Bayern 2 - radioTexte


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Anderssein in einem kleinen Bergdorf "Die Bagage" von Monika Helfer

Wenn Schönheit zum Makel wird, das Anderssein zu Neid und Mißgunst führt in einem kleinen Bergdorf im Bregenzer Wald, davon erzählt die Vorarlberger Schriftstellerin in ihrem neuen autofiktionalen Roman. Die Geschichte beginnt bei ihren Großeltern, Josef und Maria Moosbrugger, die ein karges Leben führen. Als Josef 1914 eingezogen wird, bleiben Maria und ihre vier Kinder auf sich gestellt allein zurück. Als aber die schöne Maria, die Begehrlichkeiten weckt bei den männlichen Dorfbewohnern, schwanger wird, gerät die "Bagage" noch mehr ins Gerede. Dramatisch für die Ehe und das Neugeborene.

Stand: 13.05.2020

Schriftstellerin Monika Helfer | Bild: Dietmar Stiplovsek, picture alliance/APA/picturedesk.com

"Das Mädchen, zwei Jahre alt, steht vor dem Bett, mitten in der Nacht. Es ist Margarethe. Die Grete. Sie zittert. 'Mama', flüstert sie. Die Mama flüstert auch: 'Komm!' Die Kleine kriecht zu ihr unter die Decke. Der Vater soll es nicht wissen. Das Mädchen legt sich nicht zwischen die Eltern, es legt sich an den Rand des Bettes. Es muss festgehalten werden, damit es nicht herausfällt, hinunter auf den Boden, das Bett ist nämlich hoch. Das Mädchen war meine Mutter, Margarethe, eine Scheue, die jedes Mal, wenn sie auf ihren Vater traf, sich duckte und nach dem Rock der Mutter schaute. Der Vater war liebevoll zu den andern vier Kindern, im Großen und Ganzen war er liebevoll, und er würde es auch zu den zwei später geborenen sein. Nur dieses Mädchen verabscheute er, die Margarethe, die meine Mutter werden wird, weil er dachte, dass sie nicht sein Kind sei. Er hatte keinen Zorn auf sie, keine Wut; er verabscheute sie, er ekelte sich vor ihr, als würde sie nach dem Zudringling riechen ihr Leben lang. Sie schlug er nie. Die anderen Kinder manchmal. Die Grete nie. Er wollte sie nicht einmal im Schlagen berühren. Er tat, als gäbe es sie nicht. Er habe bis zu seinem Tod nie ein Wort mit ihr gesprochen."

aus 'Die Bagage' von Monika Helfer, Hanser Verlag

Und diese Margarethe, die Grete, die der Vater nie anschauen wird, weil er glaubt, sie sei ein Kuckuckskind, ist die Mutter von Monika Helfer. Lange hat die Vorarlberger Schriftstellerin gewartet, ihre Familiengeschichte literarisch zu bearbeiten. Erst als ihre Großeltern und Eltern verstorben waren, wagte sie sich an ein Familienportrait, recherchierte und merkte bald, dass trotz Nachforschungen vieles im Dunkeln bleibt, denn:

„Die Erinnerung muss als heilloses Durcheinander gesehen werden. Erst wenn man ein Drama daraus macht, herrscht Ordnung,“ schreibt Bestsellerautorin Monika Helfer. Jeder schmückt aus beim Erzählen, ein und die selbe Geschichte wird nie gleich empfunden und schon gar nicht gleich erinnert und weitererzählt. Lügen verfestigen sich, bestimmen das Familien- und das Dorfgefüge. Anderssein bedeutet Ausschluss aus der Gemeinschaft, noch ärmer als die anderen, stärker und lebenslustiger zu sein, wird in der Enge zum Makel. Auch die Schönheit der Großmutter wird ihr zum Verhängnis. Sogar der Dorfpfarrer hetzt gegen sie: "Glaubt denn einer, der Herrgott formt so ein Gesicht? Glaubt denn einer, der Herrgott ist ungerecht?"
Poetisch und ohne Schnörkel erzählt die Vorarlberger Schriftstellerin von einem Dorf und veinem Menschenschlag, in dem über Gefühle nicht gesprochen wird, von Neid und Zwietracht, von Verdächtigungen, Begehrlichkeiten und von Mobbing. Eine Familiengeschichte, deren Traumata sich über Generationen fortsetzen. Berührend, mitreißend.

Autorenlesung und Gespräch im "Offenen Buch"

Am Sonntag, den 24. Mai, erzählt die Schriftstellerin Monika Helfer, die immer wieder über vertrackte Familienkonstellationen schreibt, von ihrer Familie, die in einem abgeschiedenen Tal des Bregenzer Waldes lebte. Sie erzählt von ihrer Großmutter, ihrer Mutter, Tante Kathe und von den erfundenen Figuren wie etwa von Bürgermeister Gottlieb Fink, der eigentlich auf Maria Moosbrugger hätte aufpassen sollen, als Ehemann Josef 1914 in den Krieg ziehen muss.

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Monika Helfer wurde am 18. Oktober 1948 in Au im Bregenzer Wald am äußersten Westzipfel nahe der Schweizer Grenze geboren. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen mit fünf Geschwistern in der Nähe von Bludenz auf. Ihr Vater arbeitete nach dem Krieg als Verwalter in einem Erholungsheim für Kriegsversehrte. Bücher waren seine Leidenschaft. Seine Frau starb 1959, als Monika Helfer gerade mal elf Jahre alt war, die Kinder wurden in der Familie aufgeteilt. Mit zwei ihrer Schwestern kam sie zu einer Tante, die bereits drei Kinder hatte und in einer sehr kleinen Wohnung lebte. "Die Tante hat sich schon um uns gekümmert, aber ich fühlte mich einfach völlig verlassen", erinnert sich Monika Helfer an diese Zeit. Bereits als Kind fing sie an, kleine Geschichten zu schreiben. Ihr Roman-Debüt "Die wilden Kinder" erschien 1984. Darin beschreibt sie das Leben aus der Perspektive eines 15-jährigen Mädchens, der zwei Jahre später auch verfilmt wurde. Für "Rosie und der Urgroßvater" bekam sie zusammen mit Ehemann Michael Köhlmeier 2011 den "Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis" und mit ihrem Roman "Schau mich an, wenn ich mit Dir spreche", das sie für ihre Tochter schrieb, die bei einem Bergunfall ums Leben kam, stand sie 2017 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2020 erhielt sie den Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.


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