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Ulrich Matthes liest Ilija Trojanow "Doppelte Spur" - ein spannender Politkrimi

Recherchiert habe er vor allem im Netz, wo all diese Ungeheuerlichkeiten, den mafiösen Verstrickungen zwischen Geld, Macht und Politik öffentlich zugänglich sind, erzählt der Bestsellerautor Ilija Trojanow im Gespräch. Dass der Fall Nawalny, die täglichen Nachrichten "meinen Roman anreichern, kommentieren, das habe ich noch nie erlebt, dass ich einen Roman geschrieben habe, der ein Fundament ist für das Verständnis dessen, was wir mit Schrecken jeden Tag in den Medien lesen". Schauspieler Ulrich Matthes folgt der doppelten Spur zweier Whistleblower des russischen Geheimdienstes und des FBI.

Stand: 17.09.2020

Ulrich Matthes liest aus dem neuen Roman von Ilija Trojanow "Doppelte Spur" | Bild: BR Montage/picture alliance

Es geht wie immer bei Ilija Trojanow um die großen Fragen, wie können wir in Zeiten der Digitalisierung, der Überwachung, der Informationsflut wie können wir die Machtstrukturen, die Wahrheit erkennen? Was ist Fake und was ist wahr? Wem können wir glauben? Auf welcher Seite steht die Macht? Wie kann man sich dem "System" aus Korruption und Betrug widersetzen? Wie schnell wird man zum Komplizen des "Systems"? Schon in seinem letzten Roman "Macht und Widerstand" schaute der preisgekrönte Schriftsteller auf die dunklen Flecken der bulgarischen Geschichte, auf die Staatssicherheit, deren Foltermethoden, auf die Vertuschung von Wahrheit mit mafiösen Mitteln. In seinem neuen Buch versucht er die Machenschaften der zwei mächtigsten Männer der Welt, Putin und Trump, zu durchleuchten. Innerhalb weniger Minuten wird im Roman der investigative Journalist Ilija Trojanow von zwei Whistleblowern aus FBI und dem russischen Geheimdienst kontaktiert und mit Material versorgt, Fake oder Wahrheit? Oder eine Falle?

"Die englischsprachige E-Mail versprach Belege über Machenschaften, die ich in meinen Artikeln schon wiederholt zur Sprache gebracht hatte, Machenschaften, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: Die Mafia ist nicht Teil des Staates, der Staat ist Teil der Mafia. Die russische E-Mail versprach mir Informationen über Verflechtungen zwischen der amerikanischen Regierung und ausländischen Interessen. Die Nachricht endete mit dem Satz: 'Bislang haben Sie spekuliert; wir wollen Ihnen helfen, Klarheit zu finden.' Ein gewichtiges 'wir', ein gewaltiger Anspruch. Ein Geheimdienstler, der Klarheit verspricht, das war so absurd, meine Neugier war angestachelt."

aus: 'Doppelte Spur' von Ilija Trojanow, erschienen bei S. Fischer

"Wie kann man heute überhaupt noch Realität erzählen in Zeiten, in denen die Realität von allen Seiten angegriffen wird?"

Diese Frage stellte sich Ilija Trojanow, bevor er "Doppelte Spur" begann, erzählt er im Gespräch mit Cornelia Zetzsche.

Cornelia Zetzsche: "Sie tun das zunächst einmal mit Fakten, "Doppelte Spur" führt tief in die oligarchischen Verstrickungen, politische, ökonomische, mafiöse, erzählt von der Piratisierung der russischen Wirtschaft, der Privatisierung der US-amerikanischen Politik, von weltweiten Allianzen, Korruption und dubiosen Geschäften, von mysteriösen Morden, dem Missbrauch junger Mädchen, von Fake News, geheimen Dokumenten, Betrügern und Geldwäschern. Zwei Journalisten recherchieren mit Hilfe von Whistleblowern. Warum widmen Sie den Roman allen ehrlichen Whistleblowern?"

Schirftsteller Ilija Trojanow

Ilija Trojanow: "Wir leben in Zeiten, in denen wir einerseits das Gefühl haben, es ist zu viel Information. Aber andererseits gibt es auch eine Intransparenz, vor allem in ganz wesentlichen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. Und die Whistleblower sind teilweise die letzten, die uns einen Einblick erlauben. Das ist aber ein desorientierender Einblick, das kann ein Jeder selbst überprüfen. Whistleblower sind Leute, die Licht ins Dunkel tragen, andererseits ist aber dieses Dunkle danach nicht wirklich wahr."

Cornelia Zetzsche: "Der Plot in ihrem Roman "Doppelte Spur": Ein jüdisch amerikanischer Journalist russischer Herkunft, ein Autor aus Wien namens Trojanow bekommen anfangs unabhängig voneinander, später arbeiten sie zusammen auf der Basis anonymer russischer und amerikanischer Mails, Infos von Whistleblowern. Eine Spur führt in die Welt der russischen Oligarchen und ihrer Machenschaften bis nach Tel Aviv. Es herrscht eine absolute Goldgräberstimmung, ein Nepotismus, wie man sich kaum vorstellen kann. Aber offensichtlich haben auch politische Morde Tradition. Auch davon schreibt das Buch."

Ilija Trojanow: "Ja, es ist wirklich so, dass ich ein bisschen staune, dass gewisse deutsche Politiker jetzt sagen, man muss ja die Untersuchung abwarten, ob tatsächlich irgendwie russische Behörden direkt oder indirekt hinter dem Anschlag auf Nawalny stecken. Es gibt so viele ähnlich gelagerte Fälle in den letzten nicht nur Jahren, sondern Jahrzehnten, dass man wirklich von einer Tradition der russischen Politik sprechen kann."

