Bayern 2 - radioTexte


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Lesung mit Katja Schild Wie Frauen im Spaziergang die Stadt erobern

Virginia Woolf in London ist eine von ihnen, Jean Rhys in Paris, Holly Golightly und Patti Smith in New York: die "Flâneuse", die sich zu Fuß ihre Stadt erobert, smarte Rebellin ihrer Epoche. Ihr hat Lauren Elkin ein Buch gewidmet, in dem sie davon erzählt, wie sie den Spuren der Frauen folgt und gleichzeitig ihre eigene Geschichte des urbanen Flanierens schreibt. Antonio Pellegrino hat mit der Autorin gesprochen. Lesung mit Lisa Wagner und Katja Schild

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 11.04.2019 | Archiv

"Irgendwo im sechsten Arrondissement wurde mir klar, dass ich für den Rest meines Lebens in der Stadt wohnen wollte, und zwar genau hier, in Paris. Es hatte etwas mit der absoluten, vollkommenen Freiheit zu tun, die sich entfaltet, wenn man einen Fuß vor den anderen setzt."

(Lauren Elkin)

Es klingt wie ein Klischee, doch darf man annehmen, dass Lauren Elkin nicht die einzige Paris-Besucherin ist, die hier eine Leidenschaft entdeckte, die sie jahrelang, bis heute, nicht mehr losgelassen hat: richtig, das Gehen, oder mehr noch: das Flanieren. In den Suburbs von New York aufgewachsen, zog die junge Frau mit PhD nach Paris. Parallel zu ihren urbanen Streifzügen vertiefte sie sich in die Historie des durch und durch männlich konnotierten Vergnügens des Flânierens.

Edgar Allan Poe erschuf mit seinem "Mann in der Menge" (1840) eine besondere Art des Flanierens.

Das Wort "Flâneur", der Mann, der umherstreift, sich treiben lässt, abgeleitet vom französischen Verb flâner, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man durch die mit Glas und Stahl überdachten Pariser passages spazieren konnte. Der Flâneur, dieser Lebemann mit Privilegien und vor allem mit Muße, mit Zeit und Geld und ohne unmittelbare Verpflichtungen, versteht die Stadt wie nur wenige ihrer Bewohner - er hat sie sich mit den eigenen Füßen eingeprägt, hat den urbanen Raum mit allen Sinnen erobert. Die literarische Figur ist untrennbar verbunden mit so großen Namen wie Edgar Allan Poe, Baudelaire, Balzac, Proust oder Walter Benjamin.

Flâneuserie - politisches Gehen?

Und wo waren die Flâneusen? Im 19. Jahrhundert war der Begriff, wenn überhaupt, für Prostituierte geläufig; Frauen auf der Straße liefen stets Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Das änderte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Dame auch als potenzielle Kundin entdeckt wurde - nicht nur in Paris, sondern auch in London oder New York. Frauen "durften" nun sichtbar sein auf der Straße, sogar auf dem Drahtesel. Und es waren die Stadtzentren, in denen Frauen an Macht gewannen, indem sie Orte betraten, die nicht für sie vorgesehen waren - Schritte als grenzüberschreitende Aktionen.

"Auch heute noch hat die Flâneuse mit ihrer Sichtbarkeit zu kämpfen, obwohl sie sich in der Stadt inzwischen mehr oder weniger frei bewegen kann. (...) Eine Frau braucht nicht in Gore-Tex herumzustapfen, um subversiv zu sein. Sie braucht einfach nur vor die Haustür zu gehen."

(Lauren Elkin)

Patti Smith

Einmal Feuer gefangen für das Thema stürzt sich Lauren Elkin nicht nur in Paris in die Recherche nach Flâneusen, sie bereist und durchstreift auch New York, London, Venedig, Tokio und Hongkong und zeichnet historische Porträts von Frauen, die ihre Laufleidenschaft teilen und die sie charakterisiert als "entschlossene, kreative Individuen mit tiefem Gespür für das schöpferische Potenzial einer Stadt und die befreiende Kraft eines guten Spaziergangs": von Virginia Woolf in London, über Jean Rhys in Paris bis zu Patti Smith in New York.

Eine der vielen Erkenntnisse von unterwegs: Räume, so Lauren Elkin, sind nie neutral, sondern sind immer noch ein feministisches Thema.

"Raum ist Zweifel. Sie gehören nie mir, wurden mir nie überlassen, ich muss sie erobern."

(Georges Perec)

Lauren Elkin, Autorin, Übersetzerin und Dozentin, schreibt nicht nur Bücher, sondern auch Essays und Artikel für u.a.The New York Times, The Guardian, Le Monde, Vogue, the London Review of Books, Violet, Afar, the Times Literary Supplement und frieze. Momentan unterrichtet sie an der University of Liverpool. Ihr Zuhause ist das Rive Droite in Paris, gerade ist sie französische Staatsbürgerin geworden.

"Flâneuse. Frauen erobern die Stadt"

von Lauren Elkin

Lesung in zwei Teilen mit Lisa Wagner und Katja Schild

am 16. und 23. April 2019 in den radioTexten am Dienstag auf Bayern2

Im Gespräch mit Antonio Pellegrino: die Autorin

Das Buch, aus dem Englischen von Cornelia Röser übertragen, ist bei btb erschienen.

Sendung vier Wochen als Stream verfügbar


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