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Nominiert für den Leipziger Buchpreis Kenah Cusanit und ihr Romandebüt "Babel"

Kenah Cusanit studierte sumerische, babylonische, hethitische Philologie, Afrikanistik und Ethnologie und schreibt seit 2008 Essays, Gedichte und Erzählungen. Nun hat sie mit ihrem Romandebüt einen Volltreffer gelandet: "Babel", ein kunstvoll verwobener Roman über den kauzigen Archäologen Robert Koldewey, der von Kaiser Wilhelm II. mit dem nötigen Kleingeld versehen beauftragt wird, in Mesopotamien nach der sagenumwobenen Stadt Babylon zu graben. Nicht nur ein Kampf gegen Hitze und Staub, gegen resistente Mitarbeiter, neidische Kollegen, sondern auch gegen die Bürokratie in Berlin.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 06.03.2019

Kenah Cusanit  | Bild: Hanser Verlag, Peter Hassiepen

Cornelia Zetzsche:
Kenah Cusanit, Sie schrieben Essays und Gedichte, nun sind Sie mit Ihrem Debütroman „Babel“ gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, ein sehr renommierter Preis, wie war Ihre Reaktion darauf?

Kenah Cusanit:
„Schweigen, nachdenken, ohne große Ergebnisse (lacht), ich bin immer noch dabei, das zu verarbeiten und darüber nachzudenken. Es war ein Rauschen, keine große Gedankenorgie.“

Ihr ungewöhnlicher Name Kenah könnte indischer, keltischer, hebräischer Herkunft sein. Indisch würde er bedeuten: aus dem Feuer geboren. Würde Ihnen diese Bedeutung gefallen oder können Sie uns mehr verraten?

„Das ist eigentlich keltisch, nicht indisch. Diese Bedeutung passt sehr gut zu mir, also ich hab sie jedenfalls für mich beansprucht, diese Lesart, für mich passt sie sehr gut."

Inwiefern?

„Schon insofern, als ich ziemlich große Angst habe vor Wasser, vermutlich weil ich eher feurig bin.“

Robert Koldewey

Robert Koldewey machte dieses Foto mit einem Selbstauslöser

Der sehr eigenwillige Archäologe hatte zunächst Architektur, Archäologie und Kunstgeschichte in München, Berlin und Wien studiert. 1899, als er in Mesopotamien den ersten Spatenstich machte, ahnte er nicht, dass er 18 Jahre für die Freilegung der größten Stadt des Orients brauchen würde. Sprichwörtlich war sein trockener Humor: "Wenn man krank ist, wird man entweder gesund oder man stirbt."

Mehr wollen Sie uns ja nicht verraten über Ihren Namen, auch Cusanit ist nicht so ganz gewöhnlich. Stattdessen wollen Sie, wollen wir lieber über das Buch reden. Ihr Roman „Babel“ erzählt von einer historischen Figur, dem Architekten und Archäologen Robert Koldewey, der vor 100 Jahren das sagenumwobene Babylon ausgrub oder ausgraben ließ: Paläste von Nebukadnezar, Teile des Turms zu Babel, das Ischtar-Tor. Was fasziniert Sie an diesem Babylon?

„Was mich fasziniert, ist vermutlich überhaupt, wie ich dazu gekommen bin, so besessen zu werden von dieser Geschichte, also von diesem Hin und Her zwischen den Ausgräbern, von Zeit und dem Ort, auch von dem babylonischen Berlin, nicht nur dem im Berliner Auftrag ausgegrabenen Babylon. Ich habe ja in Archiven gesessen und habe ziemlich viele dieser Briefe gelesen, und ich bin regelrecht reingezogen worden in diese Zeit und in diese Atmosphäre. Und das mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ich natürlich eigene Themen und Theorien und Konzepte habe, die mich umtreiben, die sich einfach besonders gut dann mit dieser Geschichte verbunden haben.“

Was sind das für eigene Themen?

