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"Falsche Ursula" von Mercedes Rosende Nachschub für Montevideo-Krimi-Fans

"Schreiben heißt für mich entscheiden und verwerfen. Jeder meiner Romane enthält gleichzeitig all die Romane, die ich nicht geschrieben habe – und die wahrscheinlich viel besser sind. Deshalb lese ich meine Romane auch nie noch einmal," sagt Mercedes Rosende. Veto! Denn man kann ihren höchst spannenden Handlungsplot durchaus öfter lesen und die Autorin am 18. Februar im Instituto Cervantes in München erleben. "Falsche Ursula" ist eigentlich die Vorgeschichte zum Roman "Krokodilstränen", der letztes Jahr erschien und viele Auszeichnungen erhielt.

Stand: 12.02.2020

Mercedes Rosende | Bild: Dirk Skibba

Verbrechen in der "Schweiz Lateinamerikas"

Ausgerechnet im beschaulichen Uruguay, das Diktatur und Vergangenheit hinter sich ließ und mit dem Bankgeheimnis und seiner direkten Demokratie als die „Schweiz Lateinamerikas“ gilt, ausgerechnet dort, in den Altstadt-Gassen von Montevideo, schwelt das Verbrechen.
So unauffällig Úrsula López anfangs wirkt, so tödlich ist ihre kriminelle Energie. Dass beide, Germán und Úrsula, Tochter aus gutem Hause, fettsüchtig, neidisch auf andere, sich begegnen, ist die Folge einer Verwechslung und der Beginn eines vertrackten Coups, der mit dem Showdown längst nicht zu Ende ist.

Schriftstellerin Mercedes Rosende aus Uruguay | Bild: Mercedes Rosende

Schriftstellerin Mercedes Rosende

"Schreiben heißt für mich entscheiden und verwerfen. Jeder meiner Romane enthält gleichzeitig all die Romane, die ich nicht geschrieben habe – und die wahrscheinlich viel besser sind. Deshalb lese ich meine Romane auch nie noch einmal. Ich würde mich beim Lesen ständig fragen, warum ich mich nicht für eine andere Abzweigung im Labyrinth entschieden habe."

Mercedes Rosende

Für ihren hochgelobten Roman "Krokodilstränen", ihr deutsches Debüt, erhielt die Schriftstellerin aus Uruguay letztes Jahr den LiBeraturpreis. Nach diesem großen Erfolg im deutschsprachigen Raum gibt es nun einen zweiten Roman von Mercedes Rosende mit dem Titel "Falsche Ursula", der eigentlich die Vorgeschichte dazu erzählt:

Ursula ist langweilig, sie ist unzufrieden mit ihrem Leben, sie ist dick, trägt schwarze, übergroße "Stoffzelte", fühlt sich hässlich. Ihr Leben läuft überhaupt nicht so, wie sie es gern hätte. Bis sie eines Tages einen mysteriösen Anruf erhält: Ihr Ehemann sei entführt worden, man fordere eine Million Lösegeld. Nur: Ursula ist gar nicht verheiratet! Natürlich klärt sie das nicht auf, sie wirft sich stattdessen mit krimineller Energie in dieses Abenteuer.

Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Mercedes Rosende

Cornelia Zetzsche: "Nachrichten aus Uruguay sind meist gute Nachrichten: Es gibt eine direkte Demokratie, einen Ex-Präsident auf dem Bauernhof, politische und wirtschaftliche Stabilität, eine liberale Gender-Politik, Marihuana in der Apotheke. Man hat das Gefühl, Armut und Korruption scheinen Vokabeln von gestern. Während die Nachbar-Riesen Brasilien und Argentinien dauerkrisengeschüttelt sind, scheint Uruguay ein Musterland Lateinamerikas."

