Bayern 2 - radioTexte


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Lesung mit Lisa Wagner Vita Sackville-West im Orient

Bestseller-Autorin, Garten-Genie, Globetrotterin: Die Baroness und spätere Lady Nicolson passierte in den Golden Twenties offenbar Landesgrenzen ebenso mühelos wie Konventionsgrenzen: Die langjährige Freundin von Virginia Woolf, deren Roman "Orlando" als Liebeserklärung an Vita gilt, führte eine offene Ehe. Als abenteuerlustige Diplomatengattin bereiste sie Ägypten, Indien, Irak und Persien. Trotz ihres privilegierten Lebens hielt sie sich mit Kritik an Pomp und Arroganz nicht zurück. Lesung mit Lisa Wagner. Im Anschluss: nemo - das literarische Ratespiel mit Gast-Detektivin Dagmar Leupold

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 23.03.2018

Vita Sackville-West, Tochter aus englischem Hochadel, Architektin des legendären "Weißen Gartens" auf Schloss Sissinghurst in Kent, berühmte Schriftstellerin mit eigenwilligem Lebensstil.  | Bild: picture-alliance/dpa/Leemage

"Persien ist ein Land, das zum Umherschweifen einlädt; es gibt so viel Raum, nirgends sind Grenzen, und die Zeit wird nur durch die Sonne angezeigt. Doch man schweift nicht nur durch das offene Land, sondern auch durch die Basare, die die Europäer so gut wie nie betreten und die sie meist nur in verächtlichem Ton erwähnen."

Vita Sackville-West

Die junge Lady Nicolson hatte eine Schwäche für die orientalischen Basare. Victoria Mary Sackville-West, genannt Vita, 1892 auf Schloss Knole in Kent geboren, Mutter zweier Söhne und Schriftstellerin, hatte Mitte der Zwanziger Jahre ihre Koffer gepackt und mit einem kleinen Schlenker über Indien, Ägypten und Irak bald ihr Ziel Persien erreicht. In Teheran war ihr Mann Harold Nicolson, Autor und Diplomat, als Sekretär in der englischen Gesandtschaft tätig. Ihre Reiseeindrücke "Passenger to Tehran", die 1926 erschienen, zeugen für eine Dame des Hochadels von erstaunlich großer Offenheit gegenüber dem fremden Land. Die Erklärung der Schriftstellerin fällt sympathisch genügsam aus:

"Mir persönlich sind die Basare viel lieber als die Salons. Nicht, dass ich mir einbilden würde, dort das 'Leben des Volkes' zu sehen. Keinem Fremden ist dies je gelungen, obwohl manche eine Menge Unsinn darüber verzapfen. Aber ich sehe mich gern um. Es ist ein harmloses Vergnügen, und ich belästige niemanden damit."

Vita Sackville-West

Vita Sackville-West in Persien: zwischen Armut und Pfauenthron

Die Diplomatengattin, die zu der Zeit bereits einige Romane und Gedichte publiziert hatte, berichtet von ihren faszinierenden Streifzügen durch die Straßen und Basare Teherans, stets in dem Bewusstsein, dass sie sich über die Bevölkerung keine absoluten Aussagen anmaßen konnte: "Ein Leben, von dem man nichts weiß und von dem man nur die Oberfläche sieht, legt etwas Mystisches und Unterschwelliges nahe. Man selbst ist da ungeschickt."

Lisa Wagner liest aus Vita Sackville-Wests Reisebericht.

Im Zuge dessen kann Ihrem genauen Blick die Armut der Bevölkerung nicht entgehen. Sie bereiste ein bankrottes Land, ein Land im Umbruch, am Ende der Kadscharendynastie. 1924 wurde überlegt, ob aus dem monarchistischen Persien eine Republik werden sollte. Doch der damalige Premierminister Reza Khan scheiterte 1924 mit seinen Reformplänen und trat zurück. Es dauerte nicht lange, bis dieser einfache Soldat einer persischen Kosakenbrigade zum Schah gekrönt werden sollte. "Was könnte absurder sein als eine Krönung?", fragt sich die reisende Engländerin, die an diesem Tag, dem 25. April 1926, bei der Zeremonie im Palast zugegen sein durfte. Trotz all ihrer Kritik an der Monarchie - kein "vernünftiger Mensch" könne ernsthaft Königen gegenüber Verehrung entgegenbringen - gibt sie dann doch etwas widerwillig zu, den Anblick genossen zu haben, als der Schah, prächtig ausstaffiert mit Juwelen und den Insignien der Macht, auf den Pfauenthron zuging und sich selbst krönte.