Der Trump Tower von innen: Hier wohnten und wohnen Verbrecher, "die Crème de la Crème der internationalen mafiösen Verstrickungen"

Cornelia Zetzsche: "In Ihrem Buch ist es so, dass die Leaks, eine Flut vertraulicher Dokumente öffnen, Abhörprotokolle der Geheimdienste über zwei Präsidenten, "Schiefer Turm" der eine und "Mikhael Iwanowitsch" der andere und ihre mafiösen Verstrickungen. "Schiefer Turm" alias Trump, eine wunderbare Bezeichnung, wenn man an die Haartolle denkt. Schiefer Turm, dessen Turm Betrüger, Agenten, Mafiosi bewohnen wird zum Zielobjekt russischer Geheimdienste. Bizarr, aber wahr?

Ilija Trojanow: "Ich glaube, das ist völlig wahr oder sehr plausibel. Erst letzte Woche hat der führende ehemalige Beamte im FBI, der für die Gegenspionage zuständig ist im amerikanischen Fernsehen gesagt, dass er sicher ist, dass Russland irgendwelche geheimen Aktenkenntnisse, Material hat, und Trump insofern ihnen zumindest soweit verpflichtet ist, dass er sehr vorsichtig agieren muss."

Ein längeres Gespräch mit Ilija Trojanow gibt es am Sonntag, dem 20. September im "Offenen Buch" und der Ausnahmeschauspieler Ulrich Matthes liest einen Ausschnitt aus "Doppelte Spur". Eine ungekürztes Audiobook ist im Argon-Verlag erschienen.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

"Weltensammler" wurde 2006 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet und stand auf der Short des "Deutschen Buchpreises"

Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. Seine Eltern mussten 1971 Bulgarien verlassen, flohen über Jugoslawien nach Italien, dann nach Deutschland, wo sie politisches Asyl bekamen. Bedingt durch den Beruf des Vaters besuchte Trojanow von 1972 bis 77 in Kenia die Schule, kam 1978 nach Deutschland zurück, wo er drei Jahre lang Deutsch lernte. 1984 machte er in Paris Abitur, studierte Jura, Ethnologie in München, reiste durch Afrika und gründete 1989 den Marino Verlag für Bücher aus und über Afrika. 1997 entstand in Zusammenarbeit mit dem ZDF das Internet-Projekt "Novel-in-Progress". Nach einigen Jahren in Bombay und Südafrika lebt er inwischen in Wien. Trojanow war Stadtschreiber in Mainz, übernahm eine Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen. 2009 hatte er das Comburg-Stipendium in Schwäbisch Hall, 2010 war er Kurator des forum autoren beim Literaturfest München, 2014 hatte er die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel inne. Daneben arbeitete er als Journalist, als Übersetzer und Herausgeber, seit 2008 etwa der "Edition Weltlese" bei der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main.
Ilija Trojanow ist einer der vielseitigsten deutschsprachigen Schriftsteller. Sein Roman "Der Weltensammler" (2006) wurde ein internationaler Erfolg.

Von Charlie Brown bis Onkel Wanja

Schon mit zehn Jahren hat der Ausnahmeschauspieler in TV-Serien mitgewirkt, Ende der 60er Jahre synchronisierte er John-Boys jüngeren Bruder Jason in der amerikanischen Kultserie "Die Waltons". Trotzdem wollte er Lehrer werden, studierte Germanistik, später dann die Zeichentrickserie "Charlie Brown".
Erst Martin Held konnte ihn überreden, sich dem Schauspielberuf ganz zu widmen.

2006 als Geschäftemacher Lopachin in Tschechows "Kirschgarten"

Nach fünf Semestern brach Ulrich Matthes sein Studium ab und nahm knapp zwei Jahre Schauspielunterricht bei der legendären Else Bongers. Seitdem steht er auf allen großen Bühnen. Er war an den Münchner Kammerspielen genauso engagiert wie am Residenztheater, am Wiener Burgtheater, am Schauspielhaus Düsseldorf, später in Berlin an der Schaubühne am Lehniner Platz. Legendär ist sein zweistündiger Kleistabend, den er mit Hermann Beil erarbeitete. Ulrich Matthes ist seit 2004 festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin.

Eine eindringliche Stimme, ein "betörender" Erzähler

2010 in "Kinder der Sonne" nach Maxim Gorki

Neben seinen vielen Charakterrollen, vor der Kamera und auf der Bühne, gehört Ulrich Matthes zu den festen Größen, wenn es "nur" um die Stimme geht, wie bei Lesung oder Hörspiel. "Stiller" von Max Frisch verlieh er seine Stimme genauso wie dem Bestseller "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann. Ulrich Matthes ist ein "betörender Erzähler", wie er in einer Laudatio genannt wurde. Bester Interpret, Deutscher Hörbuchpreis, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, um nur die wichtigsten Auszeichnungen zu nennen. Nun schlüpft Ulrich Matthes, der Spezialist für vielschichtige Charaktere in die Rolle des Butlers Stevens auf Schloss Darlington Hall, dem Protagonisten aus dem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman „Was vom Tage übrig blieb“, der 2015 von 82 internationalen Literaturkritikern und -wissenschaftlern zu einem der bedeutendsten britischen Romane gewählt wurde. Ob Hörbücher aus Stücken von Thomas Bernhard, Albert Camus oder Franz Kafka: Matthes haucht den Figuren Leben ein und zieht die Zuhörer in seinen Bann.


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