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5 Jahre NSU-Prozess - 437 Verhandlungstage Esther Dischereit "Ich kaufe ein in diesem Laden"

Lange schon beschäftigt sich Esther Dischereit mit Ausgrenzung und Fremdenhass in Deutschland. Auch den Prozess um Beate Zschäpe und den "Nationalsozialistischen Untergrund" verfolgte sie zunächst aus journalistischem Interesse. Doch bevor Opfer auf "Karteikarten" verschwinden, setzte die Schriftstellerin den Ermordeten ein künstlerisches Denkmal und schrieb ein Libretto für eine Oper "Blumen für Otello - Über die Verbrechen von Jena", das von Saliah Yeniol auch ins Türkische übersetzen wurde. Aus acht Klageliedern machte Beate Ackers für das Deutschlandradio ein poetisches Hörstück.

Stand: 13.07.2018

Esther Dischereit | Bild: Sandro Most

437 Verhandlungstage, 93 Nebenkläger, 815 Zeugen und Sachverständige geladen

Auch nach dem Urteil des Münchner Oberlandesgericht werden uns die Morde des "Nationalsozialistischen Untergrunds", des NSU rund um Beate Zschäpe weiter beschäftigen. Über Jahre beging das Thüringer Trio um Beate Zschäpe mindestens zehn Morde, mehrere Bombenanschläge und Banküberfälle. Bei den Ermittlungen der deutschen Behörden kam niemand auf die Idee, in rechtsextremen Kreisen zu nachzuforschen, so dass sich das Trio ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit bewegen konnte. Ein Skandal und unerträglich, wie die Journalistin und Schriftstellerin Esther Dischereit sagt. Statt in rechtsextremen Kreisen zu ermitteln, wurden die Opfer verdächtigt, kriminalisiert, stigmatisiert.

Esther Dischereit: "Ich wollte die Betroffenen und Getöteten sichtbar machen"

Gefahndet wurde nicht in rechtsextremen Kreisen, sondern verdächtigt wurden Sinti und Roma, türkische Familien, Nachbarn und Familienangehörige der Opfer, die Drogenmafia. Bis nach Anatolien wurde ermittelt, in einem der größten Verfahren der deutschen Kriminalgeschichte. Doch niemand suchte in der rechtsextremen Szene, der Terrorzelle in Zwickau zum Beispiel. Cornelia Zetzsche im Gespräch mit der Schriftstellerin Esther Dischereit über ihre Einschätzung zum NSU-Prozess und ihre künstlerische Verarbeitung, die "Klagelieder" in ihrem Libretto "Blumen für Otello - Über die Verbrechen von Jena".

Cornelia Zetzsche: Beate Zschäpe bekam die Höchststrafe, lebenslange Haft, eine "besonders schwere Schuld" wurde bestätigt. Wie war Ihre Reaktion auf das Urteil oder eigentlich die fünf Urteile, muss man sagen.

Esther Dischereit: Es ist so, dass ich das schon mit einer gewissen Erleichterung sehe. Es geht ja darum, wie kann so etwas wie Rechtsfrieden überhaupt wieder hergestellt werden, das ist ja offenbar das Wesen des Urteilsprechens überhaupt. Und dadurch, dass sich das so sehr lange hingezogen hat, war das natürlich auf eine schwere Probe gestellt. Auch wenn man sagen muss, dass das Urteil selbst sicherlich in keiner Weise den gesamten Umfang der zu ermittelnden Täterschaft abdeckt.

Wie bilanzieren Sie denn dieses Mammutverfahren, die Unterstützerkreise sind ja völlig offen?

Ja, und das halte ich für ausgesprochen gefährlich. Die Vorstellung, dass diese Menschen nach wie vor unbehelligt im Lande herumziehen und womöglich weitere Taten begehen, das ist ein Moment. Das andere Moment ist die Frage des Wissens und Mitwissen staatlicher Behörden, auch das ist höchst beunruhigend.

Und wir haben gut in Erinnerung, dass die rassistischen Motive zu spät erkannt wurden, dass die Opfer zum Teil im kriminellen Milieu wurden?

Witwe Elif Kubasik an der Gedenktafel der NSU-Morde

Ja die Opfer wurden im kriminellen Milieu gesehen. Es wurden Eifersuchtsszenarien entwickelt, und alles, was geeignet ist, die Reputation eines Bürgers oder einer Bürgerin zu desavouieren, wurde aus der Schublade geholt. Während die Idee, bei einer rassistischen Mordserie, deren Opfer offensichtlich keinen Zusammenhang hatten, dann nach rechts zu ermitteln, Rechtsterrorismus für möglich zu halten, diese Idee wurde eben nicht verfolgt. Es besteht auch nach wie vor keine Pflicht, dies als Ermittlungsrichtung überhaupt anzunehmen, und da gibt es eine sehr deutlich aufgebrochene Leerstelle, auch in der Verfasstheit, wie die Polizei aufgestellt ist.

