in der Sonne gesäuert wurden, tanzten kleine Blasen in der gelblichen Flüssigkeit. Das Kind mochte es sehr, den Gurken in der Sonne zuzusehen, es konnte nicht genug davon kriegen. Als hätte es nur darauf gewartet, dass sie anfingen, sich zu bewegen und ihre nicht vorhandenen Münder aufzutun wie die Fische. Wie die Gurkenfische."

Aus Budapest zugeschaltet ist die Schriftstellerin Zsófia Bán. "weiter atmen" ist im Suhrkamp Verlag erschienen, in der Übersetzung von Terézia Mora.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2


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