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"Sprich mit mir" - der neue Roman von T.C. Boyle Wer ist menschlicher? Wir oder das Tier?

"Er hatte kein Wort für Worte, noch nicht jedenfalls, aber trotzdem kannte er Worte. Er kannte SCHLÜSSEL. Er kannte SCHLOSS. Er kannte RAUS. Er war ein Gefangener. Auch dafür hatte er kein Wort, und wenn er es gekannt hätte, wäre es bedeutungslos gewesen." Von einem Kinderparadies mit Tierforscher Guy und seiner Geliebten Aimee, die ihm die Gebärdensprache beibringen, kommt Schimpanse Sam in eine Tierversuchsanstalt mit Elektroschocks und allen Greueltaten, die nur Menschen imstande sind, zu tun. Wieder verhandelt T.C. Boyle das Verhältnis von Mensch und Natur, von Sprache und Bewusstsein.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 28.01.2021

Schriftsteller T.C. Boyle | Bild: BR Bild / Lido

Menschen aus dem Labor, Außenseiter, Migration, Umweltkatastrophen, der Umgang mit der Natur, gehören zu den Topoi des us-amerikanischen Bestsellerautors. Wieder hat T.C. Boyle ein Szenario einer aus den Fugen geratenen Welt entworfen. Für seinen Roman "Sprich mit mir", der in der deutschen Übersetzung früher erschienen ist als die englische Oriinalausgabe, geht der Meistererzähler T.C. Boyle zurück in die 70er, 80er Jahre, als die Verhaltensforschung gerade ihren Zenit erreicht hat. Die Geschichte von Nim Chimpsky und "seinem" Professor Herbert S. Terrace, der Nim die Gebärdensprache beibringt, geht um die Welt, Konrad Lorenz und seine Graugänse oder Fernsehserien wie "Daktari" flimmern in den Wohnzimmern. Auch Sams erster Fernsehauftritt spielt in dieser Zeit.

"'Was hat er gerade gesagt?' 'Er sagt, er will einen Cheeseburger.' Tosendes Gelächter. 'Hat er einen Namen?', fragte der Moderator, der diesen gelungenen Augenblick voll auskosten wollte. Das Lächeln klebte wie aufgebügelt auf seinem Gesicht. Die Kamera schwenkte über das Publikum – ein Meer von leuchtenden Augen und offenen Mündern – und dann zurück zu Schermerhorn. Der sprach laut aus, was er zu dem Affen gebärdete: 'WIE IST DEIN NAME?' Der Schimpanse – er war wirklich süß, eine zum Leben erweckte Puppe mit großen Ohren – machte eine rasche Gebärde mit einer Hand, bevor er über sein Ohr strich, als wollte er eine Fliege verjagen, und Guy Schermerhorn übersetzte: 'Sein Name ist Sam.'"

aus 'Sprich mit mir', erschienen bei Hanser in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren

Bei diesem Fernsehauftritt sieht die schüchterne Studentin Aimee Sam zum ersten Mal, verknallt sich in den kleinen Schimpansen und schafft es, als seine Nanny bei dem Versuchsprojekt "Können Tiere sprechen" mithelfen zu dürfen. So beginnt die Dreiecksbeziehung in Boyles fulminanten, hollywoodverdächtigen Roman zwischen Sam, dem Verhaltensforscher Professor Guy Schemerhorn und der Studentin Aimée.

Fernsehstar Judy aus der TV-Serie "Daktari" 1973 bei einem Blitzbesuch in Deutschland

"'Haben Sie schon mal mit Primaten gearbeitet?' Sie schüttelte den Kopf. 'Oder mit anderen Tieren? Haustieren?' 'Meine Eltern haben einen Hund', sagte sie. 'Und eine Katze.' 'Und wie sieht’s mit Babysitten aus? Haben Sie das schon mal gemacht? Denn darauf wird es wohl rauslaufen, fürchte ich, und falls Sie auf eine Teilnahme am Projekt oder sonst irgendwelche Vorteile gehofft haben, muss ich Sie leider enttäuschen.' Er lachte. 'Das gibt’s nur für Studenten im Hauptstudium.' Dazu sagte sie gar nichts. Sie sah nur auf ihre Hände, die steif gefaltet in ihrem Schoß lagen. Er merkte, dass er es mit einer Persönlichkeit zu tun hatte, die ihm nützlich sein konnte: pflichtbewusst, zurückhaltend, keine Fragen, kein Widerspruch."

aus 'Sprich mit mir'

