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Sibylle Canonica liest Peter Stamm "Wenn es dunkel wird"

Eine junge Frau, inzwischen Polizistin, geht in ihren Heimatort zurück, in ein Schweizer Tal, in dem einst ein Unglück geschah. In der Titelgeschichte "Wenn es dunkel wird" des neuen Erzählbandes von Peter Stamm kommen mit dem Nebel über einer mystischen Karstlandschaft plötzlich Erinnerungen hoch, alles wird buchstäblich lebendig. Lesung mit Sibylle Canonica und Cornelia Zetzsche im Gespräch mit dem Schweizer Schriftsteller Peter Stamm.

Stand: 01.09.2020

Schriftsteller Peter Stamm und Schauspielerin Sibylle Canonica | Bild: picture-alliance/dpa

Elf Kurzgeschichten zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Tag und Nacht, wo uns plötzlich die Realität entrückt, wo uns die Welt, das Gewohnte unheimlich wird. Was, wenn unsere Phantasien, unsere Erinnerungen realer werden als die Wirklichkeit? Peter Stamms Geschichten erzählen von der Brüchigkeit der Welt, von Schuld und Sehnsucht.

Cornelia Zetzsche: "Wenn es dunkel wird, wenn Unbewusstes und Bewusstes, Erinnerung und Erleben, Traum und Wirklichkeit verfließen, in diesem Zeitraum sind alle elf Geschichten ihres neuen Erzählbandes angesiedelt. Warum der Titel? Was interessiert Sie an diesem Zwischenraum?"

Der neue Erzählband von Peter Stamm erscheint am 23. September bei S. Fischer, das dazugehörige Hörbuch bei Parlando

Peter Stamm: "Ich habe einfach irgendwie so einen neuen Hang zum Irrationalen entdeckt, nicht nur bei mir, überhaupt in der Gesellschaft. Ich weiß nicht, ob das mit der Digitalisierung zu tun hat, damit, dass man uns vormacht, die Computer würden bald so intelligent sein wie wir, dass wir uns vielleicht wieder auf das besinnen, was den Menschen eben noch ausmacht, was kein Computer einholen kann. Und das sind genau diese Bereiche, in denen Dinge so ein bisschen unklar werden und verschwimmen."

"Alle Figuren haben, fand ich, so eine Aura von Einsamkeit, oft ist auch sexuelles Begehren im Spiel. Was ist bei diesen Figuren, die sich alle merkwürdig verhalten, die Triebfeder?"

"Tja, das ist eine gute Frage."

"Sie müssten Ihre Figuren doch kennen."

"Die Figuren kenne ich schon. Aber was die genau antreibt, ist mir immer noch nicht so ganz bewusst. Aber es stimmt schon, sie sind meistens allein, und Alleinsein ist natürlich im Grunde genommen schon einen Mangel für sich, und man sucht dann immer das Gegenüber und sucht Kontakt und kann ihn doch nicht finden, oder kann ihn vielleicht finden für eine gewisse Zeit. Also, der Mensch, der allein ist, hat mich immer mehr interessiert als der Mensch, der mit anderen zusammen ist."

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm

"Warum?"

"Ich glaube, weil dann Dinge rauskommen. Ich merke das auch, wenn ich auf Reisen bin, zum Beispiel allein sehe ich viel mehr, als wenn ich in einer Gruppe reise oder mit meiner Familie. Man ist einfach durchlässiger, man ist irgendwie offener, man hat Mangel in einem gewissen Sinn."

"Für alle ist die geschilderte Situation, man könnte auch von Novelle sprechen, ein Innehalten, eine Prüfung, ein Wendepunkt vielleicht, und zwar wenn sie jemand anderem begegnen, dann dringen sie vor zum Kern ihres eigenen Wesens, hat man den Eindruck. Ist das richtig?"

