Bayern 2 - radioTexte


11

Mit Peter Probst Reise ins literarische Sardinien

Nirgendwo sonst prallen das archaische und das globalisierte Italien so unvermittelt aufeinander wie auf Sardinien, der Insel der Korkeichen, der Nuraghen, des Pecorino. Peter Probst, Drehbuchautor und Sardinien-Liebhaber, erzählt im Gespräch, in welchen Insel-Klischees ein wahrer Kern verborgen ist. Dazu Lesungen sardischer Autorinnen und Autoren

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 17.08.2018

Bärenfelsen | Bild: BR/ Annette Eckl

"In Sardinien ist das Schweigen noch immer der am häufigsten gesprochene Dialekt. Die Worte sind Orte und enthalten doch die ganze Welt", sagt die sardische Schriftstellerin Michela Murgia. Nach einigen Jahren in Mailand lebt die 1972 in Cabras (Oristano) geborene Autorin wieder auf Sardinien, weit entfernt vom "Kontinent", wie die Insulaner das Festland bezeichnen. In ihren "Sardischen Notizen" erzählt Murgia von "ihrem" Sardinien, das weit entfernt liegt von der Insel der Postkarten. Von stolzen Inselbewohnern mit eigenwilligen Sitten, von Legenden über Tote durch den Biss von Vampirfrauen, von den Grenzen der begehbaren Wege, die mal von Küsten, mal von Blei- und Zinkminen gebildet werden oder von der künstlerischen Gegenwart auf Sardinien mit erfolgreichen Jazz- und Literaturfestivals. Michela Murgia gelingt es scheinbar spielend, eine große Entdeckerlust jenseits von Badestränden und Touristenpfaden zu wecken.

Literarischer Streifzug über die größte Insel im westlichen Mittelmeer

Obwohl viele Klischees das gegenwärtige Bild der größten Insel im westlichen Mittelmeer bestimmen: einsame Schäfer, edle Banditen, wortkarge Familien im Landesinneren, Luxusküsten, Yachthäfen, wilde Partys von Medienzaren und russischen Parvenüs mit halbseidener Gefolgschaft. Dem gegenüber versuchen viele Insulaner, ihre Identität zu bewahren, ihre Traditionen zu pflegen – kurzum: jeglicher Form von Korruption und Kontamination auszuweichen.

Vom sardischen Philosophen und Kulturtheoretiker Antonio Gramsci, der als politischer Häftling mehrere Jahre in einem Gefängnis in Süditalien verbrachte, stammt der Satz: "Wenn Sardinien eine Insel ist, so ist jeder Sarde eine Insel auf der Insel". 

Die Verfilmung von Gavino Leddas preisgekrönter Autobiografie "Mein Vater, mein Herr" (Padre padrone) erhielt 1977 in Cannes die "Goldene Palme".

Auf der literarischen Erkundungsreise der radioTexte begegnen wir atemberaubenden Naturkulissen, archaischen, mythischen Landschaften, Zeugnissen moderner Hybris und immer wieder Menschen, deren Schicksale und gesellschaftliche Spielregeln von den großen Stimmen der sardischen Literatur - u.a. Michela Murgia und Gavino Ledda - erzählt werden und uns in ihren Bann ziehen.

"Der finstere sardische Hirte mit der Flinte über der Schulter gehört zur Ikonografie des Landes. Aber gibt es ihn noch?"

(Peter Probst)

Der literarische Inselbegleiter

Peter Probst, 1957 in München geboren, studierte italienische Literatur und lebte zeitweilig in Rom. Seit Jahren schreibt er Drehbücher (u.a. für den Münchner "Tatort") und Kriminalromane. Seit 1994 ist er als Gastdozent an verschiedenen Film- und Fernsehakademien (DFFB Berlin, HFF München und BAF) tätig. Für seine Fernsehspiele wurde er mehrfach ausgezeichnet, seine Krimis von der Kritik hoch gelobt. Sein Drehbuch "Die Hebamme - Auf Leben und Tod" brachte Probst u.a. den Grimme-Preis 2012 ein.

Das gemeinsam mit seiner Frau Amelie Fried im selben Jahr publizierte Sachbuch "Verliebt, verlobt...verrückt?" war monatelang auf den Bestsellerlisten. Im Jahr 2012 war er Writer in residence im sardischen Dorf Gavoi, das alljährlich das Literaturfestival "L'Isola delle Storie" veranstaltet. Aus seiner Reise entstand das Buch "Gavoi: Ein sardisches Tagebuch 2012", erschienen im Eisenhut Verlag.

"Da ist es wieder, das Italien, in das ich mich vor über dreißig Jahren so verliebt habe und von dem ich mich während der Ära Berlusconi so verraten fühlte. Plötzlich entsteht auf dieser Geschichten- und Denkinsel, die so weit von den Zentren der Macht entfernt ist, die verrückte Hoffnung, unsere Ideen und Worte könnten noch etwas bewirken."

(Peter Probst über das Literaturfestival in Gavoi)

Sardische Notizen

Christian Baumann liest für die radioTexte am Dienstag aus "Sardinien - eine literarische Einladung.

Texte der Nobelpreisträgerin Grazia Deledda, von Marcello Fois, Michela Murgia, Virgilio Lilli und Gavino Ledda

Es lesen Annette Wunsch und Christian Baumann.

Die Geschichten wurden aus dem Buch "Sardinien - eine literarische Einladung" ausgewählt, das von Michela De Giorgio und Otto Kallscheuer herausgegeben wurde und bei Wagenbach erschienen ist.

Moderation: Peter Probst und Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


11