Bayern 2 - radioTexte


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Michel Decar gewinnt Bayern2-Wortspiele -Preis Das 19. Festival deutscher Literatur ist zu Ende

Das 19. Festival junger Literatur ging am Freitag zu Ende. 18 Autoren lasen an drei Abenden aus ihren neuen Romanen. "Mit leichter Hand, cool, lässig, mit maximaler Lakonie erscheint dieser Frankie, ein schräger müder Nachfahre von den Hardboiled-Helden früherer Caper Novels. Doch Michel Decar belässt es nicht bei flotten Sprüchen. Trauer schwingt mit und leise Ironie, Wahrheit und Täuschung, Schein und Sein", so die Jury. Ausschnitte aus den besten Texten und ein Gespräch mit dem Gewinner im "Offenen Buch" auf Bayern 2. Sonntags um 12.30 Uhr

Stand: 16.03.2019

Gewinner des Bayern 2-Wortspiele-Preises 2019 Michel Decar | Bild: Eva Demmelhuber

Michel Decar fährt "maximal umsonst" nach Peking

"Im Hintergrund tauchte die Sonne ab und im Vordergrund fauchte die Adria und in mir drin, in meinem Kopf, war es plötzlich ganz still. Und dann, im nächsten Augenblick, musste ich an ganz vieles denken, das war so viel, das kann man gar nicht beschreiben."
Im maximal langweiligen Lignano endet der Roman und Frankies Reise kreuz und quer durch "Tausend Deutsche Diskothen". So begann am Donnerstag die Lesung von Michel Decar. Und so begann sein Siegeszug: Er gewann den Bayern 2-Wortspiele-Preis und einen vierwöchigen Aufenthalt am Goetheinstitut in Peking.

Die Begründung der Jury:

Cornelia Zetzsche liest die Begründung der Jury

"Ein alter Sohn und seine Mama am Strand von Lignano. Die Tage von „maximaler Langeweile“. Früher trank Frankie seinen Bacardi in der Münchner „Koralle“, einer von „Tausend deutsche Diskotheken“, nun sitzt er am Adriastrand und schreibt Postkarten ...
Als Dramatiker beherrscht Michel Decar szenisches Schreiben. Mit leichter Hand, cool, lässig, mit maximaler Lakonie erscheint dieser Frankie, ein schräger müder Nachfahre von den Hardboiled-Helden früherer Caper Novels. Frankie, der hier im „Ich“ erzählt, ist ein Filou, gestrauchelt, aber voller Witz. Doch Michel Decar belässt es nicht bei flotten Sprüchen. Trauer schwingt mit und leise Ironie, Wahrheit und Täuschung, Schein und Sein. Ab und zu wendet sich Frankie an den Leser, als suche er Verständnis. Seine wilde Story im Sommer 88 spiegelt die Kohl-Ära. Seine Road Novel ist ein Mix aus Pop-Zitaten und Gesellschaftspanorama, schräg wie Frankies zucchinigrüner Admiral."
Jury: Sven Hanuschek, Fridolin Schley und Cornelia Zetzsche

Tagessieger vom 15. März: Thomas Klupp

"Wie ich fälschte, log und Gutes tat"
"Meine Erkenntnisse des Tages heute: Kriminalität zahlt sich aus. Nicht nur in der Politik und im Bankenwesen und bei der FIFA und, klar, bei so Firmen wie Amazon, Google und VW und so weiter .." Und das alles in Weiden, der Stadt in der Oberpfalz. Thomas Klupp überzeugte das „Wortspiele“-Publikum mit seiner Lesung aus dem satirischen Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ - Thomas Klupp, 1977 in Erlangen geboren, studierte Kreatives Schreiben in Hildesheim, landete einen Erfolg mit seinem ersten Roman „Paradiso“, gewann den Rauriser Literaturpreis und 2011 den Publikumspreis in Klagenfurt. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und lehrt als Dozent am Literaturinstitut der Universität Hildesheim.

Tagessieger vom 14. März: Benedikt Feiten

Benedikt Feiten

"So oder So ist das Leben"
"Was willste machen?" Benedikt Feiten gewinnt mit seinem kettenrauchenden Helden, dem "großen Anton Lobmeier", den Publikumspreis. "Nix kannste machen!" Der 1982 in Berlin geborene Autor lebt in München. Nach dem Studium der Amerikanischen Literatur hat er seine Doktorarbeit über Musik in den Filmen von Jim Jarmusch geschrieben und an der Ludwig-Maximilians-Universität unterrichtet. Neben seiner Arbeit als Kulturjournalist und Redakteur ist er Trompeter und Cellist bei der Band "my boys don‘t cry". Sein Roman erscheint am 16. März.

Tagessiegerin vom 13. März: Marjana Gaponenko

Marjana Gaponenko beim Wortspielepreis 2019

"Der Dorfgescheite"
Mit einem Trommelwirbel enterte die gebürtige Ukrainerin Marjana Gaponenko vor sechs Jahren mit ihrem zweiten Roman "Wer ist Martha" die deutsche Literaturszene und gewann damit gleich den Chamisso-Preis! Nun gewinnt sie beim Bayern 2-Wortspiele-Preis mit "Der Dorfgescheite" den ersten Preis des Publikums. Der Bibliothekarsroman spielt in einem Kloster, in das sich ihr Held Ernest Herz zurückgezogen hat. Er soll die Bibliothek sichten und digitalisieren, doch dabei kommt er einem Geheimnis auf die Spur .... Bekannt ist die Schriftstellerin vor allem für ihre überbordende Fabulierkunst, ihren schrägen Humor und ihre kauzigen Helden. Die 1981 in Odessa geborene Autorin schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr auf Deutsch. Sie begann mit Gedichten, "Der Dorfgescheite" ist ihr vierter Roman. Marjana Gaponenko lebt heute in Wien, Mainz und Odessa.

Die Themen der Autoren

Cover Shuffle des Künstlers Nikolai Vogel

Die diesjährigen Autoren beschäftigen sich heuer vor allem mit der Suche nach Zugehörigkeit in einer brüchiger werdenden Gesellschaft. Sie erzählen von Helden in einer entzauberten Welt, setzen ein Denkmal für die Außenseiter des Lebens. Die Welt in Büchern als spannend-abgründiger Schauplatz, ein irrer Trip zwischen Wahn und Wirklichkeit. Ausgewählt von dem aus den Niederlanden stammenden Literaturagenten Johan de Blank.

Im "Club Ampere" rockte das Wort

Bayern2 -Wortspiele-Preisträger Michel Decar

Wo bis 1973 Wasser rauschte, Turbinen ratterten und Stromleitungen knisterten, wird seit fast zwanzig Jahren ausgiebig gefeiert. Das ehemalige Elektrizitätswerk, von Karl Muffat 1833 geplant und gebaut, wurde in den 70er Jahren stillgelegt und Anfang der 90er Jahre zu einem beliebten Münchner Kulturtreff umgebaut. Bereits zum 19. Mal fanden auf dem Gelände des Muffatwerks die "Wortspiele 2019" statt.

Die besten Texte und Performances vom "Internationalen Festival Junger Literatur" stellt Cornelia Zetzsche in radioTexte - Das offene Buch am kommenden Sonntag, dem 17. März, um 12.30 Uhr auf Bayern 2 vor.


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