"Babel" - Vorwort

"Buddensieg, sagte Koldewey, als sie nach Tagen oder Wochen Konstantinopel erreichten, und wies in eine Richtung, von der beide wussten, wohin sie führte. Dr.Koldewey? Gehen Sie, Buddensieg, wir sind geschiedene Leute. Melden Sie sich als Kriegsfreiwilliger, vielleicht finden Sie an der Front noch einen anständigen Tod. Er ging und meldete sich, kam in Palästina in Gefangenschaft und setzte nach seiner Heimkehr in den Berliner Museen seine Arbeit fort, die wie einst in Babylon darin bestand, Fundgegenstände mit einer Inventarnummer zu versehen."

„Ich hab so einen wissenschaftssoziologischen Blick, so ein Interesse an unserer eigenen Kultur. Natürlich, wenn man ethnologisch unterwegs ist, dann ist es ganz interessant, mal auf die eigene Kultur zu gucken, so zum Beispiel wie Wissenschaft entstanden ist, also die Geschichte der Wissenschaft; wie, mit welchen Methoden Wissenschaft arbeiten kann, wie kulturelle Denkmuster sich auswirken; was wir für eigene kulturelle Denkmuster haben. Und in diesem Sinne war es natürlich besonders interessant, die Ausgrabungswelt dieser Zeit wie einen kleinen Ausschnitt unserer eigenen Zeit wahrzunehmen, also die Anfänge unserer dokumentationsbesessenen Gegenwart dort zu sehen, wie sich das sozusagen dann auf den Weg gemacht hat in unsere eigene Gegenwart.“

Babylon, Hauptstadt von Babylonien, ein Stadtstaat 90 Kilometer südlich von Bagdad, stellen wir uns das vor, Blütezeit 1800 v. Chr. bis 100 n. Chr.,  aber wichtiger noch, dass schon der Name, finde ich, so als Mythos kommt, noch bevor man sich damit beschäftigt hat. Was ist Mythos, was Realität?

„Ja, das ist die große Frage. Ich würde sagen, dass tatsächlich Robert Koldewey durch diese Ausgrabung eigentlich erst diesen Mythos zurück in die historische Realität geholt hat, und damit ja eigentlich erst das Fundament der Besessenheit, die heutzutage in Berlin herrscht, gelegt hat.“

Ischtar-Tor

Das zu den sieben Weltwundern der Antike gehörende nördliche Tor der Stadt Babylon wurde in 900 Kisten verpackt nach Berlin transportiert. Das Ischtar-Tor steht im Pergamon-Museum

Seit 1930 sind Teile des sagenumwobenen Babylon im Berliner Pergamon-Museum zu sehen. Die deutschen Forscher gingen damals dorthin, trugen die Schätze fort, 500 Kisten. Wie war das möglich, politisch und praktisch, einfach aus dem Land historische Schätze wegzutragen?

„Na ja, damals wurden diese Schätze ja nicht als historische Schätze wahrgenommen, es war Baumaterial, das man wiederverwendete, für Staudämmen zum Beispiel,Häuserbau. Bis nach Bagdad wurden die Steine des Ischtar-Tors getragen, um dort die Stadt zu erbauen. Hätte es diese Ausgrabungen nicht gegeben, wäre es gut möglich, dass davon gar nichts mehr da gewesen wäre, weil alles wiederverwendet worden wäre. Zum zweiten Punkt: Natürlich gab es damals Fund-Verträge, die besagten, was im Land, also jetzt in osmanischer Verwaltung, in osmanischen Händen, bleibt und was nach Berlin transportiert werden kann. Insofern ist es jetzt nicht zu vergleichen zum Beispiel mit klassischer Raubkunst.
Die Frage die man sich stellen sollte ist, warum ist das überhaupt bei uns gelandet, was sagt das über unsere Kultur aus, dass wir es anscheinend benötigen, wozu brauchen wir es? Ich finde es schade, wenn man einfach sofort bei dieser Entscheidungsfrage stehen bliebe. Dann werden all die Fragen zugedeckt, all die Mechanismen, die dazu geführt haben, dass wir überhaupt zu einer Kultur werden konnten, die so etwas macht. Wir sind eine Museumskultur und zu unserem Gründungsmythos gehört die Erzählung von der Eroberung und der Verwaltung der Welt, wir die Zivilisationsbringer. Und unsere Museen sind die Orte, an denen diese Geschichte erzählt wird. Wenn wir die nicht mehr erzählen können, was machen wir dann?“

