Bayern 2 - radioTexte


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Mechthilde Lichnowsky Kindheit einer Gräfin um 1900

Eine Gräfin blickt zurück: In ihrem autobiografischen Roman "Kindheit" erinnert sich Mechtilde Christiane Marie Gräfin von und zu Arco-Zinneberg an behütete Jahre auf Schloss Schönburg im Rottal. Dort wurde die spätere Schriftstellerin und Gattin des letzten kaiserlichen Botschafters in London 1879 geboren. Lesung mit Anja Buczkowski

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 28.08.2018

Ein Mädchen reitet eine Ziege, mit männlichem Aufpasser an ihrer Seite, fotografiert um 1904. | Bild: picture-alliance/dpa/glasshouse images

Kindheit in Niederbayern

"Im Anfang schuf Gott das Wort Nein!, pflegte die wunderbare Mutter von zehn Kindern, von welchen ich Nummer Drei war, zu sagen, wenn eines von uns, milde ausgedrückt, nachdenklich geworden war und zu argumentieren begann."

(Mechthilde Lichnowsky)

Das zeitgenössische Porträt zeigt die deutsche Schriftstellerin Fürstin Mechthilde Christiane Maria Lichnowsky (1879-1958), entstanden 1930.

"Dem selbstlosesten, treuesten Herzen gewidmet, meiner Mutter“ lautet die Widmung, die Mechtilde Lichnowsky ihrem Roman "Kindheit" (1934) vorangestellt hat. Darin schildert die als drittes Kind des Grafen Maximilian von Arco-Zinneberg auf Schloss Schönburg am 8. März 1879 geborene Autorin ihre Kindheitserlebnisse in Niederbayern. Dort wuchs sie - mit vollem Namen Mechtilde Christiane Marie Gräfin von und zu Arco-Zinneberg - auf, dort unterhielt ihr Vater ein bedeutendes Vollblutgestüt, mit dem er sich auch auf Rennen auszeichnete und Preise gewann. Dort erfuhr sie, deren Ahninnen Maria Theresia oder auch Lucrezia Borgia heißen, die Welt und empfing die entscheidenden Eindrücke, die sie für das Leben prägten. Ein detailreiches Panorama einer behüteten Kindheit um 1900 wird entworfen mit der Hauptperson Christiane (Mechthildes zweiter Taufname), stolze vier Jahre alt und umringt von ihren sieben Geschwistern, ihren Eltern, unzähligen Dienstboten, Erzieherinnen und vielen Tieren.

"Bislang lacht eines der Pferde überlaut oder stampft seufzend auf, während mit aufgekrempelten Hemdsärmeln der Kutscher pfeifend auf das Brett tritt, das sanft von der Stalltür herabführt. Und hinter dem Stalldach versteckt sich die Sonne, sonst könnte niemand den Himmel anschauen, in dem so viele Schwalben sausen. Dennoch, will man eine mit den Augen verfolgen, verwandelt sie sich in einen weißen Funken, der im Blau zergeht und als Träne auf die Wange fällt."

(Mechthilde Lichnowsky, Kindheit)

Die Gräfin wird Fürstin

Karl Kraus und Mechthilde Lichnowsky waren enge Freunde, besuchten sich, führten regen Briefkontakt und die Fürstin komponierte sogar für ihn.

1904 heiratete Mechtilde den um 19 Jahre älteren Diplomaten und deutschen Botschafter in London Fürst Karl Max Lichnowksy, der schon 1928 verstarb. Während der Weimarer Republik war sie eine bekannte Autorin, schrieb Romane und Feuilletons, unterhielt Freundschaften zu Karl Kraus, Hermann Keyserling, Hugo von Hofmannsthal und Carl Sternheim. Mit ihrer geistreichen Art trug die schöne Fürstin entscheidend dazu bei, die deutsche Botschaft zu einem Treffpunkt für Intellektuelle (z.B. George Bernard Shaw oder Rabindranath Tagore) wie auch für Mitglieder des britischen Hochadels zu machen. Jeden Vormittag soll die Fürstin nicht gerade standesgemäß per Autobus in die Bibliothek des Britischen Museums gefahren sein, um zu schmökern.

Letzte Jahre in London

Zwei Jahre nach dem Erscheinen ihres Romans "Kindheit" erhielt Lichnowsky 1936 Publikationsverbot, da sie sich weigerte, der Reichsschrifttumskammer beizutreten und lebte bis 1945 unter Hausarrest. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten einige Manuskripte, die den Krieg überdauert hatten, veröffentlicht werden. Nach München kehrte sie nicht mehr zurück. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in London, wo sie 1958 verstarb.

Literarische Annäherung an eine Heimat

Aus dem Roman "Kindheit" von Mechtilde Lichnowsky liest Anja Buczkowski ausgewählte Passagen. Das Buch ist bei Fischer erschienen (vergriffen).

Moderation: Antonio Pellegrino


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