Bayern 2 - radioTexte


67

"Sonne, Mond, Zinn" Alexandra Riedel gewinnt den Bayern2 - Wortspiele-Preis 2020

Alexandra Riedel ist am Freitagabend, dem 6. März 2020, in München, für ihren Auszug aus dem Roman „Sonne, Mond, Zinn“ mit dem „Bayern 2-WORTSPIELE-Preis 2020“ ausgezeichnet worden. Die Kultur- und Informationswelle des Bayerischen Rundfunks vergab den Literaturpreis in diesem Jahr zum 17. Mal. Die besten Festival-Texte, ein Gespräch mit der Preisträgerin und die Lesung des preisgekrönten Textes sind am Sonntag, dem 8. März 2020, 12.30 Uhr, in „radioTexte – Das offene Buch“ auf Bayern 2 zu hören und als Podcast unter „Lesungen“ für 12 Monate verfügbar.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 07.03.2020

Alexandra Riedel ist Gewinnerin des Bayern2-Wortspiele-Preises | Bild: Eva Demmelhuber

Alexandra Riedel gewinnt den Bayern2 - Wortspiele-Preis 2020

"Dinge passieren, Menschen auch", heißt es in Alexandra Riedels soeben mit dem Bayern2-Wortspiele-Preis ausgezeichneten Debütroman "Sonne, Mond, Zinn". Und wenn Preise "passieren", wie Freitagnacht, als die Jury die Gewinnerin des "Internationalen Festivals junger Literatur" bekanntgab, ist dieses "Passieren" natürlich positiv konnotiert. Die 1980 in Süddeutschland geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin freute sich, denn mit dem Preisgeld in Höhe von 2000 Euro und dem Stipendium am Goethe-Institut in Peking kann sie sich in dieser Zeit ganz dem Schreiben widmen und muss nicht nebenher Geld verdienen.

Unaufgeregt, konzentriert und souverän trug die Gewinnerin ihren Textauszug vor. Der Roman "Sonne, Mond, Zinn" beginnt mit einem Anruf, der Gustav Zinn von seiner Insel mit einem unendlichen Sternenhimmel weglockt:

"Alles in allem hatte ich nicht mehr gesagt als: Ja, am Apparat. Ja, danke ich werde da sein. Ja, bis dahin.
Ob sie mit Gustav Zinn spreche? Ja, am Apparat. Guten Tag. Isolde Hamann ihr Name. Sie sei die Gattin von Anton Hamann und rufe an, um mitzuteilen, dass dieser vor wenigen Tagen verstorben sei. Ihre Stimme wie geölt. Keine Spur von Heiserkeit, kein Räuspern.
Die Begräbnisfeier beginne morgen um 11 Uhr. Anschließend treffe man sich im Haus der Familie. Ein gemeinsames Essen und ein anschließender Spaziergang seien geplant."

aus: 'Sonne, Mond, Zinn' von Alexandra Riedel, erschienen im Verbrecher-Verlag

Die strahlende Gewinnerin des Bayern2 - Wortspiele-Preises Alexandra Riedel bei ihrem Besuch im Funkhaus

So beginnt der Roman und die Reise von Gustav Zinn. Zur Beerdigung seines unbekannten Großvaters. Dinge passieren. Menschen auch. So sagt es Esther Zinn. Dass das Eingeständnis ihrer Existenz, eines unehelichen Kindes, Probleme bereitet, erfährt auch ihr Sohn auf der Beerdigung seines Großvaters, dem Vater seiner Mutter, den er gar nicht kennt. Es geht um die Liebe der Eltern und die Liebe, die Kinder ihren Eltern entgegenbringen. Und um den großen Schmerz, wenn sie fehlt. Und so begründen Cornelia Zetzsche und der Publizist und Philologe Prof. Dr. Sven Hanuschek ihre Preisvergabe.