Eine Antwort von Ihnen ist, dass Sie Ihren Roman, Kenah Cusanit, 1913 spielen lassen. Was interessiert Sie an diesem Jahr? Wir befinden uns in der noch wilhelminischen Zeit, an einem Höhepunkt des Kolonialismus, des Imperialismus. Was interessiert Sie am Jahr 1913?  

„Das ist natürlich das Jahr vor Kriegsausbruch, insofern erzeugt allein dieser Umstand aus heutiger Sicht, wenn man mit unserem Wissen draufguckt, auf diese Erzählung eine ungeheure Spannung. Und in dieser Spannung liest man, denke ich, den Roman anders.“

Koldewey und seine Kollegen arbeiten in Mesopotamien, im Zweistromland in extremen Situationen. Welche Rolle spielt der Fluss, der Euphrat, das Wasser für die Geschichte und für Ihr Schreiben?

„Manchmal kommt es mir so vor, als sei der ganze Text eigentlich das Aquarell, zu dem Koldewey nicht mehr gekommen ist, es zu malen. Man setzt den Pinsel an unterschiedlichen Stellen an und lässt das Eigene und das Fremde und die Gegenwart und die Geschichte aufeinandertreffen und schaut, welche Verbindungslinien sich ergeben, wo man voneinander abweicht, wo es komplett verschwimmt und verschwindet. Und der Fluss und der Lehm und der Schlamm und das Sich-Ineinander-Drehen, das passt natürlich sehr gut rein in das Bild, und wir könnten dieses Thema jetzt ewig fortsetzen mit weiteren metaphorischen Gedanken.“

Kenah Cusanit

Kenah Cusanit lebt in Berlin. Sie wurde 1979 in Blankenburg im Harz geboren, im selben Ort, in dem auch ihr Held Robert Koldewey 1855 zur Welt kam. Für ihre Essays und Gedichte wurde die Altorientalistin und Ethnologin bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie erhielt u.a. das Lyrikstipendium des Landes Brandenburg, ein Stipendium der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquium Berlin und ein Arbeitsstipendium der Sächsischen Kulturstiftung.

Kenah Cusanit, mit „Babel“, Ihrem neuen Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Am 21. März wissen Sie, wissen wir, ob es geklappt hat Was bedeutet die Nominierung für Sie, mit welchen Gefühlen fahren Sie nach Leipzig?

„Eigentlich freue ich mich doch sehr, nach Leipzig zu kommen, ja, ich komme nach Hause, würde ich sagen denn, dort hat mein Schreiben begonnen mit Gedichten und Essays. Ich hab‘ dort sehr lange gewohnt, ich freue mich, ich freue mich unglaublich, dass ich nominiert wurde, ich freue mich, dass es Menschen gibt, denen das gefallen hat. Es gibt Menschen auf der Welt, die verstehen, was ich sagen will, das ist fantastisch, das ist total grandios.“

Wir wünschen Ihnen Glück! Danke für das Gespräch.

„Vielen Dank, Ihnen auch.“

Lesung und Gespräch

Schauspieler Götz Schulte im Bayern 2 Studio

Am Sonntag, dem 10. März, liest der Schauspieler Götz Schulte vom Münchner Residenztheater Ausschnitte aus dem für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman "Babel" von Kenah Cusanit.
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

radioTexte - Das offene Buch jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2


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