Bayern 2 - radioTexte


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Lesung mit Nico Holonics Joachim Sartorius über die Prinzeninseln

Zu byzantinischen Zeiten waren sie Orte der Verbannung: Unliebsam gewordene Prinzen wurden damals auf diesen neun Inseln im Marmarameer gefangen gehalten. Heute sind die Prinzeninseln beliebtes Ausflugsziel und Ruhepol für viele Einwohner der Millionenmetropole Istanbul. Auch Joachim Sartorius, Dichter und erfahrener Reisender, erlag dem Charme, dem Duft, der Macht der Geschichte auf seiner Entdeckungsreise. Aus seinem Buch "Die Prinzeninseln" liest Nico Holonics.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 17.08.2018

Die größte der Prinzeninseln: Büyükada im Marmarameer | Bild: picture-alliance/dpa/Dumont Bildarchiv

"Als die Ortschaft hinter uns lag, auch die Villen und einige hochherrschaftliche Anwesen, ging es grüne Pinienwälder hinauf, die einen harzigen Geruch verströmten. Daran erinnere ich mich jetzt vor allem, an diesen Geruch, und dann später, wieder im Tal, an die Zypressen, Pinien, Platanen, ihre tiefen Schatten und an einen weiteren Geruch, den warmen Körpergeruch der sonnenerhitzten Gärten, der in unsere Droschke strömte."

(Joachim Sartorius, Die Prinzeninseln)

Entlang der asiatischen Küste des Marmarameers befinden sich die Prinzeninseln: ein Archipel von natürlicher Pracht, der seit jeher als maritimer Vorort Istanbuls gilt und geprägt ist von der wechselvollen Geschichte der imperialen Metropole am Bosporus. Mit dichterischer Virtuosität erzählt Joachim Sartorius von Landschaft und Leuten, von betörenden Düften und vom besonderen Licht der neun Inseln. Mit dem Interesse des politischen Beobachters stellt er das Auf und Ab der Geschichte dieses Mikrokosmos im Schatten von Istanbul-Konstantinopel-Byzanz dar, und mit dem feinen Gespür des Romanautors gelingen Sartorius facettenreiche Porträts jener Personen, die ihn auf seinen Wegen begleiten. Das „Splendid Hotel“ auf Büyük Ada, der größten Insel, diente als "Basislager" seiner Expedition.

Istanbul: Blick vom Turm der Gerechtigkeit (Adalet Kulesi) des Topkapi-Palasts auf den Bosporus

"Ich habe ein Buch mit Briefen von Ernst Curtius bei mir, geschrieben aus Stambul im August 1871. Eine Stelle gefällt mir besonders: ...wir ritten die Höhen hinauf zu einer prächtigen Aussichtsstelle, wo man Stambul mit allen seinen Seevorstädten und Seestraßen überschaut. So kommt es mir auch vom Oberdeck der Fähre aus vor: im goldenen Dunst des Nachmittags die Mündung des Bosporus, rechts Topkapi, links der Leanderturm, Üsküdar und das asiatische Ufer, rechts wiederum auf den glitzernden Wassermassen Dutzende und Dutzende von Schiffen, (...) schließlich direkt vor mir die sanften Silhouetten der Prinzeninseln."

(Joachim Sartorius in Die Prinzeninseln)

Byzantinische Geschichte, türkische Gegenwart

Zunächst bewohnten nur Fischer und Mönche die Inseln. Doch dann, besonders zu byzantinischen Zeiten, wurden die Prinzeninseln zu Orten der Verbannung - unliebsame Prinzen wurden aus Byzanz entfernt, oft lebenslang in Mönchszellen weggesperrt. Diese verstoßenen Königskinder gaben dem Archipel seinen Namen.

Nur in Droschken unterwegs: die Prinzeninseln sind autofreie Zone.

In der Spätzeit des Osmanischen Reiches entdeckten reiche Staatsbeamte, Wesire, Botschafter die Inseln als Rückzugsort. Wohlhabende Familien ließen dort ihre Sommerresidenzen bauen, noble Hotels, Restaurants, Casinos und Parks folgten. Heute gibt es fünf bewohnte Inseln: Büyükada, Heybeliada, Burgazada,Kınalıada sowie Sedefadasi, insgesamt hat das Archipel etwa 16.000 Einwohner. Die Zahl der Tagesausflügler, die vor allem am Wochenende auf die Inseln strömen, liegt bei 120.000. Nichtsdestotrotz sind diese Inseln der Pistaziensträucher und Pinienwälder vor allem durch die Tatsache, dass hier keine Autos fahren dürfen, Refugien der Ruhe im Kontrast zur 15-Millionen-Metropole Istanbul.

"Ich überblicke die Welt, Wasser und Inseln und Schiffe und Städte und Menschen und Asien und Europa in einem gewaltigen Panorama. Stille und Weite zerreißen die Augen. Hier ist wirklich der Balkon der Welt. Die Seelchen sind klein. Sie flattern in der Herrlichkeit der Welt. Mir ist, als fliege ich in Licht, in Luft, in Azur, einem kalten, glanzvollen Blau."

(Joachim Sartorius, Die Prinzeninseln)

Joachim Sartorius - Diplomat, Festspielintendant, Dichter

Geboren 1946 in Fürth ist Joachim Sartorius heute als Lyriker, Übersetzer und Publizist tätig und hat u. a. die "Werkausgabe von Malcolm Lowry" und den "Atlas der neuen Poesie" herausgegeben. Er wuchs als Diplomatensohn in Tunis auf und verbrachte zwei Jahrzehnte selbst im diplomatischen Dienst in New York, Istanbul und Nikosia.

Bis 2000 war Joachim Sartorius Generalsekretär des Goethe-Instituts, von 2001 bis 2011 war er Intendant der Berliner Festspiele. Er ist Mitglied im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und mit Norbert Miller Herausgeber der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter", des Weiteren ist er Mitglied der Jury des jährlich verliehenen Friedrich-Gundolf-Preises. Im Dezember 2011 wurde Sartorius vom französischen Kulturminister Frédéric Mitterrand zum Ritter der Künste (Chevalier des Arts et des Lettres) ernannt. Joachim Sartorius lebt und arbeitet in Berlin. Zuletzt erschien 2016 der Gedichtband "Für nichts und wieder alles".

"Joachim Sartorius geht vom Heute aus, ohne je das mystische Erbe von Byzanz, das Leben der Griechen im Schatten von Istanbul und den Verlust des Kosmopolitismus aus den Augen zu verlieren. Er entfacht den Wunsch, sofort ein Ticket zu lösen und zu diesen Inseln zu fahren."

(Orhan Pamuk über Die Prinzeninseln)

Die Prinzeninseln

von Joachim Sartorius

am 21. August 2018 um kurz nach 21.00 Uhr
in den radioTexten auf Bayern2

Lesung mit Nico Holonics
Das Buch ist im Mare Verlag erschienen.
Moderation: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


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