"So ein sprunghaftes Leben führe ich, und das Leben in England fällt immer mehr von mir ab, bleibt nur noch als Bild, wie in einem Zauberspiegel, keine Einzeleindrücke, die ich genau durchdenke und dabei lerne ich mehr als jemals zuvor. Tatsächlich führe ich zwei Leben - eine ziemlich unfaire Begünstigung. Hier das Dach der Welt, bedeckt von gelben Tulpen, das dunkle, brodelnde Gewirr der Basare, dort das geschrumpfte, weit entfernte England. Und was bin ich? Wo bin ich? Wo ist mein Herz, im einen Moment heimwehkrank, im nächsten voll von überschäumender Begeisterung?"

Vita Sackville-West

Berühmte Gartengestalterin, berüchtigte Geliebte

Nach ihrer Rückkehr nach England war es mit dem "sprunghaften Leben" erst einmal vorbei. Das Paar ließ sich 1930 auf Sissinghurst Castle in Kent nieder - unweit von Vitas Geburtsort nahe Sevenoaks. Sissinghurst und vor allem die Gartenanlagen wurden von den beiden gärtnernden Autodidakten aufwendig und über Jahrzehnte hinweg liebevoll restauriert, bzw. neu angelegt; bis heute zählt das Gelände zu den beliebtesten Gartenanlagen der Welt.

Im selben Jahr erschien die Novelle "The Edwardians", ein Bestseller. Sackville-West publizierte insgesamt über fünfzig Werke, darunter preisgekrönte Gedichtbände, Biografien über große Frauen sowie Romane, Theaterstücke und Gartenbücher.

Außerdem war sie Autorin einer höchst erfolgreichen Gartenkolumne für den Observer. Berühmt wurde Vita auch durch ihre jahrelange innige Beziehung zu Virginia Woolf, für deren Romanfigur "Orlando" sie als Inspiration und Vorlage diente, ihre Verbindung zur Bloomsbury Group sowie durch einige weitere Affairen mit bekannten Persönlichkeiten innerhalb ihrer offenen Ehe mit Harold Nicolson. 1962 starb Vita Sackville-West auf Sissinghurst Castle.

"Mein Garten
Es ist ein Schloss an meiner Tür
Privat steht unten an den Stufen.
Mein Garten, Fremder, mag Dich locken
Und alle Wege stehn Dir frei.
Doch bleibe fern von meinem Ort
Ich bin zwar scheu doch unerschrocken."

Vita Sackville-West

Vita Sackville-Wests Reisebericht aus Teheran

Lesung mit Lisa Wagner

Und gleich im Anschluss:
nemo - das literarische Ratespiel

Eine neue Runde literarischer Detektivarbeit mit Gast-Detektivin Dagmar Leupold

Schriftstellerin Dagmar Leupold ist Gast-Detektivin bei nemo - das literarische Ratespiel.

Dagmar Leupold, 1955 in Niederlahnstein geboren, hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Tukan-Preis für den Roman Unter der Hand. Sie leitet das Studio Literatur und Theater an der Universität Tübingen. Ihr jüngster Roman Die Witwen war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Kuratorin lebt in München. Beim literarischen Ratespiel auf Bayern 2 werden ihr zur Seite stehen: Elisabeth Tworek (Monacensia) und Andreas Trojan (Literaturkritiker). Moderation: Antonio Pellegrino

Das Buch "Bombay, Bagdad, Teheran. Meine Reise nach Persien" von Vita Sackville-West, herausgegeben von Susanne Gretter und übersetzt von Irmela Erckenbrecht, ist in der Edition Erdmann erschienen.


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