Lumpensammler in der Altstadt von Montevideo

Mercedes Rosende: "Lassen Sie mich ein bisschen ausholen und in die Geschichte Uruguays gehen. Wir sind wirklich eine Insel des Friedens und der Demokratie, in einer Region, die sehr turbulent ist und voller Probleme, all das haben wir in Uruguay nicht. Wie entsteht so eine Situation? Uruguay hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Einwanderung von Anarchisten und Kommunisten aus Europa. Diese politischen Traditionen haben sich früh festgesetzt: Wir haben starke Gewerkschaften dort, wir hatten das erste liberale Scheidungsrecht in Lateinamerika, wir hatten als eines der ersten Länder den 8-Stunden-Tag, und diese liberale und demokratische Tradition versuchen wir, in Uruguay fortzusetzen. Das zeigt sich jetzt auch in der Liberalisierung des Verkaufs von Marihuana von Seiten des Staats."

"Alles ist in Ordnung, warum Krimis und Verbrechen?"

"Es ist ja nicht so, dass man ein bestimmtes Genre beschließt, sondern die Literatur wählt einen, sie findet einen. Und diesen Wunsch, Kriminalromane zu schreiben, habe ich schon seit meiner Kindheit. Und jetzt ist ein guter Moment, um schwarze Romane, einen Roman Noir zu schreiben, denn jetzt beginnt sozusagen die Geschichte des Verbrechens in Uruguay. Verbrechen und Syndikate, zum Beispiel aus Kolumbien, erreichen jetzt auch unser Land. Und mit den Drogenkartellen, die ihre Geschäfte auf unser Land ausweiten kommt die Korruption, vor allem der Polizei und ein gewisser Verfall der Institutionen. Und das frisst sich durch alle Ebenen."

"Sie sind, Mercedes Rosende, eigentlich Juristin, Anwältin, praktizieren Sie das auch noch?"

"Seit vielen Jahren habe ich mich auf Wahlrecht spezialisiert und bin viel in Lateinamerika unterwegs, das heißt, ich bin als Juristin aktiv, ja."

"Ihr Roman ist nicht nur spannend, er ist auch witzig, hochironisch geschrieben. Woher kommt der Witz, der die Figuren nicht lächerlich macht, sondern einfach nur großes Vergnügen bereitet?"

"Ich möchte in dem Buch ja eine soziale Wirklichkeit zeigen; Probleme, mit denen die Frauen in meiner Geschichte konfrontiert sind, möchte aber kein Pamphlet, kein Manifest der Anklage schreiben, sondern möchte ein Lesevergnügen, das steht an erster Stelle. Mein einziges Mittel, um schreckliche Dinge wie Korruption und den Zerfall der Gesellschaft zu beschreiben, ist, das Ganze mit Humor zu erzählen."

"Das Interessante ist, dass man es mit Gangstern und Psychopathen zu tun hat, aber Gut und Böse, Schuld und Unschuld scheinen für Sie Kategorien, die sehr zweifelhaft sind."

Schirftstellerin, Juristin und Journalistin Mercedes Rosende

"Wir leben in Lateinamerika, wo Gut und Böse nicht immer so leicht zu trennen sind. Die Leute sind nicht immer nur gut oder böse. Es gibt gute Menschen, die sich in einem bestimmten Moment eben nicht immer gut verhalten. Es ist einfach schwer, rechtschaffen zu leben in Lateinamerika. Man kann nicht immer den besten Weg gehen, man tut einfach, was man kann. Als Anwältin habe ich solche Leute auch kennengelernt, Gangster, die in eine solche Richtung getrieben wurden. Mir gefallen Grautöne, mich interessiert nicht Schwarz und Weiß, sondern die Grautöne dazwischen, dieses dazwischen und am Rand leben und erzählen."

"Das ist interessant, dass eine Juristin so etwas sagt, denn vor Gericht geht ja nur schuldig oder nicht schuldig. Sie sagten, Sie möchten die soziale Wirklichkeit darstellen, inwiefern spiegeln die Handlung, die Figuren die Milieus von Uruguay oder von Montevideo?"

