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Maryse Condé "Victoire. Ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe"

Der magischen Erzählerin Maryse Condé aus Gouadeloupe wird am 9. November der alternative Literatur-Nobelpreis verliehen, von einer internationalen Initiave, die sich nach der Absage und den Missbrauchsskandalen der Schwedischen Akademie gegründet hat. Sie erhält den Preis für "ihre überwältigenden Sprache. Sie zeigt Humor und Menschlichkeit und setzt in ihrem Werk Geschlechter, Rassen und Klassen in ein neues Verhältnis", so Jurypräsident Ann Palsson. Cornelia Zetzsche stellt die französische Schriftstellerin mit karibischen Wurzeln vor, mit einer zweiteiligen Lesung und im Gespräch.

Stand: 23.11.2018

Maryse Condé wurde der alternative Literatur-Nobelpreis 2018 verliehen | Bild: picture-alliance/dpa

Eine begnadete Köchin war Condés Großmutter Victoire Élodie Quidal. Sonst? Eine Außenseiterin in ihrem kleinen karibischen Dorf wegen ihres hellen Teints und ihrer Verschlossenheit, eine Ausgestoßene, aber wenn sie Flusskrebswurst, Langusten mit grünen Mangos, überbackene grüne Bananen zubereitete oder Meeresschnecken mit jungen Spinatblättern und Taroblättern, legte sie all ihre Gefühle in ihre Kreationen und verzauberte damit alle, die koloniale Herrschaft ebenso wie ihresgleichen, die auf der von Franzosen regierten Karibikinsel dazu da waren, sich schwängern zu lassen, niedere Arbeiten zu verrichten, rassistische Entwürdigungen hinzunehmen, wie alle Inselbewohner, ein entrechtetes Volk.

Ein literarisches Denkmal für Maryse Condés Großmutter

Pointe-à-Pitre auf Gouadeloupe im 19. Jahrhundert

Mit "Victoire" hat Maryse Condé ihrer Großmutter, ihrem schweren Leben und der Zeit des Kolonialismus ein literarisches Denkmal gesetzt. Dicht erzählt, in vielen Sprachebenen, mit kreolischen und französischen Einwürfen. Hinreißend, wie die Schriftstellerin aus ihrer heutigen Sicht die Lage beschreibt, sich immer wieder einmischt, kommentiert, ein Sittengemälde der französischen Karibik zur Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts schafft.

Victoire Élodie Quidal - ein Leben unter Kolonialherrschaft

Victoire, die Großmutter von Maryse Condé

Victoire Élodie Quidal, die nie lesen und schreiben lernte, die, wie auch ihre Tochter, also die Mutter der Schriftstellerin, in einem männerlosen Haushalt aufwuchs, brachte trotz all der Schmach ihre Familie allein durch, mit Gelegenheitsarbeiten, als Haushaltshilfe und als Putzfrau, ein Schicksal, das sie mit vielen jungen Frauen der damaligen Zeit teilte. Victoires Mutter starb bei der Geburt, der Pfarrer suchte deswegen ihren Namen aus: Victoire! "Denn ein Sieg war diese Geburt schließlich und endlich, um den Herren zu preisen." Ein Schäfchen mehr, das die Kirche ihr eigen nennen durfte.
Victoire wuchs bei ihrer Großmutter auf, bis sie mit vierzehn Jahren schließlich zur Familie Jovial kam, als Hilfe der Haushälterin. Wie eine Sklavin wurde sie dort behandelt. Ihr Arbeitstag dauerte lange, von 6 Uhr morgens bis in den späten Abend. Ihr einziger Zufluchtsort, wo sie alles vergessen konnte, war, wenn sie spät nachts heimkam, und zur Großmutter ins Bett zu krabbelte.
Eines Tages ereilte auch sie das gleiche Schicksal wie ihre Mutter. Sie wird schwanger, und von der Familie Jovial, ohne Dank und dem ihr noch zustehenden Lohn vom Hof gejagt ...

Maryse Condé

Maryse Condé | Bild: Pocket Verlag

Maryse Condé Anfang der 60er Jahre

Maryse Condé wurde am 11. Februar 1937 in Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe geboren. Schon in ihrer frühen Jugend war sie eine leidenschaftliche Leserin. Vor allem englische Romane hatten es ihr angetan. Mit 16 Jahren kam sie nach Paris, wo sie später Vergleichende Literaturwissenschaften studierte und an der Sorbonne mit einer Arbeit über "Stereotype von Schwarzen in der westindischen Literatur" promovierte.
Über zwölf Jahre lebte Condé in Westafrika, in Guinea, Ghana und Senegal, wo sie Französisch unterrichtete. 1973 kehrte sie nach Frankreich zurück, um in Paris Literatur zu lehren. Zuerst versuchte sich als Dramatikerin, bis sie 1976 ihren ersten Roman veröffentlichte, "Heremakhonon", den sie inspiriert von den Ereignissen ihres Lebens in Afrika, schrieb. Mit ihrem dritten Roman "Segu – Die Mauern aus Lehm" gelang ihr der große Durchbruch, auch international.

1988 erhielt sie dafür den LiBeraturpreis. Im Mittelpunkt des Romans stehen der Untergang der Stadt Segu und die Familiengeschichte des adeligen Dusika Traore, die gleichzeitig eine Geschichte über die Rivalität der Religionen und Ethnien, über Sklavenhandel, Familienbande sowie die Liebe ist.
Die französische Schriftstellerin schrieb viele Romane und Theaterstücke, Kinderbücher und Erzählungen, arbeitete aber auch als Korrespondentin für die BBC und als Literaturdozentin an der Columbia University New York und an der Sorbonne in Paris. Am 11. November wird ihr in Stockholm von der "Neuen Akademie" der alternative Literatur-Nobelpreis verliehen, der "New Academy Prize in Literature", dotiert mit 100.000 Euro, der durch Crowdfunding finanziert wurde.

Zweiteilige Lesung und Gespräch im "Offenen Buch"

An zwei Sonntagen liest die Schauspielerin Irina Wanka Auszüge aus "Victoire", einem Frauenleben im kolonialen Guadeloupe. In einem Telefongespräch mit der frisch gekürten Preisträgerin verriet Maryse Condé:
"Schreiben und Kochen ist ein Weg, etwas Schönes herzustellen. Meine Großmutter Victoire konnte also auf andere Weise lesen und schreiben, setzte ihre Kraft für etwas anderes ein. MIr scheint, meine Fertigkeit im Schreiben kommt von ihr. Sie ist meine wirkliche Ahnin."

"Victoire" - Teil 1 am 2. Dezember
"Victoire" - Teil 2 am 9. Dezember, jeweils um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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