Bayern 2 - radioTexte


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Eine Liebe in Briefen "Mein kleines, feines Reich"

"Bin 36-jährig, 1,92 Meter groß und ansehnlich, Wasserwanderer und Liebhaberfotograf, Kaufmann und Idealist", so beschrieb sich Otto Hansen in seiner Heiratsanzeige von 1930. Unter den über siebzig Frauen, die ihm mit Bewerbungsschreiben antworteten, war eine mit türkischem Absender: "Maria Heldmann, Guraba Hospital, Istanbul". Fünf Monate später reiste "Mi" zu ihrem "Hansemann", um ihn endlich persönlich zu treffen: eine Liebe in Briefen mit Wiebke Puls und Tim Kramer.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 20.04.2018

Partnervermittlungen gab es schon 1930: Die Liebesgeschichte von "Hansemann" und "Mi".  | Bild: Gundula Iblher

Die Heiratsanzeige hatte der Hamburger Otto Hansen beim BUND aufgegeben, der "ersten Treuhandorganisation des Sichfindens". Und Maria Heldmann war von dem "Wasserwanderer" und "Idealisten" offenbar gleich angetan. Sie war eine hessische Pfarrerstochter, die ein für die damalige Zeit ungewöhnlich emanzipiertes Leben führte: unverheiratet und Leiterin einer Schwesternschule im Orient, wo sie für dreißig Mitarbeiterinnen verantwortlich war, dennoch erfüllt von der Sehnsucht nach einer "echten deutschen Ehe".

Von Istanbul nach Hamburg

Von Istanbul nach Hamburg: zwischen Oberschwester "Mi" und Kaufmann "Hansemann" hat es gefunkt. Ein Briefwechsel aus den 30er Jahren

Der Briefwechsel, der sich zwischen "Hansemann" und "Mi" - wie sich die beiden bald zärtlich nannten - entspann, wurde von ihrer Enkeltochter Gundula Iblher entdeckt und für die radioTexte zusammengestellt. Die schriftlichen Kennenlernversuche gewähren einen privaten Einblick in die bewegte Zeit um 1930 in einer manchmal befremdlich deutschtümelnden Sprache. Der nüchterne Kaufmann und die impulsive Oberschwester versuchen, sich zwischen Emanzipation und Konvention zu orientieren, zwischen Naturschwärmerei und Wirtschaftskrise, deutsch-nationalem Idealismus und Kriegstrauma.
Fünf Monate und zahllose Briefe später ist alles ausgemacht: Maria Heldmann begibt sich auf die Reise nach Hamburg zu einem Mann, den sie noch nie gesehen hat. Er soll der "Finanzminister", sie die "Innen- und Kultusministerin" ihres "kleinen, feinen Reiches" werden.

Letztlich scheiterte die Liebesgeschichte zwischen Hansemann und Mi leider später an den politischen Ereignissen.

Hintergründe zu Hansemann und Mi im Gespräch

Weitere Details aus dem Leben von Hansemann und Mi, wie die Briefe entdeckt wurden und wie die Produktion für die radioTexte entstand, verraten Gundula Iblher, die Autorin der Sendung und Enkelin von "Mi", sowie Katja Langenbach, die Regisseurin von "Mein kleines, feines Reich":

Wie wurde der Briefwechsel denn entdeckt?

Gundula Iblher:

Die Briefe lagen in einer von Maria Heldmann mit orientalischen Ornamenten selbst bestickten Mappe und waren Teil ihrer Hinterlassenschaft. Meine Tante Ingrid hat sich die Mühe gemacht, die gesamte Korrespondenz abzutippen und daraus einen wunderschönen Band für uns Enkelkinder binden lassen. Es war ihr wichtig, dass wir Enkel die Geschichte – die Liebesgeschichte - unserer Großeltern kennenlernen.

Maria lernt ihren zukünftigen Ehemann Otto durch den BUND.  War das eine Organisation?  Was ist das Besondere an dieser Liebesgeschichte?

Gundula Iblher:

Der BUND war eine frühe Zeitung für Heiratsannoncen über Chiffre. Fasziniert haben mich die kleinbürgerlichen Träume der Beiden, die im Widerspruch zu ihrer jeweiligen Lebenssituation standen. Maria, die unabhängige, abenteuerlustige Frau, träumt genauso wie Otto von einer Liebesbeziehung, die beiden erlauben würde, dem Alleinsein zu entkommen. Vor allem für Otto bedeutete diese Ehe den Ausbruch aus seinem bedrückenden Elternhaus! Als Leser bezweifelt man, ob der althergebrachte Eheentwurf der Beiden Glück bedeuten kann. Gleichzeitig fiebert man mit, ob sie sich kriegen. Die schrecklichen Auswirkungen, die der Zweite Weltkrieg auf das Familienleben der Beiden hatte, lassen den Traum ihres "kleinen, feinen Reichs" in einem anderen Licht erscheinen. Auch ihre Sprache ruft widersprüchliche Gefühle hervor – besonders die von Otto Hansen. Einerseits bewundere ich die Ausdrucksstärke dieser "Durchschnittsbürger" von 1930. Andererseits wirkt dieses Deutschtümelnde heute sehr befremdlich.