Doch das Projekt und die Dreiecksbeziehung gerät in eine Schieflage, es kippt aus Eifersucht und Profitgier. Sam wird an eine Versuchsanstalt verkauft und wieder befreit. Auf diesem Tableau verhandelt T. C. Boyle meisterhaft, spannend und unterhaltsam, was wir ohne Sprache sind, funkioniert Bewusstsein auch ohne sie, können Tiere fühlen, empfinden sie Angst, Liebe, Glück? Wie gehen wir um mit unser Umwelt, der Natur, den Tieren? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt T. C. Boyle, der mit seinem neuen Roman sein 29. Buch vorlegt:

"Es gibt 7 ½ Millarden von uns und das menschliche Elend ist grenzenlos. Menschen, Kinder verhungern in der Welt, es ist schrecklich, daran zu denken. Denoch scheint es mir außerordentlich grausam, von Tierversuchen zu lesen, wie von Claude Bernard, dem französischen Pharmazeuten, der kein Gespür dafür hatte, dass Tiere Schmerz empfinden können. Einmal ließ er einen lebenden Hund, den er für anatomische Studien geöffnet hatte, über Nacht aufgespannt auf dem Tisch liegen, damit er am Morgen nicht noch ein Exemplar präparieren müsste. Was mit diesen Versuchstieren geschah, berührt mich tief. Ein Schimpanse ist weitaus stärker als ein Mensch. Als Erwachsene, sind sie nicht mehr zu steuern. Was macht man mit so einem Tier, das eine Lebenserwartung von 50 Jahren hat und uns mit vier, fünf Jahren nicht mehr nützlich ist? Man steckt es in einen Käfig und benutzt es für medizinische Experimente."

"Er rüttelte mit den Händen und Füßen an den Gitterstäben, aber die waren aus kaltem Stahl und rührten sich kein bisschen, und hinter den Gitterstäben sah er nur noch mehr Gitterstäbe und kahle Wände und Schatten, die sich bewegten, und schließlich sank er in sich zusammen. Was hatte er getan? Wo war er? Wo war sein Zimmer, wo waren sein Haus und sein BETT und sein BAUM? Wo war sie, und warum hatte sie zugelassen, dass man ihn hierhergebracht hatte?"

aus 'Sprich mit mir'

Über 100 Erzählungen und 17 Romane

T. C. Boyles erster Erzählband "Descent of Man" erschien 1979. Seither schreibt er wie ein Besessener. Eben erst erschienen seine Shortstorysammlung "Sind wir nicht Menschen" 2020 und jetzt sein neuer Roman "Sprich mit mir", schon steht eine Short-Story-Band in der Warteschleife. Immer wieder überrascht er in seinen Geschichten mit ungewöhnlichen Wendungen, surrealen und aberwitzigen Szenarien. T. Coraghessan Boyle wurde 1948 in Peekskill, 60 Kilometer nördlich von New York geboren. Nach einer schwierigen Kindheit, beide Eltern waren Alkoholiker, studierte er Englisch und Geschichte. Seine erste Kurzgeschichte veröffentlichte er 1972 in der Zeitschrift "North American Revue".

Lesung und Gespräch mit Bestsellerautor T.C. Boyle im "Offenen Buch"

Am Sonntag, dem 31. Januar, begeben sich Laura Maire und Thomas Loibl auf die Spuren der drei Protagonisten Sam, Aimée und Guy aus dem spannenden und fulminant erzählten Roman "Sprich mit mir", der vor wenigen Tagen bei Hanser in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren erschienen ist. Und T. C. Boyle, zugeschaltet aus Kalifornien, erzählt von seinem neuen Roman und seiner Sicht auf Tier und Umwelt. Die ungekürzte Lesung mit Schauspieler Florian Lukas gibt es bei der Hörverlag.

Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Unzertrennlich: Selfie mit Ilka

T.C. Boyle: "Unser Bewusstsein bestimmt unsere Welt. Wir sind immer da, wir bringen Ideen, Gedanken, Wünsche hervor, und Sprache ist unser Motor. Die anderen Tiere müssen sich vor uns hüten - so viele von ihnen landen im Kochtopf, auf dem Grill oder unter den Rädern unserer Wagen. Doch auch sie haben ein Bewusstsein, sie haben ihre eigene Sicht auf die Welt, und die ist so schlüssig wie unsere - sie können uns nur nicht davon erzählen. Aber was, wenn sie könnten? Was, wenn man ihnen unsere Sprache beibringen könnte? Was, wenn sie dann Dinge sagen würden, die wir nicht hören wollen?"


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