Bayern 2 - radioTexte


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Maurice Maeterlinck "Das Leben der Bienen"

Er galt als "der belgische Shakespeare": Graf Maurice Maeterlinck, der mit seinem Drama "Pelléas et Mélisande" bekannt wurde, ehrgeiziger Boxer war, schnelle Autos liebte und sich gleichzeitig für Bienen begeisterte. Gert Heidenreich liest aus "Das Leben der Bienen" von Maurice Maeterlinck, der 1911 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 08.06.2018

Maurice Maeterlinck (1862-1949) | Bild: picture-alliance/dpa/ newscom

Der einzige belgische Nobelpreisträger der Literatur

"Sie liebt den Augenblick, wo noch ein Rest von Tau auf Blatt und Blüte schimmert, wo die Frische der sinkenden Morgenröte noch gegen die Glut des Tages ringt wie eine Jungfrau in den Armen eines Kriegsmannes und die kristallenen Laute des Morgens in dem Schweigen des nahenden Mittags noch nicht ganz verhallt sind. Dann erscheint sie auf der Schwelle."

(Das Leben der Bienen)

Sie - das ist die "Bienenbraut" und der Autor dieser sprachgewaltigen Insektenbeschreibung ist der bisher einzige belgische Nobelpreisträger für Literatur: Maurice Maeterlinck. Der 1862 im flämischen Gent geborene Dramatiker, Lyriker und Prosaautor beobachtete jahrzehntelang seine gehegten Bienenstöcke und verfasste 1901 "Das Leben der Bienen", eine zur damaligen Zeit ungewöhnliche Insekten-Hommage, die naturwissenschaftlichen Forscherblick, philosophische Hintergründe und fesselnde, poetische Sprachpräzision vereinte. In zwei Folgen liest Gert Heidenreich aus dem "Leben der Bienen - Ein Wunder des Verstandes und des Willens".

Dramatiker des Symbolismus

Als Maurice Polydore Marie Bernard Maeterlinck 1911 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, war er einer der meistgespielten Dramatiker seiner Zeit, doch bis heute ist er in seiner belgischen Heimat wenig geschätzt - sicherlich auch aufgrund seiner Entscheidung für die französische statt für die flämische Sprache.

Dennoch: Rilke, Tschechow oder Wilde bewunderten seine grotesk-traumhaften, prässurrealistischen Theaterstücke, sein "Suchen nach Wahrheit". Claude Debussy komponierte aus seinem Märchendrama "Pelléas et Mélisande" (1892) eine Oper. In den letzten Jahrzehnten brachten Wolf Redl, Thomas Ostermeier oder Christoph Marthaler Stoffe von oder über Maeterlinck auf die Bühne.

Genter Jurist wird Pariser Schriftsteller

Maurice Maeterlinck (1862-1949)

Während eines Aufenthaltes in Paris lernte der junge Jurist Maurice Maeterlinck einige Schriftsteller der neuen Bewegung des Symbolismus kennen, darunter Stéphane Mallarmé und Villiers de l'Isle-Adam. Kurzerhand legte er seinen ursprünglichen Karriereplan ad acta und veröffentlichte 1889 den Gedichtband "Serre chaudes" und sein erstes Theaterstück " La princesse Maleine". Als er 1896 nach Paris umsiedelte, war der Belgier schon kein Unbekannter mehr. Insbesondere seine frühen Dramen weisen durch ihre Handlungsarmut, durch Figuren, die kommunikationsunfähig, in einem Lähmungszustand gefangen scheinen, schon auf das Theater Samuel Becketts voraus.

"Vor allem dieses Gefühl der Gefangenen, Erstickenden, der in Schweiß Gebadeten Atemlosen ausdrücken, die sich trennen, weglaufen, sich entfernen, fliehen, öffnen wollen, und die sich nicht rühren können. Und die Beklemmung durch dieses Schicksal, gegen das sie den Kopf stoßen wie gegen eine Mauer und das sie enger und enger aneinanderdrückt."

(aus Maeterlincks Skizzen zu Pelléas et Mélisande)

Hommage an die Honigproduzenten

Der Schriftsteller mit der markanten Stimme Gert Heidenreich begibt sich für die radioTexte ins literarische Reich der Bienen.

Maeterlinck konnte nicht nur mit seinen Bühnenwerken und seiner Lyrik Erfolge feiern: Auch seine philosophische Prosa fand große Anerkennung. Seine Gedanken und Beobachtungen über die Bienen, "La Vie des abeilles" (1901) sind nicht nur geprägt von einer tiefen Demut gegenüber den "Mysterien" der Natur, in der alles miteinander zusammenhängt. Maeterlinck forscht in der Entwicklungsgeschichte und Organisation des schwärmenden Volkes nach dem grundsätzlichen Sinn der Existenz.

"Mit einer Demut ohnegleichen geht er auch hier wieder der Wahrheit nach, für welche diese kleinen Wesen leben, und er weiß von ihr nur, dass sie nicht geringer ist und nicht weniger ewig als alle großen Wahrheiten."

(Rainer Maria Rilke über Maurice Maeterlincks Werk)

Der Graf von "Orlamonde"

Der Hobby-Entomologe beließ es nicht bei den Bienen: Maeterlinck verfasste auch Essays über "Die Intelligenz der Blumen" (1907), über "Das Leben der Termiten"(1926), und 1930 erschien "Das Leben der Ameisen". Im selben Jahr kaufte er sich ein Schloss mit Meerblick in Nizza, das er nach einem seiner Gedichte benannte, "Orlamonde", und in dem er mit seiner dreißig Jahre jüngeren Frau, Renée Dahon, residierte. "Graf Maeterlinck" - er war 1932 in den Adelsstand erhoben worden - musste jedoch den Zweiten Weltkrieg im amerikanischen Exil verbringen; nur noch einmal pro Jahr erschien etwas aus seiner Feder. 1949 starb Maurice Maeterlinck in "Orlamonde".

Rainer Maria Rilke war ein großer Fan des belgischen Nobelpreisträgers, bewunderte dessen Weisheit, Demut und bescheidene "Suche nach Wahrheit".

"Es ist gewiss kein Zufall, dass Maeterlinck, der so sehnsüchtig an eine gemeinsame große Aufgabe des Menschengeschlechtes glaubt, schon als Knabe aufmerksam das Leben einer anderen Gemeinsamkeit betrachtet und verfolgt hat, dass er jahrzehntelang Gelegenheit hatte, durch die Glaswände eines Bienenstockes die Bewegungen einer anderen Welt zu begleiten, einer Welt, deren Grundgedanke nicht weniger geheimnisvoll ist und nicht weniger unbekannt als die Wahrheit, die sich auf dem Grundes unseres Lebens verborgen hält."

(Rainer Maria Rilke)

"Das Leben der Bienen" (La Vie des abeilles) von Maurice Maeterlinck, aus dem Französischen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, ist im Unionsverlag erschienen.
Lesung mit Gert Heidenreich

Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


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