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Mercedes Rosende "Krokodilstränen" Es kommt immer anders als man denkt!

Ist dieses Meisterwerk ein Krimi? Nein. Also kein Krimi? Auch nicht. Dieser spannende Roman ist alles zusammen: ein Krimi, ein Gesellschaftsportrait, ein Großstadtroman, packend, witzig, traurig, brutal, ein Patchwork aus Szenen und Protagonisten. Eine Stimme, die dem Werk Drive gibt, ist der Erzähler. Mal kommentiert er, mal beschreibt er die dunklen Gassen von Montevideo, mal die ranzigen Ganoven, dann lässt er uns tief in Familien und Charaktere blicken, und das alles in einem rasenden Tempo, fast gleichzeitig erzählt. Eine rasante Fahrt durch ein sich veränderndes Uruguay.

Von: Cornelia Zetzsche und Eva Demmelhuber

Stand: 31.01.2019

Mercedes Rosende, Buchcover "Krokodilstränen" | Bild: Unionsverlag, Montage BR

"Schreiben heißt für mich entscheiden und verwerfen. Jeder meiner Romane enthält gleichzeitig all die Romane, die ich nicht geschrieben habe – und die wahrscheinlich viel besser sind. Deshalb lese ich meine Romane auch nie noch einmal. Ich würde mich beim Lesen ständig fragen, warum ich mich nicht für eine andere Abzweigung im Labyrinth entschieden habe."

Mercedes Rosende

Blick auf die nächtliche Altstadt von Montevideo

Da sind wir nicht d'accord! Diesen Roman kann man durchaus zwei mal lesen, einmal atemloser wegen der Spannung, dann gründlicher und genussreicher wegen der Sprache. "Krokodilstränen" ist Mercedes Rosendes erster Roman, der in deutscher Übersetzung erscheint. Und er packt einen von der ersten Seite. "Ein schmaler Roman, aber großes Kino, wild und labyrinthisch, ironisch und bissig, stilles Kammerspiel und Verfolgungsjagd mit quietschenden Reifen," meint Cornelia Zetzsche. Drei Folgen hat sie der Schriftstellerin aus Uruguay im "Offenen Buch" reserviert. Drei Sonntage mit der Schauspielerin Katja Bürkle und Thomas Loibl vom Münchner Residenztheater. Im Gespräch: Mercedes Rosende.

Verbrechen in der "Schweiz Lateinamerikas"

Ausgerechnet im beschaulichen Uruguay, das Diktatur und Vergangenheit hinter sich ließ und mit dem Bankgeheimnis und seiner direkten Demokratie als die „Schweiz Lateinamerikas“ gilt, ausgerechnet dort, in den Altstadt-Gassen von Montevideo, schwelt das Verbrechen. Noch ehe Germán nach einer gescheiterten Entführung aus dem Gefängnis frei kommt, stolpert er in die nächste zwielichtige Geschichte.
So unauffällig Úrsula López anfangs wirkt, so tödlich ist ihre kriminelle Energie. Dass beide, Germán und Úrsula, sich begegnen, ist die Folge einer Verwechslung und der Beginn eines vertrackten Coups, der mit dem Showdown längst nicht zu Ende ist. Und welche Rollen spielen der zwielichtige Anwalt Antinucci und Ricardo alias El Roto, der Kaputte? Das ist das Figuren-Karussel, das Kommissarin Leonilda Líma dreht, als ein Mann entführt und ein Geldtransport überfallen wird.

Schriftstellerin Mercedes Rosende aus Uruguay | Bild: Mercedes Rosende

Mercedes Rosende:  "Ich musste den Roman wie ein Uhrwerk organisieren. Ich musste mir eine große Tafel kaufen und all das organisieren, die ganzen Chronologien zusammensetzen. Beim Wetter durfte nicht an einem Ort zur selben Zeit Sonne und Regen sein, solche Dinge musste ich organisieren, damit am Ende alles perfekt zusammen passt, und deshalb nenne ich das Ganze eine Art Uhrwerk."

