Bayern 2 - radioTexte


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Martin Walser "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte"

Zwischen "Weibstattacken“, "Lust-Qual“ und "Anmach-Armeen" steht Justus Mall zwischen den Frauen. Zwei hat er, aber ins Vertrauen zieht er eine dritte, der er schreibt und seine Phantasien mitteilt. Martin Walser im Dialog mit Cornelia Zetzsche.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 04.04.2018

Martin Walser | Bild: Cornelia Zetzsche

"Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte"

„Ich bin nicht ich. Ich ist ein Wort. Ich bin doch kein Wort. Ich bin lieber, was ich wäre, wenn ich nicht zu sein hätte. Also was, bitte, wäre ich lieber als ich? Alles andere als ich."

So beginnt "Gar alles". Justus Mall, ehedem Gottlieb Schall, erst Jurist und Oberregierungsrat, jetzt Philosoph, frühpensioniert nach einem Eklat und seiner Flucht in die Krankheit, Alzheimer, sucht via Blog, also in Monologen, nach „restloser Nähe“, nach weiblicher Erlösung.


Martin Walser:
"Na gut, in einer Formel zusammengefasst, das tut er auch selber, er erlebt sich in einer, das nennt er so, Standard-Situation: Ein Mann zwischen zwei Frauen. Er tut so, als sei das überhaupt üblich, gut."

Da ist Gerda, die Gattin, das „Sternbild“, Inbegriff von „Innigkeit“. Und Silke, Biologin, deutlich jünger, versteht sich, ein „Blütenschwall“. Und Justus Mall - mal ist er „ich“, mal „er“, da läßt sich alles leichter sagen - sucht die Dritte, die ihn versteht. Ein Zerrissener, ein Suchender, ein Mangelwesen in seelischer Not, gegen das sich alle verschworen haben, eine typische Walser-Figur also.



"Wenn er auf die Straße geht: überall diese Weibsattacken, die Frauen meinen das gar nicht, aber die sind alle so verführerisch, die sind alle so optisch aufdringlich usw."


Nach strittigen Themen wie Deutsche Einheit, kollektives Gedächtnis, Glauben und Sterbehilfe, riskiert Martin Walser erneut einen Blick auf die Frauen, streitbar wie immer, von Altersmilde eines 91jährigen keine Spur. Dass sein Held Präsident Trump als „belebendes Element“ sieht, ist nur ein Seitenast. Die Rede ist vielmehr von einer „hageldichten Folge weiblicher Erscheinungen“, von „Weibstattacke“, Lust-Qual“ und einer „Anmach-Armee“, „Reize prügeln“ auf die armen Männer ein, „steile Brüste“ sind so demonstrativ wie bloße Schenkel, ein „Rümpfchen, an dem Titten wippen“!



"Jetzt haben sie das natürlich herausgerissen und effektvoll montiert. Das sind alles Erotik-Erlebnisse meines Helden, aber nicht so hageldicht, wie Sie das jetzt bringen. Aber das stimmt."

 
„Hageldichte Folge weiblicher Erscheinungen“, „sträubende Hügel“, „Schenkelemanzipation“ und die Frauen als „Brandstifterinnen“!?!


"Ja ja ja ja ich weiß ich weiß ich weiß. Aber ich meine, Entschuldigung, so darf ich sagen, nicht jeder, aber mein Justus Mall darf so die Welt erleben. Das ist ja nur ein Angebot. Vielleicht, warten wir‘s mal ab …"


Aber Justus Mall muß schweigen! Schwer wiegen die gesellschaftlichen Gebote, diese „Mordinstrumente“. Als er, erregt von Alkohol und Wagners „Tristan und Isolde“ im Opern-Foyer an der Bar einer unbekannten jungen Frau auf den bloßen Schenkel tippt, beginnt sein Absturz. Ein Schelm, wer denkt, das komme gerade recht zur #MeToo-Debatte.




"Das müssen Sie mir schon erklären! Ich habe damit nichts zu tun“

 


Justus Mall sieht sich als Verehrer der Frauen! Trotz ihres harten „Blauaugenblicks“, beim Schenkel-Tippen.

"Diese Frau macht daraus ein großes, öffentliches Thema. Ich meine, das muss man dann einfach lesen, wie ich‘s geschrieben habe. Aber auf jeden Fall, sie macht ihn zum Grapscher, und er kommt in die Zeitung, und er wird der Grapscher aus der Altherren-Riege. Und wie er sich verteidigt, da sieht man, wie er und ich, wie naiv wir sind."

Wichtiger als jeder Plot ist bei Walser die Gefühlslage seiner meist männlichen, oft erotomanen Helden, die an sich leiden. „Mir entkommen möchte‘ ich, aber wohin?", notiert Justus Mall, und man möchte ihm gleich zustimmen. Martin Walser ist kein Geschichtenerzähler, eher ein Aphoristiker und Chronist von Stimmungslagen. Schreiben ist für ihn eine Suchbewegung, Sprachfindung eine Selbstfindung, seine Schreibenergie ungebrochen. Sie folgt der schreibenden rechten Hand. Political Correctness hat da keinen Platz, bestenfalls Ironie. Als Leserin ist man konsterniert angesichts dieser unbekümmerten Beichte als Blog, und amüsiert, mit welcher Chuzpe, welcher Lust, wie dialektisch wendig der 91jährige Walser wieder ein Tabu torpediert.



"Na ja, das Buch tut wahrscheinlich nichts anderes, als dass es wirbt um Zustimmung (lacht). Es soll noch ein paar Leute zustimmen und sagen Ja, so ist es. Warten wir es ab."

Lesung und Gespräch in "radioTexte - Das offene Buch"


Cornelia Zetzsche hat den Großschriftsteller Martin Walser daheim am Bodensee besucht. Sie stellt den neuen Band "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" in zwei Folgen vor:

Sonntag, 8. April
Sonntag, 15. April

jeweils um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Die ungekürzte Autoren-Lesung gibt es ab 25. April als Hörbuch bei Argon, eine Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk


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