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Hochkarätiges Gipfeltreffen Zum 80. Geburtstag des großen Romanciers Uwe Timm

Wieviele vergnügliche und erhellende Lesestunden hat uns Uwe Timm schon geschenkt. Der Schriftsteller, der es wie kein zweiter schafft, packend und stilistisch elegant Fakten und Fiktion zu collagieren. Mit dem Roman "Die Entdeckung der Currywurst", der in über 20 Sprachen übersetzt wurde, dem witzigen Jugendbuch "Rennschwein Rudi Rüssel" oder "Am Beispiel meines Bruders" gehört der Schriftsteller Uwe Timm längst zu den bekanntesten und wichtigsten literarischen Stimmen Deutschlands. Cornelia Zetzsche hat den Großmeister der Erzählkunst besucht.

Stand: 27.03.2020

Ulrich Noethen | Bild: Cornelia Zetzsche

Hausbesuch bei Uwe Timm

Cornelia Zetzsche: "Ich schau mal weit zurück: 1974 debütierten Sie auf dem literarischen Parkett mit „Heißer Sommer“, einen Entwicklungsroman im studentenbewegten München 67/ 68, aufgespannt zwischen Aufbruchstimmung und politischer Analyse; damals schon, wie später eine Collage aus Tafeln und Stimme. Seitdem entstanden etwa ein Dutzend Romane, Erzählungen, Essays, viele Bestseller, von der „Entdeckung der Currywurst“ bis zu „Am Beispiel meines Bruders“ oder „Ikarien“. Immer lesen wir diese timmtypische Melange aus Fakten und Fiktion. Wenn Sie jetzt eine Zwischenbilanz ziehen, worum ging es Ihnen bei der Fülle ihrer Bücher?"

Hausbesuch bei Uwe Timm

Uwe Timm: "Ich denke, das ist eine Auseinandersetzung mit meiner Kindheit, mit meiner Erziehung, mit meinem Leben, wie diese Gesellschaft sich einmal in einer so fürchterlichen Situation befunden hat, nämlich dem Faschismus. Ich glaube, das ist ein Moment in meinem Leben, das mich begleitet, weil auch das verbunden war mit der Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich habe also früh die Diskussion geführt, mich gegen diese autoritäre Erziehung gewandt, und habe dann auch tatsächlich mit ihm diskutiert, er, der immer die deutsche Wehrmacht hochhielt. Er war bei der Luftwaffe und hat immer tapfer gekämpft, der aber nicht einsehen wollte, dass mit dem tapferen Kämpfen diese Mordmaschinerie weiterlaufen konnte."

„Morenga“ war Ihr zweite Roman, 1978, nach „Heißer Sommer“.  Damals dachte man beim Stichwort Imperialismus, Kolonialismus an die großen Kolonialmächte England, Frankreich, Spanien, auch Portugal. Und dann kamen Sie mit diesem großartigen, detailreichen Kolonialroman aus Deutsch-Südwest-Afrika. Wie waren da die Reaktionen?"

"Damals war die Vorstellung in Deutschland, dass die deutschen Kolonien eigentlich sehr gut gewesen waren. Man hatte den Afrikanern das Arbeiten beigebracht, und man hatte ihnen Eisenbahnen gebaut. Also die mussten ja Afrikaner selbst bauen."

"Aber mit diesem positiven Bild räumen Sie ja gründlich auf."

"Genau. Deshalb wurde ich, als dieser Roman erschien, auch als Nestbeschmutzer beschimpft. Was mich nicht gestört hat, das war kein heroisches Gefühl, weil das so dumme Argumente waren. Aber es war eine Zeit, wo der Kolonialismus noch gar nicht richtig im Blick war, und wie weit die Deutschen daran beteiligt waren. Insbesondere durch diesen Völkermord an den Hereros, der immer, so kleingeredet wurde, relativiert wurde, also ganz ähnlich, wie der Holocaust damals noch mit Zahlen oder sowas relativiert wurde. Es war skandalös."

Cornelia Zetzsche zu Besuch bei Uwe Timm

"Kolonialroman ist zu wenig gesagt, eigentlich ist es überhaupt eine Allegorie von Macht, Gewalt und Rassismus, auf Fragen nach Schuld und Verantwortung, Ihre Lebensthemen."

"Ja. Dieses Problem der Macht, des Gehorsams, der Mentalität wie auch das sich selbst verstehen und auch meine Neugierde, die sehr früh ausgebildet war schon als Kind, dass ich sehr neugierig war auf andere Menschen und auch das genau beobachtet habe. Und Teil davon ist eben auch dieser Versuch, dieses ganz andere Leben der Menschen, der Namas zu verstehen, ohne dass man in die hineingeht oder die wieder erzählerisch kolonisiert, indem man aus ihrer Perspektive erzählt. Das war mir damals ganz wichtig, dass die Distanz des Erzählens, des Unverstehens auch der deutschen Mentalität deutlich wird."

"Morenga war einer der bekanntesten Anführer, eine historische Figur, wie kamen Sie auf Morenga?"

