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500 Seiten Amerika von Punk bis Trump Nell Zink und ihr neuer Roman "Das hohe Lied"

Rebellisch, subversiv, punkig, klug und witzig beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink über drei Generationen hinweg das Leben in den USA. Von einer der wohl schlechtesten Punk-Bands, zu der sich ihre drei Protagonisten, Pam, Joe und Daniel zusammenschließen, und über Donald Trump, über dessen Kandidatur sie einen Wahlstrategen der Demokraten sagen lässt: "Die Stadt steht bis zu den Knien in ungetrunkenem Champagner." Es geht ums Überleben in den 1990er Jahren, um den Börsencrash, um Aufbruch und Ausbruch aus Konventionen, um Hipsters und Punks.

Stand: 10.09.2020

Schriftstellerin Nell Zink | Bild: picture-alliance/dpa

"Ohne Geld würde sie von Manhattan abprallen wie ein Vogel von einer Fensterscheibe." Das waren die ersten Gedanken von Pam, einer der drei Hauptprotagonisten aus Nell Zinks neuem 500-Seiten-Roman, als sie zum ersten Mal auf Manhattan blickte.

In der Übersetzung von Tobias Schnettler erschienen bei Rowohlt

"Als sie das Autobahnkreuz vor dem Eingang zum Lincoln Tunnel erreichten und sie von ihrem Platz in dem stinkenden Bus aus Die Türme von Manhattan sah, war dies der aufregendste Moment ihres Lebens, sämtliche Erlebnisse rund um Sex, Musik, Natur und Drogen definitiv eingeschlossen. An der Ecke Forty-First Street und Eighth Avenue trat sie auf den Gehsteig hinaus. Die Erfahrung, die sie auf den Innenstadtstraßen von D. C. gesammelt hatte, sagte ihr, dass sie an diesem Ort keine Zeit zu verbringen brauchte. Sie sah Prostituierte, denen kürzlich ins Gesicht geschlagen worden war. Sie ging Richtung Osten. Für jemanden, der in Bautechniken ungeschult war, schien die Stadt aus rohem Fels gehauen zu sein. Auf allen Seiten umgaben sie blanke Felswände. Höhlenbehausungen wimmelten von Feen, Dieben und Barbaren, wie in einem Dungeons-&-Dragons-Abenteuer."

aus Nell Zink 'Das hohe Lied'

Pam, Daniel und Joe sind die wahrscheinlich schlechteste Punk-Band auf der Lower East Side. Doch dann widerfahren ihnen zwei Wunder - eine Tochter für Pam und Daniel, eine überraschende Hit-Single für Joe. Zusammen kämpfen sich die drei durch die ausgehenden Neunziger, teilen sich ihre wachsenden Erfolge, arbeiten zusammen, um Joe zum Superstar zu machen und der kleinen Flora eine glückliche Kindheit zu bescheren, bis der 11. September 2001 alles verändert.

Ein Kosmos, den die südlich von Berlin lebende Amerikanerin auffächert. Ein New-York-Portrait at it's best, ein Roman über Musik, Sex. Drogen und Politik, ein US-amerikanisches Gesellschaftsportrait über drei Generationen mit Träumen und Traumata, klug, scharfsinnig, schnell, direkt, frech, wild, bunt, sarkastisch mit einem ganz eigenen Sound. Es geht um die Digitalisierung, um den Börsencrash, um den Wahlkampf von Donald Trump, um Umwelt und das große Thema, was den Menschen ausmacht und ihn vorantreibt.

Lesung und Gespräch mit Nell Zink im "Offenen Buch"

Schauspielerin Katja Bürkle unterwegs im New Yorker Underground

Am Sonntag, dem 13. September, liest Schauspielerin Katja Bürkle, Ausschnitte aus dem neuen Roman "Das hohe Lied" des Shootingstars der amerikanischen Literaturszene. Und die Schriftstellerin Nell Zink erzählt von ihrem Schreibwerkstatt und ihrem Leben.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Nell Zink

Entdeckt und ermutigt zum Schreiben von Jonathan Franzen, schrieb die 1964 in Kalifornien und in Virginia aufgewachsene Nell Zink ihren ersten Roman in nur wenigen Wochen. "Der Mauerläufer" schaffte es 2014 auf die Liste der „100 notable books“ der New York Times. Davor arbeitete sie als Sekretärin bei Colgate-Palmolive, war Mitglied einer Punk-Band, arbeitete in Tel Aviv, bis sie vor zwanzig Jahren nach Deutschland zog. 2008 wurde sie in Tübingen als Medienwissenschaftlerin promoviert. Sie beschreibt, was sie kennt, hat selbst in einer Band gespielt und ist eine brillante, auch ironische Analytikerin der US-Politik.

Zwei Literatur-Aficionados

Cornelia Zetzsche: "Mit leichter Hand skizziert Nell Zink in knappen Exkursen den gesellschaftspolitischen Rahmen: die Musikszene der Neunziger, die Golfkriege und 9/11, den Börsencrash, die zunehmende Armut, die Öko-Bewegung und das Heraufziehen von Populisten wie Trump. Aber wichtiger noch sind die Menschen und ihre Befindlichkeiten. Wie im Jazz die Musiker wechselweise nach vorne treten, fokussiert Nell Zink in ihrem Gruppenbild abwechselnd einzelne Figuren und beleuchtet damit immer andere Milieus: mit Pam die IT- und Start-Up-Branche, mit ihren Eltern das pietistische Amerika, mit Daniel die Musikszene, mit Joe die Rock- und Drogenszene.
Fulminant wird der Roman mit dem Auftritt von Bull Gooch, dem dandyhaften, 47jährigen politischen Akteur, mit dem Tochter Flora eine Beziehung beginnt. Wie der Wahlkampf-Stratege die Demokraten 2016 vor dem Kandidaten Donald J. Trump warnt, wie er ihnen ein unmoralisches Angebot macht, ist einer der Höhepunkte des Romans."


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