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"Heimweh nach einer anderen Welt" Kurzgeschichten von Ottessa Moshfegh

Die 1981 geborene Ottessa Moshfegh gilt in den USA mit ihren drei Romanen und ihren brillanten Shortstories zu einer neuen Generation von radikalen Erzählerinnen. Ihre Protagonisten sind schräg, abgefahren, Eigenbrötler, die auch mit einem gewissen Eigensinn auf Abwegen unterwegs sind, in Welten zwischen den Welten. Mit ihren 14 Stories "Heimweh nach einer anderen Welt" entfächert die Schriftstellerin ein Panorama einer Art Nebengesellschaft. Alkoholkranke, Frustrierte, seltsame, neurotische Wesen auf abwegigen Wegen. Brillant, schräg, skurril, düster, grotesk und voll bösem Humor.

Stand: 27.06.2020

Schriftstellerin Ottessa Moshfegh | Bild: waterstones.com

"Heimweh nach einer anderen Welt"

Sie sei zu 100% ein Workaholic, erzählt Ottessa Moshfegh aus Pasadena in Kalifornien, 38 Jahre jung und eine preisgekrönte Autorin, die mit ihrem Roman „Eileen“ für den Man Booker Prize nominiert war, die Drehbücher schreibt und deren Short Stories sprachlos machen mit ihrer gnadenlosen Mischung aus Düsternis und Komik. Vom New Yorker bis zur Paris Review überall erscheinen ihre hochgelobten Kurzgeschichten. 

„Heimweh nach einer anderen Welt“ ist der Titel des neuen Erzählbands von Ottessa Moshfegh, die von vielen wechselnden Schauplätzen von Los Angeles über die Ostküste der USA bis nach China erzählt und von schrägen, neurotischen, abgerissenen Figuren. Alles überzogen mit Düsternis, meint Cornelia Zetzsche, die sich mit Ottessa Moshfegh über Skype austauschte. Warum diese Düsternis im sonnigen Kalifornien?

Cornelia Zetzsche: "Heimweh nach einer anderen Welt“ versammelt 14 Geschichten mit 14 Figuren. Da gibt es eine alkoholkranke, frustrierte Lehrerin; den einsamen Mr. Wu, hoffnungslos verliebt in eine Frau, die in einer Spielhalle arbeitet. Larry arbeitet und lebt mit Behinderten, um Nähe und Zugehörigkeit zu spüren. John will seine tote Frau mit einem Strichjungen betrügen, einem Beach Boy, wie sie es wohl zuvor getan hat. Ihre Figuren sind verzweifelt, unfähig etwas zu ändern, angezogen von Ekel und Hässlichkeit. Es gibt keinerlei Illusion über ihre Schwächen. Keinen Ausweg. Keine Gnade. Haben Sie manchmal Mitleid mit Ihren Figuren?" 

Ottessa Moshfegh: "Sie tun mir nicht leid, sie sind ja nicht real."

"Sie haben kein Mitleid, aber Humor. Die anrührendste Geschichte ist die letzte: das Zwillingsmädchen, das versucht, in die bessere Welt zu gelangen, indem es die richtige Person tötet. Was für eine verstörende Idee! Was war der Anlass für diese Geschichte?"

Mit dem Roman "Eileen" nominiert für den Man Booker Prize 2016

"Diese Geschichte war für mich auch die emotionalste beim Schreiben. Diese Geschichte, "Ein besserer Ort", verdichtete und löste einige der existenziellen Probleme, die ich durch die Figuren und all die früheren Geschichten zeigen wollte. Und als ich sie schrieb, war das die direkteste Antwort auf das, was ich so verrückt daran finde, am Leben zu sein. Wissen Sie, es kam einfach aus mir heraus, es fühlte sich so natürlich, so persönlich an. Es fing genau das ein, was ich als Kind und Jugendliche empfand, als ich die Leute um mich herum sah, die Gesellschaft insgesamt und meine Familie. Es war genau dieses überwältigende, seltsame Gefühl, dass ich nicht wirklich von hier, dass ich anders bin; dass ich nicht weiß, woher ich komme, wohin ich gehe."

"Der ganze Erzählband ist getragen vom Lebensgefühl, nicht dazu zu gehören. Sehen Sie das als grundlegend existenzielles Gefühl einer modernen Existenz? Oder ein besonderes Phänomen in einer Zeit mit ihren artifiziellen Welten? Mit einer Politik der Fake News? Oder hat es etwas mit Ihren Eltern als Immigranten zu tun? Was sind also die Ursachen für dieses Gefühl der Nichtzugehörigkeit?"

