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Martin Walser und sein poetisches Juwel "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung"

Wieder ein neuer Walser, ein Walser, der es in sich hat. Kein Plot, sondern hinreißende Splitter höchster Sprachkunst. Es geht um alles, "alles, was ich je empfunden, gemacht und geplant habe. Es ist noch einmal alles aufgeboten", erzählt Martin Walser. "Es muss sich lohnen, das zu lesen. Das ist der Anspruch, den das Buch hat." Und es lohnt sich! Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche spricht Martin Walser über die Schönheit, die Liebe, die Natur und sein Leben, das kein "Samstagsausflug war, sondern da war schon alles Mögliche drin."

Stand: 09.01.2019

Martin Walser im Januar 2019 bei der Präsentation seines neues Werkes "Spätdienst" im Literaturhaus München | Bild: Cornelia Zetzsche

Martin Walser ist einer der Großen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Bis heute hat der preisgekrönte Schriftsteller rund drei Dutzend Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben, dazu Essays, Reden und Hörspiele. Mit "Halbzeit", "Ein fliehendes Pferd" oder "Ein springender Brunnen" wurde er weltberühmt. Nun hat der Großmeister der Sprachkunst ein neues Werk verfasst: "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung". Bestechend formuliert im einzigartigen Walser-Sound. Berührend, heiter, oft todtraurig und angriffslustig, klug:

"Politische Klasse heißt das Bordell, in dem nur Jungfrauen dienen. Die Herren wollen immer die Ersten sein. Erledigt wird man da im Namen der Humanität, das ist eine runderneuerte Hure, deren Zähne echter aussehen als echte und viel besser beißen."

aus 'Spätdienst', Rowohlt Verlag

Cornelia Zetzsche: Kein Roman mehr, kein Plot, keine Handlung, kein Meßmer, kein Zürn, sondern Sentenzen, Gedanken, Lyrik, Aphorismen. Warum die Reduktion?

Martin Walser: „Finden Sie? Das ist keine Reduktion, das ist ja noch einmal alles, was ich je empfunden, gemacht und geplant habe. Es ist noch einmal alles aufgeboten. Alles, was vorkommt in dem Buch, sollte schön sein, ob Gedicht oder Prosa - das Prinzip ist eine Ausdrucksgelungenheit, deswegen braucht es keine Handlung oder sonst was, sondern es muss sich lohnen, das zu lesen. Das ist der Anspruch, den das Buch hat."

Sie leben in einer der schönsten Gegenden des Landes, Sie blicken zurück auf ein ungeheuer reiches, langes, erfolgreiches Leben, Sie haben eine treue Familie, ein schönes Haus, unendlich viele Preise, eine Fangemeinde, zahlreiche Lieben, warum trotzdem so viel Schwermut in diesen schönen Zeilen?

Spätdienst

"Lösch das Licht in dir
mach der Schwärze Platz,
den Wörtern kündige,
sie haben nichts genützt."
Martin Walser

"Finden Sie? Na ja gut, es ist natürlich - es hat sich nicht anders machen lassen – auch eine Selbstentblößung. Wenn ich mich so mit mir beschäftige und schaue, dass ich nur gut Sagbares zur Sprache bringe, dann darf ich aber nicht denken, es darf nur vorkommen, was ganz lustig war und ganz einfach; das heißt also, die Selbstentblößung muss schon ernst genommen werden, soweit sie schön auszudrücken ist. Und wenn dann bei der Selbstentblößung so etwas wie Schwermut herauskommt - mein Leben war ja kein Samstagsausflug, sondern da war schon alles Mögliche drin – da wollte ich inhaltlich keine Einschränkung machen.“

Ihr Leben, Herr Walser, war alles Mögliche, aber auch so viel Schönes, aber was in dem Buch überwiegt, ist die Frage nach Fehlern, nach Versäumnissen, das Hadern mit den Feinden, also das Negative überwiegt und ich frage mich, warum bei allem Erfolg, den Sie haben, die Feinde so ein Stachel sind?!

„Erstaunlich, erstaunlich. Also die paar Kritiker, die da genannt werden, das sind doch keine Feinde! Auch Gegner sind keine Feinde! Feinde ist ein Ausdruck, der zu mir überhaupt nicht passt! Wenn er schon mal vorkommt, bitte, ein-, zweimal, aber bitte unterscheiden Sie! Ich habe mein Leben nicht mit Feinden verbracht, aber ich hatte Gegner, und ich durfte Gegner haben, und ich reagiere auch in diesem Buch auf Gegner, indem ich hier lauter Vierzeiler schreibe über die Kritiker zum Beispiel, da ist aber der Vierzeiler wichtiger, schöner als die Gegnerschaft.“

Es gibt ein paar Gedichte über das Glück. Was ist Glück für Sie?

„Na ja, ich weiß nicht, wie das bei mir vorkommt, es ist auf jeden Fall kein Lieblingswort von mir. Ich habe ja eine andere Prägung gefunden und nenne das ‚Unglücksglück‘. Weil im Wort Unglück das Wort Glück vorkommt, ist Unglück allein auch kein gutes Wort, aber Unglücksglück, das ist meine Lebensstimmung, verstehen Sie, es gibt kein Glück oder Unglück, und es gibt kein Unglück ohne Glück, basta.“

Ich dachte, in der Natur zum Beispiel, bei dem See im Herbstlaub, das sei doch Glück.

„Ja natürlich, das ist wiederum Glück, aber Sie haben auch andere Stimmungen darin gefunden, die Sie vielleicht Unglück genannt hätten, und die ich eben Unglücksglück nenne.“

Blätterschönheit, Sterbepracht heißt es in einem der Gedichte, in denen die Vergänglichkeit, das Vergehen, das Sterben vorkommt. Sie wollten das Thema Sterben, Tod doch so lange ignorieren.

"Spätdienst"

"Es hilft kein Sträuben,
es gibt kein Bleiben,
das Jahr rennt los
und schleift mich mit."
Martin Walser

„Na, dessen bin ich mir nicht bewusst, dass ich den Tod ignoriert hätte. Hier heißt es: ‚Ich sage dem Tod ins Gesicht. Ich glaube ihn nicht.‘ Also, der Tod kommt nicht vor als eintönige Siegesveranstaltung einer Lebensvernichtung, sondern er kommt vor, wenn er vorkommt, als ein Streitpartner, es wird ihm widersprochen.“

Ist das Alter auch nur ein schöner Text, oder wie gehen Sie mit dem Alter um?

„Wenn man einzelne Erfahrungen ausdrücken kann, die nur im Alter möglich sind, bitteschön, dann kann man das ja machen, aber bitte dann sagt er auch, dass er nur zulässt, was als Ausdruck gelingen kann. Und das ist eine Aufhebung des bloß Negativen, wenn etwas Schön ist, verstehen Sie, wenn das Schöne ausgedrückt ist, dann ist es nicht mehr ganz so schlimm, wie wenn es bloß eine bare, inhaltlich traurige Klagestimmung wäre.“

Das wollten Sie immer: das Leben schönschreiben.

„Ja, zugegeben, bei mir heißt es: Mehr als schön ist nichts, basta.“

Autorenlesung und Gespräch im "Offenen Buch"

Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Martin Walser

Am Sonntag, dem 13. Januar liest Martin Walser Ausschnitte aus seinem Buch "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung" und spricht mit Cornelia Zetzsche über sein neues Werk.

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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