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Die letzten Jahre des Dichterfürsten Gerhart Hauptmann Hans Pleschinskis neuer Roman: "Wiesenstein"

Grundlage für diesen zweiten großen Schriftsteller-Roman nach Thomas Mann war eine ausführliche Recherche. Erstmals durfte Hans Pleschinski Gerhart und Margarete Hauptmanns Tagebücher von 1933 - 1945 sichten. Sie ermöglichten dem Schriftsteller Innenansichten des großen Dramatikers und Romanciers. Sie zeigen seine Wankelmütigkeit, seine Eitelkeit, das träumerische Wesen und den Melancholiker, seine ambivalente Haltung zum NS-Regime und das elitäre Leben eines im Dunst seines Werkes lebenden Literatur- und Kulturstars.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 01.06.2018

Wiesenstein | Bild: picture-alliance/dpa

"Wiesenstein" - Gerhart Hauptmanns mystische Schützhülle

Die Liebe zu seiner Villa, zur "mystischen Schutzhülle seiner Seele", wie Gerhart Hauptmann "Wiesenstein" nannte, zeigt den unbedingten Willen, auch noch 1945, wo alle Deutschen aus Schlesien vor der "Roten Armee" flüchteten, nach Niederschlesien zurückzukehren. Stalin hatte das Land zur Plünderung freigegeben, zu einem rechtsfreien Raum erklärt.
In dieser dramatischen Zeit beginnt der bildstarke "Gerhart Hauptmann"- Roman. Als alle Flüchtlingstrecks von Osten nach Westen ziehen, manövriert Margarete Hauptmann mit Sekretärin und Masseur ihren schwer kranken Ehemann nach Osten in Richtung Riesengebirge. Im zerstörten Dresden, wo sich beide in einem Sanatorium behandeln ließen, erreichen sie mit militärischen Begleitschutz den Bahnhof.

März 1945 - Am Bahnhof in Dresden

Erschienen bei C.H. Beck

"Einen Speisewagen wird es kaum geben.' 'Das Sanatorium hat Schnitten gemacht.' Noch mehr Blicke streiften die vier Harrenden am Bahnsteighäuschen von Gleis zwei. Natürlich war die Gruppe schon länger aufgefallen. Das betagte Paar, eher Herrschaften, kam vielen bekannt vor. Von Zeitungsfotos natürlich, aus Wochenschauen, von einem mehrseitigen bebilderten Bericht in der Illustrierten Signal über sein Leben in der Villa im Riesengebirge, eine Wandelhalle im Garten, das Arbeitszimmer mit Stehpult, die Schiffsmodelle unter der Decke, das Ehepaar am Kamin, der dicke Turm der Hausburg. 'Dann eben ohne warmen Imbiss.' Die Dame im wadenlangen Nerz, eine Baskenkappe schräg auf dem weißen Haar, lehnte sich übermüdet gegen die Wand des Bahnhäuschens. 'Vielleicht zieht sich der Russe noch weiter zurück.' 'Mein Dresden, mein Kleinod', gab der Alte, vor ihr zusammengesunken auf einem eleganten Koffer, von sich. 'Ich will zu Hause sterben.' – Konnte er es sein? Hier? Jetzt?"

 (aus: 'Wiesenstein' von Hans Pleschinski)

Hans Pleschinski

Hans Pleschinski wurde am 23. Mai 1956 in Celle geboren. Studierte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften. Seit 1985 ist er freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks. Bekannt wurde er vor allem für seine Herausgabe der Briefe zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen und der Briefe von Jeanne Antoinette Poisson de Pompadour und des Tagebuchs des Herzogs von Croÿ "Nie war es herrlicher zu leben". Mit seinem Thomas Mann Roman "Königsallee", 2013 erschienen, landete er einen Bestseller. Hans Pleschinski ist seit 2015 Direktor der Abteilung Literatur der "Bayerischen Akademie der Schönen Künste", Chevalier dans l’ordre des Arts et des Lettres, ausgezeichnet mit dem Tukan-Preis, dem Literaturpreis der Landeshauptstadt München und vielen anderen.

Stilistisch brillant verwebt Hans Pleschinski die Greuel der Zeit, das Ende des Zweiten Weltkrieges mit den letzten eineinhalb Jahren des großen Dichterfürsten, der hoch oben in seiner prachtvollen Villa "Wiesenstein" lebt wie auf einem fernen Stern inmitten des tobenden Kriegs. Viele vergessene Werkausschnitte werden zitiert, viele Gedichte des Barockdichters Andreas Gryphius ziehen sich durch den fast 550-seitigen Roman: "Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! / Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun / Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret...", Zeilen, die 300 Jahre vorher diese grausamen Kriegsjahre der 1940er beschreiben. Hans Pleschinski zeichnet ein Szenario von Untergang und Vernichtung, von prächtigen Festen, von altdeutschem Bürgertum, von Gesprächen des Dichterfürsten mit seinen illustren Gästen und auch mit seiner Lieblingspuppe, einem Hans-Wursten aus Italien mitgebracht, mit dem er oft in Versform allein in seinem Zimmer diskutierte.

Gerhart Hauptmann und seine Protzburg "Wiesenstein"


Die Hauptmanns waren berühmt, waren Stars ihrer Zeit. Seine zweite Frau Margarete, eine mondäne Frau, Violinistin, extravagant, kühl und sachlich, und Gerhart Hauptmann, ein gastfreundlicher Mensch, der es genoss, im Mittelpunkt zu stehen, der gerne Hof hielt und sich zitierte, und das ganz flüssig, obwohl er eigentlich ein Stotterer war. Bei Hauptmanns herrschte Weihnachten 1944 noch Frackzwang, in ihrem pompösen Heim gingen die Kulturgranden aus aller Welt aus und ein, auch NS-Verbrecher wie Hans Frank, der Schlächter von Polen, der Hauptmanns Werk verehrte.
"Die Weber" wurden auf der ganzen Welt gespielt, seine erste Werksgesamtausgabe von 1912, dem Jahr, in dem er den Literatur-Nobelpreis erhielt, wurde auch ins Russische übersetzt. Gerhart Hauptmann bekam dadurch viele Schutzbriefe, die nicht immer halfen. Ein schillernder Roman über Schuld und Moral, über Liebe und Hoffnung, Verzweiflung und Angst. Er erzählt vom Ende des Krieges, dem Verlust von Heimat, von der großen Flucht und vom Untergang des altdeutschen Großbürgertums.

Lesung und Gespräch im "Offenen Buch"

André Jung vertieft in Gerhart Hauptmanns Kosmos

Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler André Jung, vor der Lilienthal-Ära festes Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele, begibt sich einfühlsam auf die Spuren von Gerhart Hauptmann. Gekonnt, kunstfertig erweckt er den sprachmächtigen Roman von Hans Pleschinski zum Leben.

Lesung und Gespräch am Sonntag, dem 3. Juni,
um 12.30 Uhr in radioTexte - Das offene Buch, auf Bayern 2.
Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche


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