"Ja, ich denke immer, Selbsterkenntnis ist ja was sehr Schwieriges. Aber ich glaube, dass wir uns eigentlich am ehesten erkennen, indem wir uns in anderen Menschen spiegeln oder merken, wie andere Menschen auf uns reagieren oder mit uns interagieren, und da werden wir erst wirklich wir selbst. Wenn ich allein bin, bin ich eigentlich keine Person."

"Sie haben ein paar Semester Psychologie und Psychopathologie studiert. Ist das für Ihr Schreiben irgendwie wichtig, denn in diesen Geschichten sind Sie wirklich total in den Figuren drin?"

"Wichtig und nicht wichtig. Ich habe mir immer gesagt, ich muss Menschen studieren, nicht Bücher, daraus macht man ja Literatur, aus Menschen. Ich war dann aber eher enttäuscht vom Fach, weil ich halt schon gemerkt habe, die Literatur kann viel wahrer über Menschen sprechen als die Psychologie, weil es in der Psychologie immer darum geht einzuordnen und zu verallgemeinern. Man muss halt eine Diagnose stellen. Als Autor muss ich keine Diagnosen stellen. Ich beschreibe einfach Menschen."

"Und sie müssen nicht kategorisieren. In ihrer Biografie las ich, eigentlich wollten sie Schiffsbauer werden oder Koch, Fotograf, Kriminalist. Tatsächlich haben Sie im kaufmännischen Bereich begonnen, schrieben Romane, Stücke, Erzählungen, Hörspiele, und zwar viele und viele preisgekrönt und sehr gut verkauft. Was brachte Sie zum Schreiben?

"Ich glaube schon die Freude. Also erst mal habe ich natürlich viel gelesen schon als Kind. Und ich denke, wer liest, kommt automatisch mal auf den Gedanken, ich könnte ja auch schreiben. Das tun natürlich zum Glück nicht alle, aber ich habe dann irgendwie gedacht, ich will das auch können, wie die Autoren, die ich geschätzt habe. Und dann war es eben wie so oft, man entscheidet sich irgendwann, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Und ich habe dann einfach daran festgehalten, gegen alle Widerstände und Schwierigkeiten."

"Zum Beispiel?"

"Erst mal natürlich ein gutes Buch zu schreiben, das ist mir nicht leicht gefallen, da habe ich lange gebraucht, bis ich einen Text hingekriegt haben, wo ich wirklich dachte, dass man sich nicht "verhebet", wie man in der Schweiz sagt, also, der Text ist jetzt so gut, dass man ihn publizieren kann. Und natürlich ist es eine schwierige Branche, das wissen Sie auch als Literaturredakteurin, also mit Brötchen kann man mehr Geld verdienen als mit Büchern."

"Na ja, Blitzeis, würde ich sagen, war doch nicht schlecht verkauft."

"Ja, ja, klar, es ging ja dann gut. Aber es ist nicht so, dass das von selbst geht."

"Was stimuliert Sie denn zu einer neuen Geschichte?"

"Das können kleine Dinge sein. Manchmal ist es ein Ort, manchmal ist es ein Mensch, den ich sehe oder eine kleine Geschichte oder ein Element, das ich höre, eine Konstellation, die mich interessiert. Ich habe kürzlich gehört von Patienten-Darstellern, also Menschen, die im Krankenhaus Patienten spielen, in der Ausbildung zur Krankenschwester. Da habe ich sofort gedacht, da müsste eine Geschichte drinstecken. Ich habe das dann recherchiert, aber noch keine Erzählung daraus gemacht, aber irgendwann gibt es vielleicht eine."

Einmal in "Der erste Schnee", der Winterfahrt einer Familie, worin der Vater zeitweise abhandenkommt, ist von einem Handy und einem Computer die Rede. Ansonsten wirken Ihre Geschichten wie aus der Zeit gefallen. Die könnten auch im 19. Jahrhundert spielen. Zeit oder Zeiten, welche Rolle spielen die, denn Sie changieren ja auch zwischen den Zeiten?"