"Sie haben es gerade aufgezählt. All diese Dinge können zu einem Gefühl der Entfremdung beitragen und zu dem Gefühl, dass die Realität wirklich bizarr und vielleicht absurd und gewalttätig und schrecklich ist. Und ich denke, für junge Menschen, für die Psyche eines jungen Menschen, ist das unglaublich enttäuschend."

"Ihre Eltern kommen aus dem Iran und aus Kroatien. Sind sie aus politischen Gründen emigriert?"

"Meine Eltern sind beide aus Ländern, die vom Faschismus verwüstet wurden. Sie gingen fort, um frei zu leben, sie konnten nicht in ihren Heimatländern bleiben. Ich habe das Gefühl, fortzugehen war beides, traumatisch und befreiend. Ich bin dankbar, in den USA geboren zu sein. Ich muß mich nicht um meine Staatsbürgerschaft sorgen, ich bin sicher, wo ich bin. Auf der anderen Seite ist mir, mehr als der typischen dritten und vierten Migrantengeneration bewußt, daß die Dinge sich sehr schnell ändern können. Und ich verstehe einfach diesen selbstzerstörerischen Impuls von Rassismus nicht. Oder ich verstehe ihn, aber ich widerspreche ihm zutiefst. Ich denke, das ist tragisch. Was ich sagen will: Amerika ist eine Kolonie und wurde gegründet auf dem Fundament von Gier eines gewalttätigen Weltreichs. Und obwohl ich dem widerspreche und denke, das ist eine Tragödie für den Planeten und für die Menschen auf diesem Planeten, liebe ich es, hier zu leben. Dieses Land ist wirklich schön und eindrucksvoll."

"Sie sind sehr erfolgreich und preisgekrönt mit Ihren Stories und Romanen. Ihr vierter Roman erscheint jetzt im Juni. Sie schreiben Drehbücher. Sind Sie ein Workaholic?"

"O ja, zu 100 Prozent! Selbst wenn ich abspüle oder nach draußen gehe, arbeite, denke und plane ich und versuche, konzentriert zu bleiben, so sehr ich kann. Ich bin sicher ein Workaholic. Mir ist unwohl, wenn ich mich von meinen Projekten entferne, sie geben mir gleichzeitig Freude und Frieden. Ich versuche immer, als Schriftstellerin besser zu werden und tiefer in mir zu graben, in mir, in meinen Überzeugungen, meinen Möglichkeiten. Es mag ironisch klingen, aber für mich ist Schreiben eine Art Suche nach der Wahrheit."

Moshfeghs neuer Roman "Death in Her Hands" ist gerade auf Englisch erschienen, eine Kriminalgeschichte, in der es natürlich weniger darum geht, einen mysteriösen Tod aufzuklären, sondern vielmehr um über das Leben nachzudenken und den Tod: Nichts ist sicher, nicht einmal der Tod. Typisch Moshfegh. Eine außerordentliche Erzählerin, radikal, die das Abgründige im Alltäglichen aufzeigt.

Schauspielerin Katja Bürkle

In radioTexte - Das offene Buch stellt Cornelia Zetzsche am Sonntag, den 28. Juni, den Erzählband "Heimweh nach einer anderen Welt" vor. Die Schauspielerin Katja Bürkle liest Ausschnitte aus "Durchgeknallt" über schräge Typen aus Los Angeles, abseits der schicken Boulevards in einer bröckelnden Betonsiedlung mit kranken, abgeknickten Palmen und Innenhöfen voller Müll, Krähen und Vogelscheiße. Zugeschaltet aus LA Ottessa Moshfegh. "Vierzehn seltsame, verlorene Figuren in vierzehn dunklen Geschichten, die uns Leser wirklich treffen, berühren, schockieren und erschüttern mit ihrer düsteren Brillanz", meint Cornelia Zetzsche.

radoTexte - Das offene Buch - jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

"Durchgeknallt"

"Meinen Freund konnte ich nicht ausstehen, aber die Gegend fand ich gut. Es war ein Stadtteil voll mit verschatteten, heruntergekommenen Bungalows und Reparaturwerkstätten. Die Apartmentanlage war ein paar Stockwerke höher als die übrigen Gebäude, und aus unserem Schlafzimmerfenster konnte ich bis hinunter ins Tal schauen, das immer in orangefarbenen Smog gehüllt dalag. Mir gefiel das Geschundene, Hässliche. In der Gegend liefen alle mit gesenktem Kopf herum, wegen der vielen Vögel. Schwarze Tauben mit knallroten Beinen und scharfen, an den Spitzen goldenen Klauen. Mein Freund meinte, das seien ägyptische Krähen. Er war davon überzeugt, sie seien geschickt worden, um ihn zu beobachten, deshalb verhielt er sich noch vorsichtiger als sonst."

aus: 'Heimweh nach einer anderen Welt', aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Liebeskind


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