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Liebe, Politik, Gesellschaftskritik A.L. Kennedys neuer Roman "Süßer Ernst"

"Sie müssen ihre Protagonisten lieben, denn sie stehlen einem die Ferien, die Wochenenden und die Abende. Es muss sich lohnen, mit ihnen die Zeit zu verbringen", erzählt die preisgekrönte schottische Schriftstellerin im Gespräch mit Cornelia Zetzsche. "Wenn einem im Findungsprozess eines Romans die Protagnisten, über die man nachdenkt, anfangen, Briefe zu schreiben, dann kann man anfangen zu schreiben." 24 Stunden schenkt die Schriftstellerin Meg und Jon, der Einsamkeit zu entkommen. Ein hinreißender Roman über Liebe, Politik und die britische Hauptstadt London.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 29.12.2018

A.L. Kennedy | Bild: picture-alliance/dpa

"Süßer Ernst" - der neue Roman der schottischen Schriftstellerin

"Es war kein schlechter Morgen … Die Sittiche glitten schon lebhaft umher, bremsten farb-flackernd ab… zuerst hatte es auf dem Hügel nur ein Pärchen gegeben, aber mehr als zwei brauchte es auch nicht – man denke nur an Noah. Eins plus eins macht mehr. Sie brachten den Elstern schlimme Wörter bei." aus: 'Süßer Ernst' von A.L. Kennedy

London im April, Telegraph Hill, 6 Uhr 42 morgens. Scheinbar ein Tag wie jeder andere, aber für Meg und Jon ein Schicksalstag. Er: Ende 50, Alte Schule, feiner Zwirn, Regierungsbeamter in der korrupten Polit-Clique, von seiner Frau betrogen, gedemütigt, frustriert, am Ende. Sie: 45, trockene Alkoholikerin, gescheitert, früher Wirtschaftsprüferin, nun Bürohilfe eines Tierheims, allein in der Wohnung der Eltern, hoffnungslos. Beide: Verlorene auf „Inseln der Leere“. Um sein Liebes-Defizit auszugleichen, beginnt Jon Briefe an unbekannte Frauen zu schreiben, Liebesbriefe auf Bestellung, mit Papier und Tinte, Lieferung einmal die Woche, 120 Pfund. Meg ist eine der Adressatinnen. Als sie, betört von der Süße seiner Zeilen, Jon treffen will und ihn am Postamt abpasst, beginnt ihr Liebestanz, ihr Cha-Cha-Cha, ein Schritt vor, zwei zurück.

A.L. Kennedy: "Man kann sich dafür entscheiden, in der Welt zu sein, verletzt zu werden oder nicht und lebendig zu sein. Oder man kann sehr sehr verletzt werden und beschließen, das passiert mir nie wieder. Aber dann ist man schon besiegt, noch vor der Schlacht, man gibt einfach auf. Und beide haben aufgegeben."

Hinreißend, wie. A.L. Kennedy beide erspürt: Meg im „Schmerzenskreis“ der Anonymen Alkoholiker, Jon gefangen in Lügen, und Sexismus der Männerwelt von Westminster. Traurige, verzweifelte, komische, messerscharfe, politische, gesellschaftskritische Sektionen zweier Menschen kommen daher als innere Monologe, die das Faktische, Augenscheinliche kommentieren und konterkarieren. Hinreißend, wie sie alles bloßlegt, ohne ihre Figuren zu desavouieren. A.L. Kennedy kommt ihren Figuren ganz nah.

A.L. Kennedy: "Sie müssen sie lieben, denn sie stehlen Ihre Ferien, ihre Wochenenden, Ihre Abende. Es muß sich lohnen, diese Zeit mit ihnen zu verbringen." 

„Süßer Ernst“ ist eine Liebesgeschichte und eine Hommage an London. Miniaturen, Alltags-bilder der Stadt unterbrechen das Stationendrama von Jon und Meg. Eine weinende Frau, ein Straßenmusiker knieend vor einem Kind, ein Paar verschlungen in der Choreographie seiner Umarmungen. Kleine zarte Wunder, Gesten der Freundlichkeit im Großstadtgetriebe.

