Bayern 2 - radioTexte


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Internationales Festival Junger Literatur Bayern 2-Wortspiele-Preis für Jovana Reisinger

Freitagabend kurz vor 23 Uhr gab die Jury den Gewinner des 18. Internationalen Festivals Junger Literatur bekannt: Die in München geborene Schriftstellerin und Filmemacherin Jovana Reisinger bekommt für den Auszug aus ihrem Debüt-Roman "Still halten" den Bayern 2-Wortspiele-Preis 2018. Mit ihrer "furiosen Sprache", dem Ringen zwischen "irrlichterndem Humor und rasendem Wahn in treibenden Rhythmen" hinterfrage sie die "soziale Kälte und verschorften Rollenzwänge als gesellschaftliche Symptome, die die grell-dunkle Schwere mit grantiger Leichtigkeit durchzieht", so die Jury.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 08.03.2018

Gewinnerin des Bayern 2-Wortspiele-Preises Jovana Reisinger | Bild: Eva Demmelhuber

"18. Internationales Festival Junger Literatur"

Längst Kult: Das Cover-Shuffle von Nikolai Vogel

Wo normalerweise gerockt und gefeiert, getanzt und getalkt wird, wurde jetzt vorgelesen und zugehört: Nach einem dreitätigen Lesemarathon mit 18 Autoren, dreizehn davon waren heuer Frauen, endete am Freitag, dem 9. März kurz vor Mitternacht im "Club Ampere" das "Internationale Festival Junger Literatur".
Die Bühne: ein Tisch, ein Stuhl und dahinter die Installation "Cover-Shuffle" von Nikolai Vogel und ein aufmerksames Publikum.

Und so beginnt der diesjährige Siegertext von Jovana Reisinger:

Jovana Reisinger am letzten Tag des Lesemarathons

"Vielleicht sollten die zwei Männer in Feinrippunterhemden ein großes weißes Tuch über mein Gesicht ziehen, mich in das frische Loch auf dem Friedhof fallen lassen, sodass mein Körper und mein Schädel, von einem dumpfen, aber nicht weniger entsetzlichen Geräusch begleitet, aufprallen. Sie sollten Erde hinterherwerfen und mich unter Blumen begraben. Vielleicht könnten ihre Kinder ordentlich der Größe nach aufgereiht danebenstehen und das eine oder andere unschuldige Kinderlied anstimmen, während ich, die in diesem Fall dann entfernte Tante oder Cousine der Mutter, beerdigt werde."

Bayern 2-Wortspiele-Gewinnerin Jovana Reisinger

Erstes Interview als Bayern 2-Wortspiel-Preisträgerin mit der Moderatorin des Abends Martina Boette-Sonner

Jovana Reisinger, geboren 1989 in München und aufgewachsen in Oberösterreich, studiert Drehbuch und Dokumentarfilmregie an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Ihr großes Vorbild ist Herbert Achternbusch. Sie drehte bereits diverse Kurzfilme, die in Ausstellungen gezeigt und ausgezeichnet wurden, sowie Musikvideos für die Bands Pollyester und Das weiße Pferd. 2016 veröffentlichte sie in der Reihe "100for10" das multimediale Konzeptbuch "Donna Euro is poisoned by rich men in need", zu dem sie 45 Videos produzierte. Für den Kurzfilm "pretty boys don’t die“ bekam sie den ZONTA-Preis der Festspielleitung der Oberhausener Kurzfilmtage. "Still halten", ihr erster Roman, erschien im Herbst 2017 im Verbrecher Verlag.

Lesung und Gespräch mit der Preisträgerin Jovana Reisinger

Die gebürtige Münchnerin überzeugte die Jury

Mehr über die frisch gekürte Preisträgerin Jovana Reisinger und ihrem Roman "Still Halten", erschienen im "Verbrecher Verlag" gibt es am Sonntag, dem 11. März in radioTexte - Das Offene Buch um 12.30 Uhr auf Bayern 2. Und natürlich stellt Cornelia Zetzsche auch eine Auswahl der besten Texte des diesjährigen Festivals vor.


Die Tagespreise des Publikums erhielten:

07. März: Die Wienerin Anna Herzig für ihr mysteriös-amüsantes Dreiecksszenario "Sommernachtsreigen"

08. März: Die Salzburgerin Mareike Fallwickl für eine fatale Dreiecksfreundschaft

09. März: Karosh Taha, geboren im Nordirak, mit der Beschreibung einer Krabbenwanderung

Begründung der Bayern 2-Jury

Bayern 2-Wortspiele-Jury: Cornelia Zetzsche, Fridolin Schley, Kathrin Lange

"Sie beschwört die eigene Beerdigung, das entsetzliche Geräusch, mit dem ihr Körper im Grab aufschlägt. Sie kehrt zurück ins Dorf ihrer Kindheit, im Schäferhundeverein hängt noch das Porträt ihres Vaters, der sich erhängt hat, und die Familie im Erdgeschoss betrachtet sie feindselig, während ihr Blut über das Gesicht läuft: Alles hält still, wenn eine Fremde gegen die Scheibe prallt, wie von innen gegen den eigenen Sargdeckel.
Jovana Reisinger erzählt in ihrem Debütroman Still halten von der Entfremdung einer versehrten Seele, von entündetem Innenfleisch. Mit schrill-expressiven Bildern er-spürt sie jene durchsichtige Scheibe, die den Kranken von seiner Umwelt trennt, aber auch den Zurückkehrenden von seiner Heimat, der man nicht entkommt, bis man sich ihr stellt.
Als ihre Mutter stirbt, zerfällt das Leben der Erzählerin. Sie fällt. Und geht zurück, um etwas wiederzufinden. Sie reist in die dunkle Provinz der Vergangenheit, immer entlang des Abgrunds ihres gequälten Selbst, ein Ringen zwischen Abwehr und Annäherung, lichten Momenten, irrlichterndem Humor und rasendem Wahn – eine Entrückung, furios in Sprache gesetzt, als Bruchstücke zerfallener Absätze zum Klingen gebracht, in treibenden Rhythmen statt eingängigen Melodien.
Jovana Reisinger gestaltet das Paradox aus Ich-Manie und Ich-Verlust als form-bewusste Deformierung. Doch wie die österreichische Avantgarde, der sie sich annähert, steht die radikale Subjektivität immer im Verhältnis zu ihrer Umgebung – gerade, wo dieses Verhältnis bröselt. Die unsichtbare Scheibe trennt beide Seiten nicht nur, sie gewährt der Erzählerin einen geschärften Blick auf die Welt dahinter – und deren Entstellungen. Sie hinterfragt soziale Kälte und verschorfte Rollenzwänge als gesellschaftliche Symptome oder Depression als weiblichen Topos und verkantet dabei Inneres und Äußeres zu einer verwinkelten Textkluft, die die grell-dunkle Schwere mit grantiger Leichtigkeit durchzieht."


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