Begründung der Jury:

„Aufgespannt zwischen Groteske, Beschreibung, poetischen und mythologischen Assoziationen lässt Alexandra Riedel ihren Protagonisten, den Fluglotsen Gustav Zinn, der, wie schon seine Mutter, vaterlos aufwuchs, von seinen Familienverhältnissen erzählen: ‚Dinge passieren. Menschen auch‘, heißt es im Roman „Sonne, Mond, Zinn“, der fragt: Welche Folgen kann ein Seitensprung haben, über Generationen hinweg? Der Schmerz, die Leerstellen sind fühlbar, ohne explizit benannt zu werden. Wir begleiten Zinn zur Beerdigung seines unbekannten Großvaters in eine Familie, die er weniger kennt als den Sternenhimmel, und doch tragen er und seine Mutter Anteile dieser fremden Familie mit sich. Ein stilsicherer, nachdenklicher, auch komischer Text, der elegant Fragmente aus Vergangenheit und Gegenwart verwebt und in einer vertrackten Perspektive erzählt, im „Du“ an die Mutter.“

Im "Club Ampere" rockt das Wort

"Club Ampere"

Wo bis 1973 das Wasser rauschte, Turbinen ratterten und Stromleitungen knisterten, wird nun seit über zwanzig Jahren ausgiebig gefeiert. Das ehemalige Elektrizitätswerk, von Karl Muffat 1833 geplant und gebaut, wurde in den 70er Jahren stillgelegt und Anfang der 90er zu einem beliebten Münchner Kulturtreff umgebaut. Zum 20. Mal finden heuer auf dem Gelände der Muffathalle die "Wortspiele 2020" statt. 18 Autoren lesen um den Bayern 2 Wortspiele-Preis.

Bayern 2 - immer dabei

Der Wortspiele-Ü-Wagen vor dem "Club Ampere"

Die besten Texte und Höreindrücke vom "20. Internationalen Festival Junger Literatur" und natürlich Alexandra Riedel, die Gewinnerin des Bayern2 - Wortspiele-Preises stellt Cornelia Zetzsche in radioTexte - Das offene Buch am Sonntag, dem 8. März, um 12.30 Uhr auf Bayern 2 vor.

Die Lesungen der Tagessieger und der Gewinnerin stehen 12 Monate als Podcast zur Verfühung unter: br.de/mediathek/podcast/lesungen

Tagessieger am 6. März: Christopher Kloeble

Christopher Kloeble

Christopher Kloeble wurde 1982 in München geboren und lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin und Neu-Delhi. Er besuchte das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und war Gastprofessor an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. In seinem Abenteuerroman "Das Museum der Welt" führt uns der Autor nach Indien ins 19. Jahrhundert.

Tagessieger am 5. März: Tonio Schachinger

Tonio Schachinger bei seiner Lesung im Münchner "Club Ampere"

Herrlich der Wiener Slang, mit dem Tonio Schachinger die Zuschauer ins Fußballmilieu führt, voller Beidln, außer seinem Helden, Profifußballer Ivo, dem Wörter eigentlich egal sind, aber wenn einer "Tschusch" zu ihm sagt, haut er ihm schon eine in die Pappn. Schachingers Debüt-Roman "Nicht wie ihr" stand im Herbst schon auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Und Ende Januar erhielt er den Förderpreis zum Bremer Literaturhaus.

Der Roman "Nicht wie ihr" ist viel mehr als ein milieugetreues Fußballbuch: Mit seinem Helden Ivo Trifunović zeichnet der Autor das Bild eines Profikickers aus Wien, der mit Witz und kontrollierter Wut auf Zumutungen des Business, ethnische Vorurteile und eine vorgestanzte Sprache reagiert, ein Macho, haarsträubend und beinahe liebenswert", so die Jury des Bremer Literaturpreises.

Tagessiegerin am 4. März: Dana von Suffrin

Schriftstellerin Dana von Suffrin bei den "Wortspielen 2020"

Erst im Januar dieses Jahres bekam die Münchner Autorin Dana von Suffrin für ihren Debüt-Roman "Otto" den "Ernst-Hoferichter-Preis" der Stadt München. Er sei "ein großes Lesevergnügen, durchzogen von rabenschwarzem Humor; oft bleibt das Lachen im Halse stecken, um gleich im nächsten Absatz wieder hervorzubrechen", so die Jury. Ihre Lesung überzeugte auch am ersten Lesetag die Zuschauer im "Club Ampere" vor der Cover-Shuffle-Kunst von Nikolai Vogel.

In "Otto" erzählt Dana von Suffrin, was es heißt, wenn ein starrköpfiger jüdischer Familienpatriarch zum Pflegefall wird, wie er - obwohl auf der Intensivstation - seine ganze Familie in Atem hält. Und wie schwer es fällt, von einem Menschen Abschied zu nehmen, von den man sich ein ganzes Leben lang eigentlich lossagen wollte.


67