"Ich würde nie einen historischen Roman schreiben. Ich lege Wert darauf, dass meine Geschichten in einer Zeit spielen, die ich kenne, die ich beschreiben kann. Ich kann nicht das 19. Jahrhundert beschreiben, ich weiß nicht, wie sich das angefühlt hat. Aber die wichtigen Dinge in unserer Zeit sind dann eben doch nicht die Handys und Computer. Die haben meine Leute zwar, sie kommunizieren per E-Mail oder per Mobiltelefon, aber das ist nicht, was sie ausmacht. Und darum lass ich das dann auch oft weg."

"Was macht sie aus?"

"Schon diese Stimmung, die in unserer Zeit herrscht, und da kommt das Irrationale rein mit all diesen Verschwörungstheorien. Und gerade jetzt in der Corona-Krise. Das Buch habe ich ja vorher geschrieben, aber man merkt, es gibt so eine Beunruhigung in der Gesellschaft. Und das finde ich schon interessant in einer Zeit, wo es uns vermutlich so gut geht wie nie, und trotzdem hat man manchmal das Gefühl, es ist mehr Angst da als während des Krieges oder so, es ist ganz verrückt."

"Verunsicherung auch, Ratlosigkeit … "

"Ja, und natürlich auch ein schlechtes Gewissen gegenüber der Dritten Welt, gegenüber der Natur. Es ist eine ganz komische Zeit, eine spannende Zeit für Autoren, aber eine komische Zeit."

"Einmal wird Tiefencastel genannt, ein Ort in Graubünden, einmal ist vom Kanton Glarus die Rede, aber eigentlich sind die Orte unwichtig, oder?"

"Die sind sehr wichtig für mich, wenn ich schreibe. Ich muss genau wissen, wo das ist, und ich muss mir die Orte vorstellen können, ich muss auch dagewesen sein. Also, dieser eine Ort, in dem die Titelgeschichte spielt, da bin ich bestimmt zehnmal gewesen, weil ich den einfach begreifen wollte. Aber es geht nicht darum, dass die Leute jetzt wissen, die Leserinnen und Leser, wo das genau ist."

"Was ist das für ein Ort? Was wollten sie begreifen an dem Ort?"

Karstlandschaft auf der Silbernen Alp

"Schon in meinem vorletzten Roman stürzte ein Mann ab und fällt in eine dieser Karstspalten. Dieser Ort lässt mich irgendwie nicht los, das ist ein ganz besonderer Ort in den Bergen, eine Hochebene, ganz zerklüftet. Es gibt einen Weg dorthin, sonst kann man da eigentlich nicht hin, weil das einfach zu gefährlich ist. Der Fels ist ganz weiß, und der leuchtet so in der Sonne, wenn die Sonne scheint. Es ist oft neblig. Man kann da verschwinden. Und das hat mich irgendwie fasziniert. Es ist ganz anders als andere Berge drum herum. Und unter diesem Karstgebiet gibt's eins der größten Höhlensysteme Hunderte von Kilometern Höhlen, die man inzwischen kennt. Da gibt es vermutlich noch viel mehr, die man noch nicht kennt.

"Wo man sich verbergen könnte?"

"Ja."

"Das passt auch gut zu meinem Eindruck von dieser Geschichte "Wenn es dunkel wird", in der die Erzählerin von der Vergangenheit eingeholt wird. Denn die klingt tatsächlich wie ein uralter Mythos wie ein uraltes Märchen. - Dankeschön, Peter Stamm."

"Gerne."

Schauspielerin Sibylle Canonica liest aus "Wenn es dunkel wird"

Schauspielerin Sibylle Canonica

In gut drei Wochen erscheinen die Erzählungen von Peter Stamm bei S. Fischer und das dazugehörige Hörbuch bei Parlando. Am 6. September können Sie vorab die Titelgeschichte "Wenn es dunkel wird" hören. Die Schauspielerin Sibylle Canonica führt uns in die wundersame Karstlandschaft auf der Silberen Alp, wo im Nebel verschiedene Welten zusammenrücken.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

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