Bayern 2 - radioTexte


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"Dieser Roman leuchtet auf jeder Seite" Lutz Seiler und sein preisgekrönter Bestseller „Stern 111“

"Stern 111" erzählt von "den Straßen der guten Gedichte", von Träumen und Lebenswelten in Zeiten der Wende, von Eltern- und Kindbeziehungen. "In Lutz Seilers kunstvollem Roman wird groß und genau die Neuordnung der Dinge in einem plötzlich regellosen Raum beschrieben, und das in der Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen", heißt es in der Jury-Begründung. Cornelia Zetzsche stellt den mit dem "Preis der Leipziger Buchmesse" ausgezeichneten Roman in zwei Teilen vor. Gespräch und zweiteilige Lesung mit Lutz Seiler in "radioTexte - Das offene Buch" auf Bayern 2.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 22.03.2020

Lutz Seiler | Bild: picture-alliance/dpa

Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Lutz Seiler

"2010 wollte ich diesen Roman schreiben", erzählt Lutz Seiler im Gespräch mit Cornelia Zetzsche, "auch schon als eine Art Doppelroman, also auch schon mit den Berlin-Anteilen von Carl. Ich hab‘ dann ein Jahr in der Villa Massimo gesessen, habe auf diesem Manuskript gekniet, und es wollte sich nicht fügen. Und damals ist eben aus einem kleinen, als Rückblick-Kapitel geplanten Textteil Kruso entstanden. Das waren fünf Seiten. Daraus sind dann die 500 Seiten des Romans Kruso entstanden. Und jetzt war ich irgendwann so weit, dass ich dachte, nein, ich möchte es nochmal probieren, dieses Buch zu schreiben und etwa ab 2016 hab ich dann ernsthaft daran gearbeitet. Und ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist."

Lutz Seiler 2014 bei der Verleihung des "Deutschen Buchpreises" für seinen Roman "Kruso"

Mit Kruso, dieser Geschichte von Freundschaft und Freiheit, Träumen und Traumata im Sommer 89 auf der mythischen Insel Hiddensee, gewann Lutz Seiler 2014 den Deutschen Buchpreis. Stern 111 beginnt nun, wo Kruso endete und erzählt von Familie Bischoff 1989/90. Während Walter und Inge, die Eltern nach dem Mauerfall ohne jede Erklärung Gera Richtung Westen verlassen, sucht Sohn Carl, bislang Maurer und Student in Liebesnot, eine neue Existenz als Dichter in Berlin.

"Er ist halt ein Mittzwanziger", so Lutz Seiler, "der wirklich getrieben ist von der Idee, das absolute Gedicht zu schreiben. Er hat eine bestimmte Vorstellung vom Schreiben, auch von Poesie. Sein großes Ziel ist, den Übergang zu finden in eine Art poetisches Dasein. Einerseits ist er ein gelernter Maurer, ein Baufacharbeiter, andererseits ist er ein Dichter, oder er träumt davon, ein Dichter zu sein. Aber es ist gerade dieses Handwerk, die Fähigkeiten als Maurer eröffnen ihm dann eine Tür in diese neue Zeit."

Bachmann-Preisträger 2007

Lutz Seiler 2007 in Klagenfurt

"Die Stöße der Gleise waren jetzt stärker und kamen unregelmäßig; mit ausgestreckten Armen hielt ich mich zwischen den Wänden der winzigen Kabine. Aus dem kotbespritzten Stahlpott dröhnte ein metallisches Winseln und Fauchen herauf, in dem sich ab und zu auch ein Gelächter Luft zu machen schien, das irgendwo im Abgrund, im Schotter des Bahndamms hocken mußte und mir wie ein verächtliches Semeysemey in den Ohren hallte." So beginnt der Textauszug aus "Turksib", mit dem Lutz Seiler 2007 den Bachmann-Preis gewann.

In einem sogenannten „Rudel“, das sich „Arbeiterguerilla“ nennt, in dieser Hausbesetzer-Szene in Prenzlauer Berg, probt Carl, Mitte 20, mit seiner Jugendliebe Effi, ein neues Leben, eine „poetische Existenz“. Die Eltern durchleben Flüchtlingslager, Hilfsjobs, auch viel Demütigung und Ablehnung als „die aus dem Osten“, bis Walter Karriere macht und sie sich ihren Traum erfüllen können im fernen Amerika mit seinen Stars. Das Kofferradio „Stern 111“ spielt dabei eine entscheidende Rolle: "Ich bin ein absoluter Radiohörer, also mehr als Fernsehen, muss ich sagen, ich bin eigentlich ein Radio-Fan. Das Radio lässt einfach den Kopf frei. Und man hat einen anderen Zugang, es gibt eine andere Verbindung zwischen Rezeption und eigener Phantasie."

