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Michael Crummey "Sweetland" - Vom Verschwinden neufundländischer Identität

Ein Fest hätte sie werden sollen für den kanadischen Schriftsteller Michael Crummey, die Frankfurter Buchmesse. Zum ersten Mal sei ein Roman von ihm ins Deutsche übersetzt worden, erzählt er Cornelia Zetzsche, doch die ist wegen Corona auf 2021 verschoben worden. Was bedeutet ein erfülltes Leben? Wieviel Luxus braucht man dafür? Moses Sweetland, dessen Familie seit Generationen auf der gleichnamigen Insel wohnt, stellt sich diesen Fragen. Denn die Regierung bietet den Inselbewohnern Geld, wenn sie die einsame Region verlassen und in eines der Zentren von Neufundland ziehen.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 07.10.2020

Kanadischer Schriftsteller Michael Crummey | Bild: picture-alliance/empics

Die dem Nordosten Kanadas vorgelagerte Insel Neufundland mit einem Küstenstreifen von mehr als 17.000 Kilometern ist das Tableau, auf dem Michael Crummey seine Protagonisten agieren lässt. Die nordöstlichste Provinz ist geprägt vom Einfluss des Atlantik. Fischfang ernährte über Jahrzehnte die Inselbewohner, bis seit einigen Jahren der Ölboom Neufundland zu einem der bestsituierten Länder der Welt machte. Doch auch hier versiegt allmählich die Einnahmequelle, von der auch nur St. Johns profitierte. Die entlegenen Gegenden gingen leer aus.

Mitteldeutscher Verlag, übersetzt von Peter Groth

"Sweetland schob das Boot ins offene Meer und es tuckerte in Richtung Horizont. Es hatte den halben Tank voll Benzin und würde lange fahren, ehe der Motor ausging. Er stand da und wartete, bis das Boot fast verschwunden war. Dachte, dass es ein Fehler war, es fahren zu lassen.
Vom Ufer aus gab es einen steilen, grasbewachsenen Anstieg, und er versteckte die Lebensmittel außer Sichtweite zwischen den Felsen, nahm sich vor, sie zu holen, wenn er sich irgendwo eingerichtet hatte. Er drehte sich um und blickte zurück auf den Weg, von wo er gekommen war. Der Ozean draußen war flach und ruhig, blau wie neue Jeans. Es gab schon keine Spur mehr von seinem Boot und er versuchte, nicht mehr daran zu denken. Schaute hoch zu dem knorrigen Tal vor ihm, versuchte, sich einen Orientierungspunkt zu merken, doch es gab nichts Besonderes, kein Unterscheidungsmerkmal, wonach man sich richten konnte. Über ihm verschwand sowieso alles, sobald er anfing, sich seinen Weg durch das Unterholz zu bahnen, und er ging blindlings los, stieg über umgefallene Baumstümpfe, während der Sumpf an seinen Stiefeln saugte."

"Sweetland" - Vom Kampf eines Mannes gegen den Verlust seiner Heimat

"Sweetland", so heißen der Ort, die Insel vor Neufundland und einer der letzten Bewohner, der nun umgesiedelt werden soll. Michael Crummeys eindrucksvoller Roman ist eine Elegie des Verschwindens, meint Cornelia Zetzsche bei ihrem Gespräch mit dem kanadischen Schriftsteller Michael Crummey:

"Neufundland ist ein fernes Land, liegt am Atlantik, ist faszinierend, aber auch ziemlich einsam. Wir kennen hier vor allem Klischees. Wie würden Sie Fremden die Landschaft beschreiben?"

Arbeitszimmer mit Hund

Michael Crummey: "Neufundland ist eine wirklich große Insel, wie Sie sagten, mit tausenden Kilometern Küste und nur etwa 500 000 Menschen. Der einzige Grund, weshalb Europäer sich je hier ansiedelten, war der Fisch. Fast alle Siedlungen entstanden deshalb an der Küste, direkt am Meer und dann breiteten sie sich aus. Sie sind ziemlich klein und isoliert. Die Küste ist zerklüftet, Neufundland wird liebevoll "The Rock" genannt, denn es ist mehr oder weniger ein Felsen. Das meiste der Erdeoberfläche wurde von Gletschern weggeschoben. Und weil es so weit draußen im Atlantik liegt, sind wir hier in St. Johns zum Beispiel näher bei Irland als bei Toronto. Und das Wetter kann ziemlich herausfordernd sein. Der Sommer ist kurz und nicht besonders warm, es gibt keine wirkliche Wachstumszeit, und es gibt viele Stürme, viel Wind und Regen. Es ist also einerseits von spektakulärer Schönheit und andererseits eine Herausforderung, hier zu leben."

Cornelia Zetzsche: "Fühlen Sie sich eher als Kanadier oder als Neufundländer?"

"Ich beschreibe mich sicher immer erst als Neufundländer, das ist eine Art kulturelle Identität. Ich wurde 20 Jahre nach Gründung des Staatenbunds mit Kanada geboren und war mein Leben lang Kanadier. Neufundland wurde 1949 ein Teil Kanadas. Meine Eltern zum Beispiel wurden als Neufundländer geboren und wuchsen so auf und wurden 1949 Kanadier.

Typisches neufundländisches Fischerhaus, wie ein Nest an den Felsen "geklebt"

Die Kultur und die Politik, die wir nach Canada brachten war und ist sehr eigen. Weil die Leute so sehr angewiesen waren auf die Fischerei, auf das Meer, das völlig unvorhersehbar war, manchmal auch sehr grausam, waren sie gezwungen, einander zu vertrauen. Es ist eine verrückte Mischung, wie bei Moses Sweetland im Roman, diese unglaubliche Eigenständigkeit und die Fähigkeit fast alles allein zu machen, weil man gezwungen war, auf sich selbst zu vertrauen, andererseits kann jeder die Hilfe des anderen einfordern und umgekehrt. Es gibt einen unglaublichen Zusammenhalt zwischen den Gemeinden, in den meisten wohnen 25 bis 300, 400 Menschen, die sind wie Familien. Und die Leute vertrauen völlig aufeinander, um durchs Leben zu kommen."

"Könnte man sagen, Ihr Roman ist eine Hommage an diesen Charakter der Neufundländer?"

"Absolut. Je weiter sich Neufundland von der Zeit als eigenständiges, unanbhängiges politisches, kulturelles Gebilde wegbewegt, desto mehr verändern sich die Dinge, die es mal definiert haben. Ich wollte mit Moses Sweetland und anderen Figuren mein Gefühl dafür aufs Papier bringen, wer die Neufundländer waren und wie sie ihr Leben lebten und was sie ausmacht. Ich hab das Gefühl, Moses Sweetland ist der letzte Neufundländer, der letzte Unabhängige eines Neufundland, wie es einmal war, bevor es ein Teil Kanadas wurde." 

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

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