Bayern 2 - radioTexte


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Urs Widmer Macht und Ohnmacht - ein zeitloses Spiel

Er sah in der Sprache der globalisierten Ökonomie eine große Gefahr: Urs Widmer. Der vielfach ausgezeichnete, 2014 verstorbene Schweizer Schriftsteller mit enormer stilistischer Bandbreite und mitreißender Erzähllust zeigt in seinem Rollenspiel "Macht und Ohnmacht" das Überzeitliche und offenbar Zeitlose von Machtstrukturen auf. Eine bitterböse Satire, inszeniert als siebenstimmige Lesung

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 14.05.2018

Urs Widmer (1938-2014) | Bild: picture-alliance/dpa / Ayse Yavas

"Die Fantasie, auch die verblüffendste, ist aus Wirklichkeit gemacht."

(Urs Widmer 2007 in seiner Frankfurter Poetikvorlesung)

Den Ton seiner Schreibmaschine bezeichnete Urs Widmer einmal als seine "Urmelodie". Der literarische Tausendsassa und Schweizer "Weltliterat" (Marcel Reich-Ranicki), der 2014 im Alter von 75 Jahren verstarb, hat über vier Jahrzehnte hinweg ein vielfältiges Oeuvre hinterlassen - Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Märchen sowie Klassikernacherzählungen für Kinder. Der 1938 in Basel geborene Sprachartist konnte stilistisch beeindruckene Salti schlagen; die Fabulierlust war in seinen Texten ebenso spürbar wie der Wille zur realistischen Präzision.

Das Kuratorium zur Verleihung des Jakob-Wassermann-Preises 2014 an Urs Widmer hat seine literarische Kraft wie folgt beschrieben: "Rollenprosa und Traumprotokolle, Familiengeschichten und Kindheitsdramen, apokalyptische Märchen und Reiseberichte von Orten, an denen er niemals war – Urs Widmers Werk ist ein reicher Kosmos wechselnder Formen, fabelhafter Geschichten und existentieller Themen. Krieg und Wahn, Macht und Ohnmacht, Grenzgänge zwischen Leben und Tod, Todesphantasien und Schöpfungsmythen, Damals und Jetzt, alles hat darin Platz. Alles assoziativ, oft der Traumlogik folgend, scheinbar federleicht und pointensicher geschrieben, bis das Traurige komisch, das Schwere leicht wirkt und Fakten vom Phantastischen beflügelt werden."

Urs Widmer gegen die Effizienz

Der Mann mit der ihm eigenen Lockenmähne: Urs Widmer (1938-2014), hier fotografiert auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2000.

Urs Widmer studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde der Mann mit der unverwechselbaren Lockenpracht mit seinem Erstling, der Erzählung "Alois", selbst zum Autor. In Frankfurt rief er 1969 zusammen mit anderen Lektoren den "Verlag der Autoren" ins Leben. Seine Bücher erscheinen bis heute im Diogenes Verlag. Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem „Der blaue Siphon“, „Herr Adamson“, „Im Kongo“ und „Der Geliebte der Mutter“. Widmers vielbeachtete Autobiographie „Reise an den Rand des Universums“ (2014) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er für sein umfangreiches Werk u.a. den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis (1998) sowie den Friedrich-Hölderlin-Preis (2007).

Seine bissige Sozialsatire über gefeuerte Manager "Top Dogs", ein mehrfach preisgekröntes Theaterstück aus dem Jahr 1996, war ein riesiger Publikumserfolg und wies Urs Widmer auch als ernstzunehmenden Zivilisationskritiker aus. Seine Aufgabe als Schriftsteller sah Widmer unter anderen darin, die gefährliche "Sprache der Ökonomie" zu stören. Zum Auftakt seiner Poetik-Vorlesung an der Universität Frankfurt im Jahr 2007 kritisierte er, dass wenn menschliches Handeln nur noch unter dem Effizienz-Kriterium bewertet werde, dies einen "präfaschistischen Beiklang" habe.

"Die Welt des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer war voller absurder Komik und bizarrer Weltuntergänge."

(Michael Krüger, Schriftsteller, Publizist, Übersetzer)

Von den Top Dogs bis zu den Underdogs - die Archetypen der Macht

Nicht wenig zivilisationskritischer Impetus steckt auch in dem für die radioTexte am Dienstag vielstimmig inszenierten Rollenspiel "Macht und Ohnmacht": Urs Widmer vereint die Archetypen der Machthierarchie in einer herben Satire, die die Sprachen verschiedener Epochen vereint, von der Antike bis heute. Es ist eine Strukturanalyse des offenbar immer schon dagewesenen Systems der Gewalt, eine bissige Persiflage auf alle Regime dieser Welt, die - leider - zeitlos bleibt.

"Ich war ein Feminist, bevor es überhaupt Frauen gab. Als man die ersten Frauen zu Gesicht bekam, war ich längst da und sagte ihnen, da ist euer Platz, emanzipiert euch, befreit euch, steht zu euren Gefühlen. Aber eins nach dem andern, das Andere nicht vor dem Einen. Es dauert seine Zeit, bis eine Frau ein Mann wird."

(Der Mächtige)

"Rechne mal durch, Herr, wenn du und jener und der dritte dort in der Ferne, (...) wenn ihr eine Firma habt, habt ihr ein Glaubensvolumen, das völlig marktbeherrschend ist, keine Chance für irgend ein anderes Göttchen."

(Der Höchste Geistliche)

"Wow. Tote, Tote, wie die da im Schneesturm verrecken, verkauf mal sowas an der Heimatfront. Sind immerhin die eigenen Jungs. (...) Sie sind die Glaubwürdigkeitsgaranten, die Toten. Erinnern uns daran, dass der Krieg eine Tragödie ist."

(Der Pressesprecher)

Am 21. Mai wäre Urs Widmer 80 Jahre alt geworden.

"Macht und Ohnmacht" - ein Rollenspiel von Urs Widmer

Stefan Wilkening liest in Urs Widmers Rollenspiel den "Pressesprecher".

Mit Heidy Forster (Die Mutter),
Armin Berger (Der Amokläufer),
Nico Holonics (Der Mächtige),
Thomas Loibl (Der Sklave),
Felix Rech (Der Höchste Geistliche),
Helmut Stange (Der Folterer) und
Stefan Wilkening (Der Pressesprecher)

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


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