Schriftsteller Uwe Timm und Literaturredakteurin Cornelia Zetzsche

"In Namibia, als ich da im Archiv recherchiert habe, - ich wollte über diese Zeit schreiben, über diesen Aufstand, vor allen Dingen über die Sicht der Deutschen, die das kolonisierten, auch über den militärischen Aspekt -  fand ich diese Figur Morenga, der durch die Herrschaftsgeschichtsschreibung völlig vergessen war. Eine sehr faszinierende Figur, weil er ein Guerillaführer war, anders als die Herreros keinen offenen Krieg geführt hat. Die Herrero haben sich in einer offenen Feldschlacht am Waterberg diesen deutschen, technisch überlegenen Schutztruppen gestellt und sind fürchterlich besiegt und dann in die Wüste getrieben worden, systematisch, damit sie verdursten. Und dieser Morenga hat eine ganz andere Form des Kampfes gewählt, eine Guerilla-Form und hat damit den Deutschen über Jahre zugesetzt. Und zwar derart, dass die Deutschen sagten, dieser Morenga, der auch Deutsch konnte, muss unseren Clausewitz gelesen haben, um zu erklären, warum sie ständig Gefechte verloren."

"Morenga ist eher der unsichtbare Held des Romans, Morenga und Hendrik Wittboi. Sie erzählen aus deutscher Perspektive. Sie collagieren deutsche Stimmen, Tagebuchnotizen, Akten kaiserlicher Kolonialbeamter und Militärs, sogar Zugochsen erzählen. Also: eine unglaubliche Stimmenvielfalt. Warum diese Polyphonie?"

Robert Habeck über den Roman "Morenga"

"Uwe Timm schnurrt Moralität und Geschichtlichkeit auf wenige Zeilen zusammen, ein Roman, dicht wie ein Gedicht. Und so werden die Sieger, die der Behauptung nach Geschichte schreiben, von ihrer Geschichte entfremdet. Und Geschichte öffnet sich. Oder genauer, sie wird gegen das Licht gehalten, wie ein Negativ. Timm schafft eine politische Literatur, ohne den schmalen Grat zur Verlautbarung und Parole je zu überschreiten. Kunst, Literatur ist nie fertig, ihrem Wesen nach Fragment, weshalb sie vielleicht eher wesenlos ist. Sie ist zeitlos, wenn sie sich auf das Zeitliche, das Konkrete, das Sterbliche, das Vorübergehende einlässt."
Nachwort aus "Morenga", dtv

"Ich dachte, anders geht das gar nicht, um das verstehbar zu machen. Es galt ja damals, wie heute auch noch, viele Informationen zu transportieren, die der normale Leser nicht kannte. Das war ja damals nicht im Gespräch, die Kolonien, auch heute ist das noch nicht ausreichend im Bewusstsein. Also man muss sozusagen auch eine Basis des Verstehens schaffen, wie dieses Land damals aussah, wie es beschaffen war, wie das ökonomisiert wurde, wie die Kolonisation stattgefunden hat, diese Verbindung von kaufmännischem Aufkaufen von Land, wo der Whisky oder beziehungsweise der Sprit, also Alkohol, eine große Rolle spielten und die Gewalt des Militärs. All das musste erst mal deutlich werden. Und dann konnte man mit diesen verschiedenen Stimmen etwas erzählen, was sonst, wenn das rein fiktiv gewesen wäre, irgendwie trivial gewesen wäre; meinetwegen diese fürchterlichen Dokumente über die Prügelstrafe, das kann man nur durch Dokumente zeigen. Diese Härte, wie darüber geredet wird, ob man mit der Flusspferd-Peitsche prügelt oder mit dem Tau-Ende, wie man sich damit im Kolonialinstitut auseinandersetzte, welches ist das bessere, „menschlichere“ Züchtigungsinstrument, das die Arbeitskraft erhält. Das ist nämlich das, was dahintersteckt."

"Und dahinter steckt, schreiben Sie, vermeintlich nüchtern, ein Völkermord, ein Auslöschen von Menschen, die in ihrer Arbeitskraft nicht mehr tauglich waren. Gab es da einen Moment, wo Sie solche Akten auch nicht mehr lesen konnten?"

"Ja, das muss man sagen, das ist so ein ähnlicher Vorgang, wie dann später „Am Beispiel meines Bruders“, als ich dieses Tagebuch von ihm las, aus dem Krieg. Und das wiederholt sich dann natürlich auch. Also diese unfassliche Blindheit gegenüber dem, was anderes Leben sein kann, also, dass das gar nicht gesehen wird, wie das ideologisch verdrängt wird, dass ein Mensch, der eine andere Hautfarbe hat, nicht als liebenswerter Mensch gesehen wird, sondern als etwas Vernichtenswertes."

"120 Jahre danach kämpfen die Herreros für Entschädigung, für die Rückgabe der Skelette. der Gebeine ihrer Ahnen. Was denken Sie dabei?"