"Ich kann mich ja der sozialen Realität meines Landes nicht entziehen. Das sind Dinge, die in meinem Land passieren, die ich nicht erfinde, sondern sehe, weil mich das Geschehen an den Rändern, diese Zwischenräume und Grautöne besonders interessieren. Montevideo ist eine Stadt, die kurz vor dem Kollaps steht, Dinge passieren, die Menschen, die Polizei verhalten sich auf die eine oder andere Weise, und ich versuche, dieses Klima so genau und zärtlich wie möglich, so freundlich und humorvoll wie möglich zu spiegeln."

"Inwiefern steht Montevideo vor dem Kollaps?"

"Wir erleben den allmählichen Zusammenbruch von Institutionen; wie internationale Mafia-Organisationen – insbesondere über den Drogenhandel – in unser Land kommen, die Institutionen und damit unsere Demokratie schwächen. und Montevideo ist da natürlich als Hauptstadt, wo die Hälfte unserer Bevölkerung wohnt, ein Ort, an dem die Grautöne schwärzer sind als anderswo. Es gibt dort schon Gegenden, wo die Abwesenheit der staatlichen Institutionen zu beobachten ist, und wo sich mafiöse Strukturen nach und nach in das staatliche Handeln hineinarbeiten. Dazu kommt, dass Uruguay ein so kleines und friedliches Land ist, dass wir gar nicht vorbereitet sind auf das organisierte Verbrechen. Wir hatten eine so niedrige Kriminalitätsrate, dass wir gar nicht so recht vorbereitet sind auf die interagierenden Mafia-Clans."

"Das heißt, Ihre Arbeit als Juristin, Ihr wacher Blick als Bürgerin liefert Stoff für Ihre Geschichten?"

"Nein, ich habe verschiedene Persönlichleiten und lege schon Wert darauf, dass die eine mit der anderen nichts zu tun hat. Meine Literatur hat eigentlich mit meiner Arbeit nichts zu tun.

"Woher kommt dann das Bedürfnis zu schreiben? Wie hat die Literatur Sie gefunden?"

"Ich habe eine sehr einfache Erklärung: Als ich noch klein war und im Sommer in den Ferien nichts zu tun hatte, als meine Eltern Siesta hielten und mir verboten, mit meinen Freunden zu spielen, ging ich in den Garten, wo es ein Regal gab, in dem man Krimis finden konnte, Literatur, die im Haus eigentlich keinen Platz hatte, weil sie als zweitrangig gesehen wurde. Und so setzte ich mich an Sommernachmittagen auf den kühlen Boden und las diese 'Schundliteratur'."

"Zu Ihren höchst gelungenen Kriminalgeschichten gehören vor allem Frauen."

Schaufenster mit Rosendes erfolgreichem Krimi "Krokodilstränen"

"Mich interessieren vor allem Frauen, die man nicht auf den Covern der Zeitschriften sieht; Frauen, die nicht den Stereotypen entsprechen; Frauen, die anders sind, häßlich oder dick oder wie auch immer nicht in dieses klassische Bild passen. Das ist etwas, das mich umtreibt, und diesen Frauen möchte ich eigentlich eine Stimme geben. Und auf der andere Seite möchte ich, dass die Leute Spaß an der Geschichte haben, dass viel, viel Action drin ist, und ich möchte, dass Úrsula, die eine Mörderin ist, dennoch Empathie und Sympathie weckt, und das kann ich mit Humor erreichen."

"Falsche Ursula" - Lesung mit Katja Bürkle und Thomas Loibl

"Hallo Ursula, willkommen in der Welt der Dicken, wo Spiegel dir definitiv übel gesinnt sind. »Und, passt es?«, höre ich die Verkäuferin rufen. »Ich komm nicht rein, können Sie es mir eine Nummer größer bringen?« »Nein, haben wir nicht, das ist schon die größte.« Das saß."
So beschreibt sich die Protagonistin in Mercedes Rosendes neuem Roman "Falsche Ursula", einfühlsam gelesen von Katja Bürkle und Thomas Loibl. Der spannende Roman erscheint am 17. Februar in der Übersetzung von Peter Kultzen beim Unions-Verlag. Und am Dienstag, den 18. Februar 2020, lesen Mercedes Rosende und Katja Bürkle im Instituto Cervantes in München. Beginn: 19.30 Uhr.

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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