Lutz Seiler, einer der herausragenden deutschsprachigen Schriftsteller derzeit, begann eigentlich als Poet, der die Abraumhalden des Uranbergwerks bedichtete, unter dem sein Heimatdorf verschwand. Längst ist er ein preisgekrönter Erzähler – immer schreibt er auf der Basis eigener Erfahrungen. Sein Carl Bischoff hat viel mit ihm gemeinsam, die Maurerlehre, die Berliner Erfahrungen, das Verlassenwerden von den Eltern, all die Stationen aus Stern 111: "Ich möchte nicht auf diese eigenen Erfahrungen als Material für das Schreiben verzichten. Aber sobald ich anfange, im Text zu sein, sobald das Schreiben beginnt, regieren vollkommen andere Gesetze. Also die Literatur hat ihre Eigengesetzlichkeit. Ich folge im Grunde dem Klang des Satzes, bestimmten Satzmelodien, auf die ich immer wieder hinauswill."

Dichter und Romancier

„Der Hallraum eines Gedichts sollte nicht kleiner sein als der eines Romans. Jedes gute Gedicht könnte so der metaphorische, rhythmische oder gestische Kern eines Romans sein,“ schrieb der Lyriker Lutz Seiler in seinem Essay "Sonntags dachte ich an Gott".

Mit seinem fulminanten Stern 111 zog Lutz Seiler, Mitte 50, vorbei an Ingo Schulzes kriminalistisch vertracktem Wende-, Liebes-, Schelmenroman Die rechtschaffenen Mörder; vorbei an jüngeren Kollegen/innen wie Leif Randt und Allegro Pastell, der Geschichte einer durchgestylten modernen Fernbeziehung, die scheitert; vorbei an dem rasanten, poetisch- dunklen Monolog von Maren Kames; und vorbei an Verena Güntners Power über Kerze, ein Mädchen, das rattenfängergleich die Kinder des Dorfes in den Wald lockt, wo sie wie Tiere im Rudel leben, abseits der verrohten Erwachsenenwelt. – Der Preis der Leipziger Buchmesse bedeutet nicht nur 15000 Euro, sondern vor allem multimediale Aufmerksamkeit. Kruso, Lutz Seilers Vorgängerroman, gewann schon den "Deutschen Buchpreis" und verkaufte sich rund 300 000 mal, eBooks, Audio-Books, Auslandslizenzen nicht gerechnet. Stern 111 dürfte einen ähnlichen Schub erleben. Und neben der Geschichte der Familie Bischoff ist dieser phantastische, traumhafte poetische Wende-, Liebes-, Künstler- und Berlin-Roman auch eine Hommage an das Kofferradio „Stern 111“, das in dem Werk entstand, das Lutz Seiler – welcher Zufall – mit seiner Brigade seinerzeit erbaute.

"Die Titelfindung ist wirklich ein langer Prozess, und es gibt während der ganzen Arbeit am Manuskript auch so eine Longlist, und dann gibt es eine Shortlist, und da stehen dann so ein paar Titel drauf. Und am Ende hat sich dann eben Stern 111 herauskristallisiert als absoluter Favorit, weil ich im Schreibprozess bemerkt habe, dass ich dieses Motiv des Radios für das Ende und die Auflösung auch des Eltern-Rätsels eine zentrale Rolle zuschreiben kann, im wahrsten Sinne des Wortes."

Zweiteilige Lesung und Gespräch mit Lutz Seiler

Bestsellerautor Lutz Seiler

Auch wenn die Leipziger Buchmesse und die Buchpreisverleihung in der großen Messehalle nicht stattfanden, so wurde doch der "Preis der Leipziger Buchmesse" vergeben. Nicht im Trubel der Messe erfuhr der Dichter und Romacier von seiner Auszeichnung, sondern daheim an seinem Frühstückstisch. Lutz Seiler, der herausragende Schriftsteller liest und erzählt über seinen Roman Stern 111 an zwei Sonntagen im "Offenen Buch", jeweils um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Stern 111 - Teil 1 am Sonntag, dem 15. März

Stern 111 - Teil 2 am Sonntag, dem 22. März

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Die beiden Teile sind auch als Podcast abrufbar in der BR Mediathek/Podcast/Lesungen


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