Bayern 2 - radioTexte


35

Yuval Harari "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert"

Er gilt inzwischen als Weltstar der Wissenschaft und ist als Vordenker für makrogesellschaftliche Prozesse allseits respektiert. Nach den Bestsellern " Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" liefert Yuval Harari nun mit "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" keine historische Erzählung, sondern seine Analyse der Gegenwart. In Zeiten von alles überschattenden hysterischen Debatten kämpft der israelische Historiker für mehr Klarheit in verunsicherten Köpfen. Lesung mit Armin Berger

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 20.09.2018

Der Historiker Yuval Harari (links) und Redakteur Antonio Pellegrino im Studio des Bayerischen Rundfunks | Bild: BR / Kimmelzwinger

In "Eine kurze Geschichte der Menschheit" erzählte Yuval Harari von der menschlichen Vergangenheit, vom Aufstieg des Homo Sapiens zum Herrn der Welt, in seinem zweiten Bestseller "Homo Deus" von der Zukunft unserer Spezies. Sein neues Buch fokussiert das Hier und Jetzt, soll nichts weniger sein als eine globale Analyse der zentralen Faktoren, die Gesellschaften überall auf der Welt prägen und die die Zukunft unseres Planeten beeinflussen werden. Ein ambitioniertes Vorhaben des 42-jährigen Historikers, doch auf jeder der 459 Seiten ist spürbar, wie sehr ihm diese Themen am Herzen liegen, dass hier ein großer Drang zum Aufklären, zum Diskutieren vorlag. Als Historiker, so schreibt Harari in der Einleitung seiner "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert", könne er den Menschen weder Essen noch Kleidung geben, aber er könne "versuchen, ihnen ein wenig Klarheit zu verschaffen, und damit einen Beitrag dazu leisten, das globale Spielfeld etwas einzuebnen". Das "globale Spielfeld" ist an einem neuralgischen Punkt angekommen, das unser aller Augenmerk verdient, so glaubt der israelische Autor.

Der Menschheit läuft die Zeit davon

"Der Philosophie, der Religion und der Wissenschaft läuft die Zeit davon. Die Menschen diskutieren seit Jahrtausenden über den Sinn des Lebens. Wir können diese Debatte nicht endlos fortsetzen. Die sich anbahnende ökologische Krise, die wachsende Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und das Aufkommen neuer, disruptiver Technologien werden das nicht erlauben. Wichtiger noch. Künstliche Intelligenz und Biotechnologie verschaffen der Menschheit die Macht, das Leben zu verändern und zu manipulieren. (...) Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft des Lebens den Quartalsberichten von Unternehmen anvertraut wird, brauchen wir eine klare Vorstellung davon, was das Leben überhaupt ausmacht."

(Yuval Harari)

Eine vertrocknete Wiese am Pegnitzgrund in Nürnberg: Experten sind sich einig: Wir bekommen längst den Klimawandel zu spüren.

Viele Nationen ringen momentan um Entscheidungen, die in wenigen Jahren den Planeten entscheidend prägen könnten.Was zum Beispiel tun gegen den Klimawandel oder gegen die Krise der liberarlen Demokratie? Wie gehen wir um mit der rasanten Verbreitung von sogenannten Fake News, wie mit der Terror-Gefahr oder mit dem hysterisch diskutierten Thema Migration? Wie kann in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie die zeitgemäße Antwort auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens lauten? Yuval Harari führt all diese virulenten Themen zusammen.

Gegen die These von einem "spezifisch deutschen Wesen"

In der für die radioTexte am Dienstag ausgewählten "Lektion" erklärt der 1976 in Haifa geborene Autor insbesondere, wie sich seiner Meinung nach Zivilisationen konstituieren und definieren.

"Die Analogie zwischen Geschichte und Biologie, die der These vom Kampf der Kulturen zugrunde liegt, ist falsch. Menschliche Gruppen - von kleinen Stämmen bis zu riesigen Kulturkreisen - unterscheiden sich grundlegend von Tierarten, und historische Konflikte sind etwas völlig anderes als natürliche Ausleseprozesse."

(Yuval Harari)

Gibt es ein spezifisch deutsches Wesen, das von Wilhelm II. bis Angela Merkel unverändert geblieben ist?, fragt Yuval Harari rhetorisch.

Menschengruppen definieren sich laut Yuval Harari stärker über die Veränderungen, die sie erfahren, als über eine wie auch immer geartete Kontinuität. Das zeigt Harari u.a. an der in den letzten zwei Jahrhunderten sehr wechselhaften deutschen Geschichte. Dennoch beharren manche darauf, dass unsere jetzige Gesellschaft das Erbe uralter Vorfahren darstelle. Dass ein Volk, eine Religion oder eine Nation eine feste, uralte DNA für sich beansprucht, beweise aber bloß die erzählerischen Fähigkeiten des Homo Sapiens. Die globale Tendenz sei, so Harari, ganz eindeutig: Die Menschheit auf dem Planeten Erde wird immer homogener. Diese Entwicklung könnte man positiv sehen, man könnte mit globaler Kraft die großen Herausforderungen der Zukunft angehen. Doch in hysterischen Debatten um Zuwanderung und Terrorgefahr, durch digitale Ablenkungen und Infofluten geraten die wirklichen Probleme ins Abseits. Um diese dringend nötige Fokussierung kämpft Yuval Harari mit seinen "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert", die vor kurzem in fünfzig Ländern gleichzeitig erschienen ist.

Zum Autor

Yuval Noah Harari, 1976 im israelischen Haifa geboren, promovierte 2002 an der Oxford University. Er ist Professor für Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem mit Schwerpunkt auf Weltgeschichte. Seine Bücher "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" wurden in fünfzig Sprachen übersetzt und über 12 Millionen Mal verkauft. Mit seinem Ehemann lebt der überzeugte Veganer im Moschaw Mesilat Zion bei Bet Schemesch westlich von Jerusalem.

"21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" 

von Yuval Noah Harari
am 2. Oktober um kurz nach 21 Uhr in den radioTexten am Dienstag
Lesung mit Armin Berger
Das Buch, übersetzt von Andreas Wirthensohn, ist im C.H. Beck Verlag erschienen.
Moderation: Antonio Pellegrino

Podcast verfügbar


35