Hansemann und Mi fanden sich nach 1945 wieder. Was geschah während des Kriegs?

Gundula Iblher:

Angaben ohne Gewähr: Otto Hansen wurde als Schutzpolizist nach Neumünster abkommandiert. Maria floh mit der jüngsten Tochter ins elterliche Pfarrhaus nach Korbach. Ihre anderen beiden Töchter mussten immer wieder in die Kinderlandverschickung, während die älteste schließlich in einem Nazi-Internat in Polen landete. Nach dem Tod Marias 1946 gab Otto Hansen wieder eine Heiratsanzeige auf - diesmal nicht auf der Suche nach dem Glück, sondern nach einer Mutter für die Kinder.

Wie geht man bei der Fülle der Briefe dramaturgisch vor?

Katja Langenbach:

Schauspielerin Wiebke Puls (rechts) im BR-Studio neben der Autorin Gundula Iblher und der Regisseurin Katja Langenbach (links)

Die Briefe sind zum Teil sehr ausführlich. Oft gingen Briefe aneinander vorbei und Antworten auf Fragen erhielt der Absender erst Wochen später. Wir haben versucht, die zeitliche Reihenfolge einzuhalten, so dass sich im Verlauf der Lesung ein Dialog zwischen den beiden entsteht, wobei der Rhythmus variiert. Wir haben eine dramatische Montage vorgenommen, die eine Entwicklung beschreibt: vom vorsichtigen Kennenlernen in langen Briefen über schnell springende Briefwechsel, wo das Tempo rasanter wird, bis zum Höhepunkt des Liebesgeständnisses. Dazwischen gibt es immer wieder Momente des Zweifelns, Rückzieher, philosophisches Innehalten und poetische Spielereien. Schließlich verdichtet sich der Rhythmus, als Mi ihre Sachen packt, um ihr altes Leben aufzugeben und nach Deutschland zurückzukehren.
Ich hoffe, dass wir mit unserer dramaturgischen Entscheidung eine lebendige Wirkung erzielen, wo das indirekte Kennenlernen über das geschriebene Wort immer mehr in den Hintergrund tritt und durch den Eindruck einer direkten Begegnung ersetzt wird. Entsprechend wird sich die tonale Umsetzung darauf konzentrieren, die Persönlichkeiten der beiden herauszubringen und den Eindruck eines unmittelbaren Gesprächs herzustellen. Wir setzen also auf das Wort, ohne aber dabei die Schriftsprache in den Mittelpunkt zu rücken. Zusätzlich wird es von den Schauspielern Wiebke Puls und Tim Kramer gesungene Volkslieder als musikalische Komponente geben, denn Hansemann und Mi haben sich mit Hilfe von Versen und Liedchen viel mitgeteilt und auf diese Weise ihre Lebenseinstellungen miteinander verglichen. 

Wiebke Puls und Tim Kramer lesen die Briefe von Hansemann und Mi - warum dieses Duo?

Katja Langenbach:

Ganz banal: Beide haben nordische Wurzeln und Hamburg spielt eine große Rolle, sowohl was den zukünftigen Wohnort der beiden angeht als auch die Mentalität von Otto. Bei Mi spielt ihre Impulsivität, Sprunghaftigkeit und Verspieltheit eine wichtige Rolle sowie ihre Vorliebe für das Volksliedgut. Diese Eigenschaften hat Wiebke Puls hervorragend verkörpert – d.h. „zu Gehör gebracht“. Gleiches gilt für Tim Kramer, der eine Mischung finden musste aus seriösem Kaufmannston, hamburgischer Zurückhaltung und Begeisterungsausbrüchen, aus subtilem Humor, fantasievollen sprachlichen Experimenten und liebevollen Zuwendungen. Beide Schauspieler sind unsere Traumbesetzung.

"Mein kleines, feines Reich"

Die wahre Geschichte von Hansemann und Mi

von Gundula Iblher

am 24. April 2018 um 21.05 Uhr
in den radioTexten am Dienstag

Wiebke Puls wird im Mai mit dem 3sat-Preis geehrt für ihre Leistung in der Inszenierung „Trommeln in der Nacht“ an den Münchner Kammerspielen.

Mit Wiebke Puls, Tim Kramer und Peter Veit

Regie: Katja Langenbach

Die Sendung ist auch als Podcast verfügbar.


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