Unheimlich fand ich bei aller Prozessberichterstattung, wie Beate Zschäpe da saß, wie ein Medusen-Haupt?

Dazu will ich nicht so viel sagen. Ich fand eigentlich viel schlimmer, dass die Angehörigen, die Zeuginnen und Zeugen, die selber noch hoch traumatisiert waren, gezwungen waren, sich in einer solchen Nähe zu den mutmaßlichen Tätern und Täterinnen zu befinden; also rein körperlich empfand ich die Nähe zu Frau Zschäpe, zu Herrn Emminger,  zu Herrn Wohlleben eine Zumutung für die Leute, die aussagten.

Ihre "Klagelieder" gelten den Opfern und ihren Familien. Mit welcher Intention haben Sie solche Verse geschrieben?

Opfer des NSU

Mich hat das ungeheuer bewegt, dass ich Zeugin eines rassistisch motivierten Verbrechens in der Bundesrepublik geworden war, das nach 1945 sicherlich in diesem Ausmaß neu und nicht für möglich gehalten worden wäre. Ich wollte alles tun, dass begriffen wird, wie fundamental das ist, was das für ein Einschnitt für das Zusammenleben bedeutet. Und ich wollte, dass die Gesichter derer, um die es geht, im öffentlichen Raum da sind, und dass die Klage da ist, dass eine Trauer im öffentlichen Raum platziert ist, denn da gehört sie auch hin. Die Ermordeten sind nicht privat umgekommen, das wäre schlimm genug. Nein, sie sind ja auch umgekommen, während der Staat zugesehen hat. Und ich fand das eine ganz dringende Aufgabe, dass diese Trauer im öffentlichen Raum gehalten wird.

Sehen Sie sich als eine Art Antigone?

Ja! Antigone ist meine Figur und an sie habe ich auch häufiger gedacht. Eine Frau, die ihren Bruder beerdigen muss. Sie muss das tun, ganz gleich, was sie das selbst kosten wird. Sie muss etwas vollziehen, sie muss diese Trauer haben, sie muss sie zeigen und sie muss rituell auch das tun, was sich für die Ehrung der Opfer gehört.

Interessanterweise erinnern Ihre Texte zwar an die Opfer, also den Ehemann, den Vater, den Sohn, den Nachbarn, aber ihre konkreten Namen haben Sie nicht genannt.

Nein, ich habe nicht konkrete Opfer, die wir beklagen müssen, zum Gegenstand eines Porträts gemacht. Ich hatte den Eindruck, dazu habe ich keine Befugnis. Weder die Familien haben mir das erlaubt, noch haben sie mir selber so viel Einblick in ihre Privatsphäre gegeben. Und das, was die Akten dann als Papier ans Licht gezerrt haben, das stand mir eigentlich auch nicht so einfach zu, sie zu verwenden. Gleichwohl hat es natürlich Anhaltspunkte gegeben. Und so habe ich mich auch an den Informationen orientiert, die über die Ermittlungen zu Papier gebracht wurden, die aber interessanterweise im weiteren Verlauf gar keine Rolle spielten. Es hat sich ja niemand dafür interessiert, dass hier jemand zwei Kinder hinterlässt, dass hier jemand eine Ehefrau und eine alte kranke Mutter hinterlässt, diese Fragen haben mich interessiert! Und das hätte jeden von uns interessiert! Jeder kann wissen, was das bedeutet, wenn so eine Familie einen Verlust zu beklagen hat. Und so habe ich mich angelehnt an das, was ich vorfand, aber doch ganz eigene Figuren geschaffen.

Wollen Sie sagen oder andeuten, um wen es in „Ich kaufe ein in diesem Laden“ geht?

„Ich kaufe ein in diesem Laden“ imaginiert eigentlich die Idee einer Nachbarin, eines Nachbarn, der ein Mordopfer auffindet, der in diese Situation kommt. Diese Hilflosigkeit, damit umzugehen, wird zum Thema gemacht, aber auch die schon da anzudeutende Hintergründigkeit der Vorkommnisse, die das vielleicht ermöglicht haben. Da wird ein ganzer Kosmos aufgemacht von Figuren, ein Polizist, ein weiterer Polizist, ein Flieger… Das sind natürlich Andeutungen, die in Richtung Ermittlungsbehörden und Richtung MAD, der Geheimdienste und so weiter gehen. Ich habe das zu einem Zeitpunkt geschrieben, wo wir noch viel weniger genau belegen konnten als jetzt, und gerade da sah ich die Möglichkeit, als Fiktion auszusprechen, was als Verdacht schon stark im Raum stand, und das wollte ich dann nutzen, bei Habil Kilic zum Beispiel. Die Zeugin, die Herrn Kilic fand, hat das vor Gericht beschrieben. Das alles hat in diesem Gedicht fortgewirkt, und doch ist es nicht diese Zeugin.

