Bayern 2 - radioTexte


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Recht auf Faulheit! Paul Lafargue kämpfte gegen den Arbeitswahn

Ausgerechnet der Schwiegersohn von Karl Marx war ein Kämpfer für "Das Recht auf Faulheit": Mit seiner 1880 erschienenen Streitschrift provozierte der französische Mediziner und Sozialist Paul Lafargue aber nicht nur seinen legendären Schwiegervater. Nichtsdestotrotz fand Lafargues beißende Kritik an Kapitalismus und Überproduktion, am Arbeitsethos der Bourgeoisie und Elend des Proletariats zahlreiche Anhänger. "Das Recht auf Faulheit" wurde zu seiner berühmtesten Schrift. Es liest Shenja Lacher.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 25.04.2018

Bei der Lektüre: Schauspieler Shenja Lacher (rechts) und Antonio Pellegrino von den radioTexten im BR-Studio | Bild: BR / Kreutzer

"Oh Faulheit, hab' Mitleid mit unserem langwierigen Elend! Oh Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, sei Du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!"

Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit

In verwirrenden Zeiten, in denen in unserer Regierungs-Agenda die Vollbeschäftigung als Nahziel postuliert wird, in denen aber ebenso die Ängste vor den Arbeitsmarktveränderungen durch die Industrie 4.0 sowie die Hoffnungen auf ein bedingungslosen Grundeinkommen kursieren, lohnt sich vielleicht ein Blick in die nicht allzu ferne Vergangenheit. Ende des 19. Jahrhunderts echauffierte sich nämlich der französische Mediziner und Sozialist Paul Lafargue über die Industriegesellschaft mit ihren Götzen Arbeit, Profitmaximierung und Konsumwahn.

Der 1842 in Santiago de Cuba geborene Sohn eines Kaffeeplantagenbesitzers schrieb in seinem berühmtesten Werk "Das Recht auf Faulheit" aus dem Jahr 1880 gegen das in der Pariser Februarrevolution 1848 geforderte "Recht auf Arbeit" an. Dieses "Recht auf Arbeit" verhöhnt Lafargue in seinem Essay als "Recht auf Elend". Männer, Frauen und Kinder des Proletariats schleppten sich "wie Christus, die leidende Personifikation der antiken Sklaverei" den "Kreuzweg des Leides" hinauf. Sein Gegenentwurf: a) Begrenzung der Arbeitszeit auf drei Stunden pro Tag, und b) Erhöhung der Löhne. Beide Schritte würden die Kapitalisten dazu zwingen, die Maschinen zu verbessern, damit die Arbeit erledigt werden kann. In diesen Maßnahmen würde der Beginn eines "neuen Universums" keimen können. Doch von diesem durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat könne man keinen "männlichen Entschluss" verlangen, so fährt Lafargue in seinem temperamentvollen Text fort, aus dem vor allem der Frust spricht, dass die Arbeitsbedingungen nach 1848 in keinster Weise humaner geworden waren.

Paul Lafargue und Karl Marx

Karl Marx, der berühmte Schwiegervater Paul Lafargues

Lafargue gehört zu den Gründern der Parti ouvrier, der ersten marxistischen Partei Frankreichs (1882). Seine politische Schulung verdankte er Pierre-Joseph Proudhon sowie Karl Marx, dessen Londoner Haus er regelmäßig aufsuchte. Dort lernte er die Tochter des "Kapital"-Verfassers kennen. 1868 heiratete Lafargue Laura Marx. Das Verhältnis zu seinem Schwiegervater soll nicht das beste gewesen sein, zumal Marx den Schwiegersohn mit kreolischen Wurzeln angeblich als "Neger" oder "Abkömmling eines Gorillas" beschimpfte.

1911 wählten Laura und Paul den Freitod, den Paul in einer Notiz so begründete: "Gesund an Körper und Geist, töte ich mich selbst, bevor das unerbittliche Alter, das mir eine nach der anderen alle Vergnügungen und Freuden des Daseins genommen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat, meine Energie lähmt, meinen Willen bricht und mich für mich und andere zur Last werden lässt." Auf dem Friedhof Père Lachaise hielt Lenin die Grabrede.

Für die radioTexte hat Shenja Lacher "Das Recht auf Faulheit" eingelesen. Seine Arbeitszeit blieb, ganz im Sinne Lafargues, unter drei Stunden.


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