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Zehn Jahre nach der Revolution Khaled al-Khamissi "Worte werden ihren Weg finden"

Unvergessen die Bilder vom Februar 2011! Zwei Millionen Ägypter feierten den Rücktritt Mubaraks. Doch was wurde aus dem Jubel, aus der Revolution, die am 25. Januar auf dem Tahrir-Platz begann? Khaled al-Khamissi, der mit seinen Taxi-Erzählungen tief in die Seele des ägyptischen Volkes schauen ließ, schreibt - exklusiv für das "Offene Buch" – seine literarischen Geschichten weiter. Ägyptens politische Lage heute: Gewalt, Repression, Folter, Gleichschaltung der Presse.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 22.01.2021

Demonstrantren auf dem Tahrirplatz | Bild: picture-alliance/dpa

"Die französische Revolution hat 70 Jahre gebraucht, die unsere dauert hoffentlich nicht so lange," sagte Khaled al-Khamissi im Gespräch mit Cornelia Zetzsche 2011. Doch zehn Jahre nach dem Sturz von Staatspräsident Mubarak hat sich mit Abdel Fatah Al-Sisi alles zum Schlechteren gewendet. Aus dem Ruf nach Freiheit wurde Unterdrückung, Überwachung, ein Militärregime.

Militärphalanx in Kairo ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks

Der Traum vom "Arabischen Frühling" endete 2013 mit einem Staatsstreich und in einer Diktatur. Doch dass ein Volk einen Präsidenten stürzen kann, allein die Möglichkeit, der Gedanke, wird in Ägypten nicht vergessen sein. Auch wenn auf dem Tahrir-Platz in Kairo alle Spuren der Revolution beseitigt wurden. Die Einschusslöcher an den Häusern wurden zugegipst, die Graffitis übermalt, nichts soll mehr an den 25. Januar 2011 erinnern. Doch in den Köpfen lebt er weiter, der Traum von einem freien Land.

Das Taxi als unabhörbarer Ort für Gespräche und freien Gedankenaustausch

Rush Hour in Kairo

"Mein Gott, wie alt mochte dieser Fahrer sein? Und wie alt sein Auto? Ich war sprachlos, als ich mich neben ihn setzte. Er hatte so viele Falten im Gesicht, wie es Sterne am Himmel gibt; jede Falte drückte sich zärtlich an die nächste. Mit beiden Händen umklammerte er das Lenkrad; und als er die Finger streckte und wieder krümmte, bemerkte ich, dass die Adern auf seinen Händen hervorstanden, als würden sie wie der Nil das trockene Land wässern."

aus 'Im Taxi. Unterwegs in Kairo', übersetzt von Kristina Bergmann

So beginnt einer der Taxi-Geschichten des Kairoer Schriftstellers. Eine wunderbare Liebeserklärung an einen Berufsstand, der wie kein anderer in Ägypten so nah am Puls der Gesellschaft ist wie die 250000 Kairoer Taxifahrer. "Wer wissen will, was die Menschen umtreibt, liest keine Zeitung, sondern nimmt das Taxi und hört auf das, was ihm der Fahrer erzählt", schreibt Khaled al-Khamissi, und der „Schlüssel zum wahren Verständnis des ägyptischen Volkes ist sein Humor. Wer den ägyptischen Humor nicht versteht, versteht auch die Revolution nicht.“

"Steht die Cheops-Pyramide auf dem Kopf?"

نص لإذاعة ميوني خ

خالد الخميسي
)حوار بين سائق في السبعين من العمر وراكب )راكبة( في العشرين من العمر (
- هل من الممكن أن يق ف هر م خوفو عل ى قمته وتكو ن قاعدته في السماء ؟
- بالطبع ل
- لم ينهار تماما بع د .نحن في مصر أوقفنا هر م خوف و هكذا المقلو ب، والعجيب وعلى الرغم من تمايله المضطرب إل أنه
- ؟وكيف هذا ؟

So beginnt der neue Taxi-Dialog von Khaled al-Khamissi, für das Offene Buch übersetzt von Günther Orth. Es geht ums Rückwärtsfahren. Ganz harmlos verwickelt ein alter Taxifahrer aus Kairo eine junge Frau in ein Gespräch über den Zustand Ägyptens. Steht nicht die Cheops-Pyramide auf dem Kopf? Hören Sie mir genau zu, denn ... So beginnen viele Taxi-Geschichten, mit denen sich der Schriftsteller, Journalist und Kolumnist Khaled al-Khamissi vor über zehn Jahren die Herzen der ägyptischen Leser und Leserinnen eroberte. "Im Taxi. Unterwegs in Kairo" wurde zu einem Bestseller. Die Taxifahrer kennen das ganze Spektrum der ägyptischen Gesellschaft, die Sorgen und die Wünsche und die Befindlichkeiten. Das Taxi ist nicht abhörbar und zensurfrei. Khamissis Erzählungen sind voller politischer Anspielungen und spöttelndem Witz.

Khaled al-Khamissi

Ein Mann geht durch die Wüste, findet Aladins Wunderlampe und wünscht sich eine Million ägyptische Pfund. Der Geist schenkt ihm eine halbe Million, der Rest geht an die Mächtigen, denn "Die Regierung ist mit 50 Prozent an der Lampe beteiligt". Ägyptische Witze wie diesen, Szenen des Alltags, Geschichten aus Ägypten heute, 58 Episoden sammelte der 58-jährige Regisseur, Drehbuchautor, Politologe und Schriftsteller Khaled al-Khamissi auf seinen Taxifahrten durch Kairo, deftige, humorvolle, poetische, verzweifelte Dialoge, die mehr erzählen als alle politischen Analysen.

Lesung mit Rainer Buck, Thomas Loibl und Laura Maire und ein Gespräch mit dem Autor

Schriftsteller Khaled al Khamissi

Am Sonntag, dem 24. Januar, sind Rainer Bock, Thomas Loibl und Laura Maire unterwegs in ägyptischen Taxis. Sie lesen Szenen und Geschichten, geschrieben von Khaled al-Khamissi, der aus Kairo zugeschaltet ist. Ausschnitte aus "Im Taxi. Unterwegs in Kairo", erschienen in der Übersetzung von Kristina Bergmann im Lenos Verlag und "Im Rückwärtsgang"einen exklusiv für das "Offene Buch" geschriebenen Dialog, übersetzte Günther Orth, der natürlich auch in einem Kairoer Taxi stattfand.

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2


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