Bayern 2 - radioTexte


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Valery Tscheplanowa Mit Neugier unterwegs zwischen den Welten

"An ihr hat mir alles gefallen", so sprach die große Schauspielerin Edith Clever über die Darstellungskunst der Valery Tscheplanowa bei der Überreichung des Alfred-Kerr-Preises 2016 in Berlin. Von 2006 bis 2009 war Tscheplanowa festes Ensemble-Mitglied des Deutschen Theater Berlin, spielte dort in Inszenierungen von Dimiter Gotscheff und Jürgen Gosch. 2009 wechselte sie ans Schauspiel Frankfurt, 2013 ans Residenztheater München, 2017 dann zur Volksbühne Berlin. Ob Tanz oder Gesang, Schauspiel- oder Lesekunst. Eine wunderbare Mischung aus Kraft und Zartheit, Geheimnis und Präsenz.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 24.12.2020

Valery Tscheplanowa | Bild: picture-alliance/dpa

"Schon gleich als sie erschien und die Bühne betrat, hatte sie mich gewonnen. An ihr hat mir alles gefallen. Und ihre klare leuchtende Stirn, ihr fester und doch leichter Schritt, ihr Singen, ihr Temperament, ihr Humor – das alles hat mich bezaubert. Auch der russische Klang in ihrer Sprache und das mitreißende russische Lied. Alles war so selbstverständlich und mutig."

Edith Clever

2014 bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises

Mit diesen einfachen Worten von Schauspielerin, Regisseurin und Jurorin Edith Clever wurde der Ausnahmeschauspielerin Valery Tscheplanowa der Alfred-Kerr-Darsteller-Preis 2014 überreicht. Und dieser Zauber des ersten Augenblicks haftet Tscheplanowas Schauspielkunst immer an. Ein Wesen wie aus einer anderen Welt, rätselhaft und trotzdem ganz diesseitig und kraftvoll bodenständig, Demut und Größe. Und eine Stimme, die schwingt und schwebt, mit einer sanften Fremdheit, die sie unverwechselbar macht. Ein Glücksfall für Theater und Radio.

Eindringlich aber nie aufdringlich

Mit Gucci im Glasfoyer des Bayerischen Rundfunks

Valery Tscheplanowa wurde am 7. März 1980 in Kasan geboren, einer alten russischen Stadt an der Wolga, 800 Kilometer östlich von Moskau, mit der ältesten Universität Russlands, an der man Orientalistik studieren konnte, Türkisch, Persisch, Arabisch oder Mongolisch, auch Tolstoi studierte dort. Ihre Mutter war Dolmetscherin, ihr Vater Mathematiker. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf dem Land in einem kleinen Holzhaus auf. Ihre Mutter nahm sie oft mit, wenn sie beruflich unterwegs war. Nach Frankreich oder innerhalb der Sowjetunion.

"Inkognito" im Bayerischen Rundfunk

Mit sieben Jahren kommt Valery Tscheplanowa zum ersten Mal nach Deutschland. In Kiel verbringt sie den größten Teil ihrer Jugend. Doch kurz vor dem Abitur verlässt sie das Gymnasium, geht nach Dresden, um an der Palucca-Schule Tanz zu studieren. Nebenbei jobt sie als Kellnerin, singt, gründet eine kleine Musikergruppe. Der Tanz als Ausdrucksform wird ihr schnell zu wenig, sie erkennt, dass ihr Sprache sehr wichtig ist, reist durch Deutschland, Erfurt, Köln, dann nach Berlin, heiratet einen palästinensischen Komponisten, lebt in dessen Land eine Weile, lässt sich scheiden, kehrt zurück nach Berlin. Studiert ein paar Semester Puppenspiel an der Ernst-Busch-Schule, dann Schauspiel. Nach zwei Jahren findet sie diese Ausbildung zu starr, zu eng, sie probiert parallel mit Regisseur Martin Engler an einer Salomé-Inszenierung.

Bei den Salzburger Festspielen 2019

2005 nach Abschluss der Schauspielausbildung wird sie ans Deutsche Theater Berlin engagiert als festes Ensemblemitglied. Sie arbeitet mit Regisseuren wie Michael Thalheimer, Phillipp Preuss, Dimiter Gotscheff und 2009 mit Jürgen Gosch bei seiner letzten Inszenierung "Idomeneus". 2009 wechselt Valery Tscheplanowa ans Schauspiel Frankfurt, arbeitet mit Regisseuren wie René Pollesch oder Andreas Kriegenburg. Von 2013 bis 2017 gehörte Valery Tscheplanowa zum Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels, wo sie 2015 für ihre Schauspielkunst mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wird. Seit 2017 mit ihrem Engagement als Gretchen in Frank Castorfs legendärer Faust-Inszenierung an der Volksbühne Berlin, ist sie freischaffend.
2017 konnte man die Schauspielerin auch als Sängerin erleben in "Ich bin, was Du vergessen hast", ein Chansonsabend mit ihrem Pianisten Nikolai Orloff, in dem die Künstlerin Fassbinder-Lieder interpretierte. Und dass sie auch Kino und Film kann, hat sie längst unter Beweis gestellt: zum Beispiel in Uwe Tellkamps Verfilmung "Der Turm", in dem Valery Tscheplanowa als regimekritische Schriftstellerin Judith Schevola glänzte, eindringlich aber nicht aufdringlich. Und nach einem kleinen Abstecher als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen an der Seite von "Jedermann" Tobias Moretti zeigt sie sich vornehmlich auf der Leinwand.

Deutscher Hörbuchpreis 2018

Mit ihrer Lesung von Paulus Hochgatterers Novelle "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war", die Valery Tscheplanowa für "radioTexte - Das offene Buch" machte, gewann sie die wichtigste Auszeichnung für ihre Interpretation, den Deutschen Hörbuchpreis 2018, Regie: Cornelia Zetzsche.

Mit Götz Alsmann bei der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2018

"Wer die Theaterschauspielerin Valery Tscheplanowa jemals auf der Bühne erleben durfte, weiß, warum die Wahl als Beste Interpretin auf sie gefallen ist. Spielen ist für sie immer und ganz besonders auch: sprechen. Mit verzaubernder Stimme sagt sie alles, was zu sagen ist. Dabei bleibt sie dem Text in all seiner Vagheit treu, vermag ihn aber dennoch mit feinen und leisen Beobachtungen zu durchsetzen. Intensiv wie ein Kammerspiel."

Jury des Deutschen Hörbuchpreises


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