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Ausgezeichnet als "Beste Interpretin" Deutscher Hörbuchpreis für Valery Tscheplanowa

Nelli, die Erzählerin, kommt zur Familie Leithner. Ein verträumtes Wesen, das sich ihre eigene Welt erschafft. Ein Mädchen ohne Gedächtnis, das sich Notizen macht und die Natur beobachtet. Eine Außenseiterin, die geduldet wird, aber mehr nicht. Eines Tages taucht ein Kriegsgefangener auf mit einem geheimnisvollen Bild. Zwischen ihm und Nelli entspinnt sich eine zarte Freundschaft. Das neue Buch von Paulus Hochgatterer gelesen von Schauspielerin Valery Tscheplanowa wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2018 ausgezeichnet: "Intensiv wie ein Kammerspiel", so die Jury.

Stand: 25.01.2018

Valery Tscheplanowa  | Bild: Cornelia Zetzsche

Auch in seiner neuen Erzählung bleibt der österreichische Schirftsteller und Kinder-Psychiater Paulus Hochgatterer seinem Motto treu: "Man kann nichts objektiv erkennen, weder sich noch die Welt. Man kann sich ihr nur annähern, wenn man weiß, dass sie doch fern und unbekannt bleibt."
Und so beginnt die Geschichte der dreizehnjährigen Nelli.

14. März 1945

Die Erzählung erscheint am 24. Juli bei Deuticke zeitgleich mit dem Hörbuch bei audiomedia

"Die Schwalben sind da. Manchmal verändert so etwas alles. Du stehst irgendwo, zum Beispiel vor dem Haus, und denkst nach oder betrachtest die Wolken wie an jedem Tag, und nach einer Weile merkst du, dass etwas anders ist. Du blickst erst den Horizont entlang, über die Hügel, die Dächer, die Baumkronen. Dann suchst du nach einem Pfeifen in der Luft, nach einem Brummen oder vielleicht nach einem Geruch. Am Ende schaust du nach, ob du dir unbemerkt in deine Kleider ein Loch gerissen hast, am Ärmel vielleicht, am Knie oder unter der Achsel. Du findest nichts. Plötzlich weißt du es: Es sind die Schwalben, die zurück sind. Sonst ist heute alles wie gestern. Die jagenden Wolken, die Maulwurfshügel, die abgebrochenen Äste unter den Obstbäumen, der Kleiber, der vorne die Scheunenwand auf und ab läuft. Kleiber sind Glückstiere, sagt Laurenz, genau wie Kröten oder Igel oder Hirschkäfer. Elstern und Füchse bringen Unglück, sagt er. Die Schwalben stoßen herab wie Pfeile und ziehen schräge Schleifen zwischen Scheune und Stall. Ab und zu setzen sie sich für ein paar Sekunden auf den Scheunenfirst. Bei den Schwalben bin ich mir nicht sicher, ob sie Glück bringen oder Unglück."

Dicht und voller Poesie beschreibt Paulus Hochgatterer die Welt der kleinen Nelli, die Ende Oktober 1944 auf den Bauernhof der Familie Leithner kommt. An ihren Namen kann sie sich nicht erinnern, auch nicht an ihre Eltern. Von Ferne hörte man ein paar Tage vor Nellis Erscheinung die amerikanischen Luftangriffe auf Linz, vermutlich kamen die Eltern dabei ums Leben.

"Ich gehe hinten ins Haus, steige die Treppe hoch, trete rechts in die Mädchenkammer und hole mir eins der braunen Hefte aus dem Schrank, einen Bleistift und das kleine Taschenmesser mit dem Horngriff. Keiner sieht mich. Wieder runter und raus. Ich laufe vom Scheunentor schräg über die Wiese zum Hausgarten, den grauen Lattenzaun entlang und dann zwischen den Feldern den Hügel hinauf. Ganz oben, seitlich von einem verkrüppelten Schlehdornbusch, drehe ich mich rasch um die eigene Achse, einmal und noch einmal und noch einmal. Dann setze ich mich in die Wiese.
An dieser Stelle, dicht neben dem Busch, ist der Boden fast immer trocken. Ich blicke mich um. Hier sehe ich alles. Hier ist mein Platz.
Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht."

Paulus Hochgatterer: 'Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war'

Eines Tages taucht dann ein russischer Kriegsgefangener auf dem Hof auf, Michail Levjochin. In einem Wachstuch eingerollt unterm Arm ein Bild. Vielleicht Franz Marcs verschwundenes Bild „Der Turm der blauen Pferde“?

Krimi- und Roman-Autor Paulus Hochgatterer

Paulus Hochgatterer ist Primarius am Landesklinikum Tulln für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Immer wieder spielen Jugendliche und Kinder, Außenseiter und psychisch Kranke als Grenzgänger zwischen Phantasie und Realität eine wesentliche Rolle in seiner Literatur. Dicht und hochpoetisch ist sein Erzählstil. Für seine Romane und Erzählungen wurde der Autor mehrfach ausgezeichnet.

Deutscher Hörbuchpreis 2018 für die Schauspielerin Valery Tscheplanowa

Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin mit der geheimnisvollen Stimme, die einen sofort wie magisch in die Welt der kleinen Nelli hineinzieht, wurde für ihre Lesung mit dem "Deutschen Hörbuchpreis" 2018 ausgezeichnet.

Valery Tscheplanowa | Bild: Cornelia Zetzsche zum Audio radioTexte - Das offene Buch Valery Tscheplanowa liest Paulus Hochgatterer

"Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war", so heißt der Roman des österreichischen Schriftstellers, den Valery Tscheplanowa für den BR/ Bayern 2 und den Audio Media Verlag eingelesen hat. Nun wird sie für ihre sensible Interpretation ausgezeichnet. [mehr]

Begründung der Jury:

"Wer die Theaterschauspielerin Valery Tscheplanowa jemals auf der Bühne erleben durfte, weiß, warum die Wahl als Beste Interpretin auf sie gefallen ist. Spielen ist für sie immer und ganz besonders auch: sprechen. Mit verzaubernder Stimme sagt sie alles, was zu sagen ist. Dabei bleibt sie dem Text in all seiner Vagheit treu, vermag ihn aber dennoch mit feinen und leisen Beobachtungen zu durchsetzen. Intensiv wie ein Kammerspiel."

Ungekürzte Lesung auf 2 CDs, erschienen im Audio Media Verlag, eine Koproduktion mit Bayern 2, Ton und Technik: Fabian Zweck.
Redaktion und Regie: Cornelia Zetzsche.


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