Weshalb sind Teile Ihrer Texte von Saliah Yeniol ins Türkische übersetzt?

Für mich ging es damit um eine symbolische Wertschätzung. Es ging zu keinem Moment um die Frage, ob es Menschen aus der türkischen Community in Deutschland lesen können oder nicht, die können ja überwiegend alle sehr gut Deutsch, die können sozusagen doppelt lesen. Aber es sollte eine symbolische Wertschätzung sein.

‚Übungen, jüdisch zu sein‘, ‚Mit Eichmann an der Börse‘ heißen zwei Ihrer Bücher über jüdische und andere Angelegenheiten. Sie haben ein besonderes Sensorium für diese Themen der Ausgrenzung, des Schweigens. Was kann denn Kunst überhaupt leisten über Nachrichten hinaus?

Schriftstellerin und Hörspielautorin Esther Dischereit

Ich weiß es nicht. Aber es war doch deutlich: Die Arbeiten, die dokumentarisch gemacht worden waren, die waren gründlich, die waren schockierend und gleichzeitig schockierten sie doch nicht. Und ich habe mich immer gefragt, wo das herkommt? Dass die Aufblätterung des Realen eben doch nicht so einfach eine ganz bestimmte Tiefe erreichen kann. Und ich glaube, dass das tatsächlich nur die Kunst kann. Ich habe ja die ‚Klagelieder‘ an vielen Orten auch selber aufgeführt, auch in den USA und in europäischen Ländern. Menschen haben dabei häufig geweint, die Texte haben sie irgendwo getroffen. Obwohl sie viel weniger über die Zusammenhänge des NSU und der Mordopfer in Deutschland gewusst haben, haben sie irgendwie verstanden, dass es um eine ganz elementare Trauer geht.

Die Kunst hat es hier ermöglicht, Dinge auszusprechen, die JournalistInnen, JuristInnen, PolitikerInnen nicht aussprechen können, weil sie sich immer an diese Aktenlage halten müssen, an das, was sie recherchiert haben. Und es sind ja Berge von Akten, Lastwagen voller Papiere! Da hat man große Mühe, zur Essenz wieder zurückzukehren. Und die Essenz all dieser trockenen Tage der Untersuchung, des Fragens, der Antworten, des Akten Lesens, sind die Leute, um die es geht, sind die Menschen, die ermordet wurden.

Klagelieder für die Opfer der NSU-Verbrechen

Esther Dischereits Libretto für eine Oper: "Blumen für Otello. Über die Verbrechen von Jena.", aus dem die Regisseurin Beatrix Ackers acht Klagelieder für "Deutschlandradio Kultur" mit Kompositionen von Ipek Ipekcioglu zu einem Hörstück montierte. Gewidmet den Opfern der rechtsextremen Terroristen. Zweisprachig, auf Türkisch und Deutsch, übersetzt von Saliah Yeniol, gelesen von Corinna Kirchhoff vom Berliner Ensemble und der Schauspielerin Idil Üner.

Ausschnitte aus dieser Montage mit dem Titel "Ich kaufe ein in diesem Laden" sind am Sonntag, dem 15. Juli, zu hören in "radioTexte - Das offene Buch", um 12.30 Uhr auf Bayern 2.
Es lesen Corinna Kirchhoff und Idil Üner. Regie: Beate Ackers,
Redaktion: Barbara Wahlster und Cornelia Zetzsche.
Zu Gast im Studio: Esther Dischereit

Corinna Kirchhoff

Corinna Kirchhoff studierte an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin Schauspiel und debütierte 1983 unter der Regie von Peter Stein als Irina in Tschechows "Drei Schwestern" an der Berliner Schaubühne. Ein Jahr später wurde sie mit dem O.E.Hasse-Preis ausgezeichnet. 1996 wurde sie von "Theater heute" zur "Schauspielerin des Jahres" gekürt. Neben vielen Rollen für Film und Fernsehen spielte sie an renommierten Theaterbühnen, zum Beispiel am Züricher Schauspielhaus, am Wiener Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen. Zur Zeit ist sie festes Mitglied des Berliner Ensemble.

Idil Üner

Idil Üner wurde am 1. August 1971 in Berlin geboren. Sie studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Schauspiel und Gesang. Vor allem durch ihre Dreharbeiten mit Fatih Akin und Thomas Arsian wurde sie einem größeren Publikum bekannt. Ihr 2001 gedrehter Kurzfilm "Die Liebenden vom Hotel Osman", für den sie das Buch schrieb und Regie führte, erhielt den Deutschen Kurzfilmpreis. Seit fünf Jahren spielt sie an der Seite von Erol Sander in der ARD-Krimireihe "Mordkommission Istanbul" die Rolle der Ehefrau Sevim Özakin.


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