Mercedes Rosende, vor knapp 60 Jahren in Montevideo geboren und heute preisgekrönte Schriftstellerin und Verfasserin von Romanen und Erzählungen, ist eigentlich Anwältin, Juristin und Journalistin. Das Material für ihren Krimi „Krokodilstränen“ holte sie aus dem „richtigen Leben“, aus Montevideos Alltag: soziale Unterschiede, Korruption, Bigotterie, Machismo, das Elend in Uruguays Gefängnissen, kaputte Straßen, familiäre Abgründe, all das soll’s ja geben. Und warum "Krokodilstränen"?

Mercedes Rosende: "Den Titel „Krokodilstränen“ habe ich aus einem Gedicht von Julio Herrera y Reissig, einem uruguayischen Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Úrsula ist eine Person, die immer wieder bereut, die Krokodilstränen vergießt. Sie bereut, daß sie eine Voyeurin ist, sie bereut, eine Mörderin zu sein, aber sie bereut nur ein wenig, nie genug, um das alles nicht wieder zu tun."

Starke Frauen, schwache Männer

Müllsammler in Montevideo

Rosendes Personal ist ein Häuflein Gescheiterter, Traumatisierter, Verlorener, brutaler Schurken und kleiner Gangster: der schlichte Germàn mit den schwachen Nerven, ein Spielball für alle; für den Schläger Ricardo und für Antinucci, den bigotten Anwalt mit Hang zum Beichten, schwächliche Macho-Macker allesamt. Aber mit den starken Frauen, mit Kommissarin Leonilda Limas Beharren auf Gerechtigkeit – trotz männlicher Widerstände – und mit Úrsula López‘ Abgründen der Vergangenheit, bekommt die Gangsterstory Raffinesse und psychologische Tiefe. Kaum einer ahnt nach der Entführung, beim verschwundenen Lösegeld, später dem Überfall, daß Úrsula die Fäden zieht.

Mercedes Rosende: "Vor allem interessieren mich Frauen, die man nicht auf den Covern der Zeitschriften sieht; Frauen, die nicht den Stereotypen entsprechen; Frauen, die anders sind, hässlich oder dick, einfach nicht in dieses klassische Bild passen. Das ist etwas, was mich umtreibt, und diesen Frauen möchte ich eine Stimme geben."

"Die Schuldigen und Unschuldigen in dieser Geschichte sind nicht unbedingt die wirklichen Schuldigen und Unschuldigen"

Eine Erzählerstimme schildert die Story aus wechselnden Perspektiven; cool, lässig, auch kaltblütig, meist unbeteiligt und immer in den Gassen der pulsierenden Altstadt von Montevideo, sehr bildstark und filmisch, temporeich, klug und höchst gewitzt. Ein schmaler Roman, aber großes Kino, wild und labyrinthisch, ironisch und bissig, stilles Kammerspiel und Verfolgungsjagd mit quietschenden Reifen und blutiger Schießerei, alles in einem. Nur eines nicht: eine klare Grenze von Gut und Böse, Schuld und Unschuld.

"Krokodilstränen" - Lesung und Gespräch in drei Folgen

Übersetzt von Peter Kultzen, erschienen im Unionsverlag

Krimi-Time auf Bayern 2. Ab Sonntag, dem 3. Februar folgen Katja Bürkle und Thomas Loibl den Spuren der Schriftstellerin Mercedes Rosende. In die Altstadt von Montevideo. Drei Sonntage höchst vergnügliche Spannung, ein Familiendrama, ironisch und brutal, und einen Plot, der ungeahnte Wendungen nimmt. Ton und Technik: Susanne Harasim, Regie: Eva Demmelhuber.

"Krokodilstränen" von Mercedes Rosende
Teil 1 am 3. Februar
Teil 2 am 10. Februar
Teil 3 am 17. Februar
jeweils um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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