Bayern 2 - radioTexte


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Geschichten vom Ankommen Friedrich Ani und Yamen Hussein

Ein Vater aus der Fremde, eine Mutter so fern. Beide aus Syrien. Friedrich Anis Vater kam in den 50ern, um Medizin zu studieren und Deutsch zu lernen, am Goethe-Institut in Kochel und blieb der Liebe wegen. Krimi-Bestsellerautor Friedrich Ani widmete ihm eine Geschichte mit dem Titel: „Der Syrer meiner Mutter“. Der Lyriker und Journalist Yamen Hussein musste als Verfolgter des Assad-Regimes aus Syrien fliehen und ist seit 2014 in Deutschland. Er erzählt, auf welchen Umwegen er seine Mutter nach sechs Jahren erstmals wiedersah im fernen Erbil, weil sie für Deutschland kein Besuchervisum bekam.

Stand: 10.05.2019

Schriftsteller Friedrich Ani und Yamen Hussein | Bild: Cornelia Zetzsche, Yamen Hussein, BRMontage

"Wir sind hier" - Geschichten vom Ankommen

In Kochel am See, einem 4000-Einwohner-Dorf strandeten in den 50er Jahren Menschen aus aller Herren Länder: Sudetendeutsche, Schlesier, Dunkelhäutige aus dem Nahen Osten und Schwarzhäutige aus Afrika. Die einen hatte der Krieg hierher getrieben, andere kamen als Studenten, die hier auch Deutsch lernen sollten. Am "Goethe-Institut", das es damals in dem kleinen bayerischen Dorf noch gab.

Der in Kochel am See geborene Schriftsteller Friedrich Ani

"Ein babylonisches Sprachengewirr, das einen einzigartigen Klang erzeugte, wundersam eingebettet ins tägliche Glockengeläut der katholischen und evangelischen Kirche, in die Aufmärsche der Blaskapellen und das Donnersn der Gebirgsschützen an besonderen Feiertagen. Und an einem Sonntagnachmittag im Frühjahr 1058 - im traditionsreichsten Gasthaus des Ortes wurde zum allwöchentlichen gemütlichen Beisammensein für jedermann geladen - erschien der Syrer meiner Mutter auf der Tanzfläche."

aus: Friedrich Ani 'Wir sind hier - Geschichten über das Ankommen', Allitera Verlag

Nicht ganz so "selbstverständlich" kam der syrische Dichter Yamen Hussein nach Deutschland. Als Journalist wurde er in seiner Heimatstadt Homs zum ersten Mal 2008 verhaftet wegen seiner Berichterstattung über die Repressionen der Assad-Regierung gegen die Medien. Außerdem musste er die Universität verlassen. Er schrieb weiter. 2011 berichtete er für Al Dunia TV vor Ort von der Protestbewegung aus Homs und Hama. Er kündigte, als "sein Sender", unter Druck gesetzt, Propaganda für Assad machte und Falschmeldungen absetzte. Kurz darauf vertrieben ihn die Anhänger Assads aus seiner Wohnung in Al Zahra bei Homs. Er begann unter Pseudonym zu publizieren, seine Rolle als Gründungsmitglied des „Nabd Bündnis für die Jugend Syriens“, einer friedlichen Protestbewegung, die durch mediale Berichterstattung ihren Widerstand zum Ausdruck brachte, machte ihn aber zur öffentlichen Figur. Er schrieb jetzt wieder unter seinem Namen.
Nachdem Hussein 2013 die islamistische Gruppe Jeish Al Islam in einem Artikel angriff, erhielt er Morddrohungen aus zwei Richtungen: dem religiös-fundamentalistischen Lager sowie aus Kreisen staatlicher Behörden. Aufgrund dieser permanenten Morddrohungen flüchtete Yamen Hussein in die Türkei. Seine Flucht von Syrien über den Libanon und die Türkei bis nach Deutschland verarbeitete er in einem im Oktober 2017 erschienenen Lyrikband "3439 km. Scars except the navel“, die Gedichte verfasste er in Damaskus, Beirut, Istanbul und München.

"Zwei Flughafentüren, zwei offene Flügel, umarmen meine Mutter"

Im November letzten Jahres sahen sich Mutter und Sohn nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder. Nicht etwa irgendwo in Deutschland, sondern im kurdischen Erbil, weil er für seine Mutter kein Besuchervisum bekam. Yamen Hussein mietete dort für ein paar Wochen eine Wohnung, die er kurz vor ihrer Ankunft herrichtete. Über die Begegnung von Mutter und Sohn schrieb er eine Geschichte.

Der syrische Schriftsteller Yamen Hussein aus Homs

"Das Flugzeug seiner Mutter aus Damaskus verspätete sich um Stunden. Das Warten schmerzte. Er starrte in die Gesichter der Menschen, die mit der gleichen Maschine gekommen waren. Dutzende Leben strömten durch die Flughafengates. Syrer kamen aus dem Land der Angst, um hier ihre Lieben zu treffen, die ihrerseits aus Europas Ländern des Asyls kamen. Andere irrten umher und hofften auf die Aufnahme irgendeines Konsulats, in ein Immigrationsprogramm, das sie dem alles bestimmenden Krieg entreißen und ins weit entfernte Exil werfen würde. Kinder warteten auf die Zusammenführung mit ihren Familien in Deutschland oder Schweden...

Dort, weit entfernt, kommt sie, langsam, lächelnd und weinend.
Nur eine Barriere aus Eisen trennt uns noch..
Sie geht leichtfüßig wie eine Windhauch und
hebt die Handflächen gen Himmel, um Gott zu danken.
küsst die Flughafentür,  
so hatte sie es sich geschworen, wenn sie mich einst sehen würde.
Flughafentüren, geöffnet wie eine Umarmung.
Unsere Welt, ihre und meine, besteht jetzt aus wenigen Metern.
Alle Existenz verdichtet sich auf diese zweieinhalb Meter, die uns trennen.
bis wir zu einer nicht enden wollenden Umarmung werden."

Yamen Hussein 'Zwei Flughafentüren, zwei offene Flügel, umarmen meine Mutter', aus dem Arabischen von Larissa Bender

Lesung und Gespräch mit Friedrich Ani und Yamen Hussein

Schauspieler Franz Pätzold und Heiko Ruprecht

Zum Muttertag am kommenden Sonntag, dem 12. Mai, erzählen zwei Schriftsteller über Vater und Mutter. Der Vater von Friedrich Ani kam aus Damaskus und wurde Arzt im bayerischen Kochel, Yamen Hussein musste aus Syrien fliehen, die Mutter blieb zurück. Nach sechs Jahren fanden sie einen Weg, sich endlich wieder zu sehen: im kurdischen Erbil, "zwei Fremde in einer fremden Stadt. Wir fügen die Scherben unserer Niederlagen zusammen und sagen uns: 'Wir wurden mit einer Umarmung belohnt, aus der wir uns nicht lösen möchten. Wir haben Kriege, Grenzen, Anträge, Botschaften und abgelehnte Visa überwunden.'
Friedrich Ani und Yamen Hussein erzählen über die Fremde, jeder aus einem anderen Blickwinkel und die Schauspieler Heiko Ruprecht und Franz Pätzold lesen.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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