A.L. Kennedy: "Die Leute würden einander töten und zerfleischen, gäbe es in den Städten nicht große Freundlichkeit, die das alles funktionieren lässt. Man muss sich der Freundlichkeit erinnern, das ist eine Gelegenheit, ja, über London zu reden, aber über Freundlichkeit und Fremde."

Freundlichkeit, ja Liebe ist das Thema dieses Liebes-, London-, Polit- und Zeit-Romans. Freundlichkeit und Liebe als Gegenentwurf zum Narzissmus der Gesellschaft und zur politischen und religiösen Hasspropaganda der Zeit. Jon, der Ministern zuarbeitet, hat keine Illusionen: „Was ist eine politische Partei? Eine Verschwörung mit Mitgliedskarten … Was ist das Parlament? Eine Institution, die verhindern soll, dass ein Aktivist aktiv sein kann. Unser nationales Credo – wir lieben königliche Babys und verachten die Armen.“

A.L. Kennedy: "Jon hat seinen Weg gemacht in einen höheren Status. Meg hat diesen hohen Status nicht. In der britischen Gesellschaft zu sein, unter der Bourgeoisie, bedeutet eine Menge Ärger. Weniger als 100 Pfund Ersparnisse, ist bedrohlich auf Messers Schneide, sogar für die nette Bourgeoisie, das ist wahnhaft, sie sind immer wahnhaft. Sie schauen herab und denken, nie würden sie in der Küche arbeiten, und sie arbeiten in der Küche. Viele Leute leben mit dieser Bedrohung, aber diese beiden Menschen sind alt genug, um eine soziale Beweglichkeit zu haben. Das gibt’s heute nicht mehr. Aber sie sind Monster der Vergangenheit."

Eine andere Hauptfigur in diesem Roman ist die Sprache, tänzerisch, witzig, stilistisch brillant, temporeich, gedankenschnell, angetrieben von Megs und Jons inneren Stimmen an diesem einen Tag, von 6 Uhr 42 bis 6 Uhr 42. A.L. Kennedy wirbelt ihre Figuren um 360 Grad und schaut, was passiert.

A.L. Kennedy: "Yeah – ich drehe und drücke sie um 360 Grad und sehe, was geschieht."

Von süßem Ernst ist diese Sprache und ironisch grundiert, von Ingo Herzke und Susanne Höbel souverän und spielerisch ins Deutsche übertragen; sehr mündlich, aphoristisch, punktgenau, etwa wenn Meg befürchtet, "alles, was ich anfasse mit Versagen zu infizieren." Wenn Jon den politischen Gegner sieht: "sanft wie der Anfang einer schweren Krankheit.“
Und die Wirklichkeit? "Die Wirklichkeit ist unhöflich, man sollte ihr aus dem Weg gehen."

2-teilige Lesung und Gespräch mit A.L. Kennedy

A.L. Kennedy am Empfang des Bayerischen Rundfunks

Für "ihr eigenwilliges literarisches Werk, in dem sie die Grenzen der menschlichen Seele und zugleich die des Schreibens auslotet – nie ohne Humor, abgründig und zärtlich. Ihr Blick auf politische und soziale Zustände schärft gesellschaftliche Diskussionen, etwa über den Irak-Krieg oder den Brexit" wurde A.L. Kennedy mehrfach ausgezeichnet. Neben dem "Heinrich-Heine-Preis" der Stadt Düsseldorf erhielt sie unter anderem den "Somerset Maughan Preis" und den "Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur". Die Schauspielerin Katja Bürkle begibt sich in die schräge Welt der britischen Autorin und durchlebt mit den Protagonisten Meg und Jon die 24 Stunden, in denen der Roman "Süßer Ernst" spielt.

Teil 1 am 16. Dezember
Teil 2 am 23. Dezember, jeweils sonntags um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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