"Morenga", erschienen bei dtv

"Also ich kann das überhaupt nicht verstehen, und ich finde das auch empörend, dass dies immer noch nicht geregelt ist. Vor allem, - also einige Skelette sind ja in Amerika zurückgegeben worden, auch die Bibel von Hendrik Witbooi aus Stuttgart - aber dass es noch immer nicht zu einer richtigen Entschädigung gekommen ist, das ist wirklich skandalös. Denn den Menschen, den Hereros, ist ja damals das Land weggenommen worden, und es sitzen heute immer noch die deutschen Nachkommen derer, die damals die Menschen vertrieben und umgebracht haben, auf diesem Land der Hereros. Man muss da natürlich einen Ausgleich finden, das ist klar. Und man müsste sozusagen demokratisch versuchen, erst mal im Lande selbst, den Menschen wieder Land zurückzugeben. Und das zweite wäre: Die Bundesrepublik wäre in der Pflicht, Ausgleich und Entschädigung zu zahlen. Das steht an, das muss gemacht werden."

"Uwe Timm zu Gast im 'Offenen Buch', vorab coronafrei bei Ihnen aufgezeichnet, am Arbeitstisch. Danke, dass wir hier sein durften.

"Ich danke für den Besuch!"

"Und wie begegnen Sie diesem runden Geburtstag?"

"Eigentlich gelassen. Also bei den Freiberuflern geht ja alles ineinander über, solange man schreiben kann. Und ich kann schreiben, es ist ein guter Zustand."

Hochkarätiges Gipfeltreffen: Ulrich Noethen liest aus "Morenga" von Uwe Timm

"Bester Interpret" Schauspieler Ulrich Noethen

Zum 80. Geburtstag des großen Geschichtenerzählers Uwe Timm liest Ulrich Noethen den Anfang aus dem Roman "Morenga", der soeben bei dtv neu aufgelegt wurde. Nicht nur als Schauspieler ist Ulrich Noethen preisgekrönt, Goldener Löwe, Grimme-Preis, Preis der deutschen Filmkritik, Deutscher Fernsehpreis und so weiter, sondern auch als Sprecher. 2017 wurde er etwa als "Bester Interpret" mit dem "Deutschen Hörbuch-Preis" ausgezeichnet, einer der höchsten Ehrungen, die man in diesem Genre bekommen kann.
Und Uwe Timm erzählt über sein Schreiben und über die Recherche zu seinem herausragenden Roman "Morenga".

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Zum Schriftsteller über Umwege

Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Er war der Nachzügler in der Familie und stand bei seinem autoritären Vater im Schatten des 16 Jahre älteren Bruders Karl-Heinz, der sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision meldete und 1943 in einem Lazarett in der Ukraine starb. In seiner autobiografischen Erzählung "Am Beispiel meines Bruders" unternahm Uwe Timm Jahrzehnte später den Versuch einer literarischen Annäherung an Bruder und Vater.
Geschichten faszinierten Uwe Timm von klein auf: Er lauschte dem "Seemannsgarn" seines Großvaters, einem Kapitän, schlich immer wieder zu seiner Tante ins Hafenviertel, in deren Küche sich Leute aus dem Rotlichtmilieu trafen, und schrieb schon als Schuljunge kleine Erzählungen. Zunächst machte Uwe Timm eine Kürschnerlehre, die Prüfung bestand er mit Auszeichnung. Nach dem Tod des Vaters leitete er drei Jahre lang das elterliche Geschäft, machte dann am Braunschweig-Kolleg sein Abitur nach und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte mit einer Arbeit über Albert Camus. Anschließend studierte er Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Von 1972 bis 1982 war er Mitherausgeber der "Autoren Edition". Heute lebt Uwe Timm als freier Schriftsteller in München und Berlin. Für sein literarisches Werk bekam er unter anderem den Literaturpreis der Stadt Bremen und der Stadt München, den Jakob-Wassermann-Literatur-Preis, den Heinrich-Böll-Preis, die Carl-Zuckmayer-Medaille, den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München und zuletzt den Schiller-Preis der Stadt Mannheim.

Ulrich Peltzer über Uwe Timm

"Sollte es richtig sein, was der spanische Soziologe César Rendueles in seinem Buch Kanaillen-Kapitalismus über die Demokratie sagt als Veranstaltung, bei der es weniger darum geht, »sich zu einigen, als darum, gemeinsam zu denken«, so ist die Gegenwart Uwe Timms eine Einladung zum gemeinsamen Denken, auf die gleiche Weise, wie es seine Romane, Erzählungen, Drehbücher und Filme sind. Nicht zu wissen, auf was eine Geschichte, eine biografische Rekonstruktion hinausläuft, kennzeichnet eine Arbeit, der Didaktik so fern liegt wie politisches Programm, gleichwohl man nach den Lektüren von »Morenga« oder »Am Beispiel meines Bruders«, um nur diese beiden Texte zu nennen, nicht anders kann, als sehr tief durchzuatmen, sich zu beherrschen versuchen, um nicht in blinder, also fruchtloser Wut gegen Verhältnisse anzurennen, die unabweisbar bis in die Gegenwart unsere Leben, unsere Wahrnehmung, unsere Anschauung der Welt bestimmen."
aus: "Am Beispiel eines Autors", Kiepenheuer & Witsch


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