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Karan Mahajan "In Gesellschaft kleiner Bomben"

Der preisgekrönte Roman des amerikanisch-indischen Schriftstellers Karan Mahajan gehört für die "New York Times" zu den besten zehn Büchern des letzten Jahres. Ein hinreißender, spannender, aufwühlender Roman, der Opfer und Täter durch ein Bombenattentat verlinkt, ohne dass sie sich kennenlernen. Ein sprachgewaltige, kühl erzählte Geschichte über eine "kleine Bombe", die die Welt kaum beachtet, aber zwei Brüder in den Tod reißt und ihren muslimischen Freund Mansoor Ahmed innerlich und äußerlich verwundet überleben läßt.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 29.12.2017

Cornelia Zetzsche: “In Gesellschaft kleiner Bomben” erzählt die Geschichte eines Bombenattentats auf einem Marktplatz in Delhi im Mai ‘96 und von den Folgen für Opfer und Täter. Ihr erster Roman sprach von Stadtplanung, weshalb jetzt das Thema Terrorismus?

Karan Mahajan: Der erste Roman handelte von einem Stadtplanungsminister, der davon besessen war, mehr und mehr Kinder zu haben und Überführungen in der ganzen Stadt zu planen, um den Verkehrstau leichter in den Griff zu bekommen. Es ist ein Roman über das unwirkliche Wachstum Delhis. Der zweite Roman scheint fast das Gegenstück. Der erste handelt von Wachstum, der zweite von Zerstörung; der Zerstörung einer Stadt, eines Marktes, einer Familie, ein Paar verliert seine Kinder. Mein Interesse am Terrorismus ist zum Teil, wie Angst eine Stadtlandschaft erfaßt. Beide Bücher handeln von der Stadtlandschaft Delhis, aber aus zwei völlig verschiedenen Blickwinkeln.

Der Titel spricht von „kleinen Bomben“, was bedeutet das, die Wirkung ist doch in jedem Fall schrecklich.

Ich denke, der Begriff „kleine Bomben“ ist auch ironisch gemeint. Er soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, daß wir Tragödien klassifizieren. Wenn viele Leute sterben, sprechen wir von einer Tragödie, aber wir neigen dazu, die kleinen Tragödien zu vergessen. Ich begann das Buch 2009, da gab es all die sogenannten kleineren Selbstmordattentate an Orten wie Irak und Afghanistan. In manchen erkannte ich die Attentate wieder, die ich in meiner Kindheit in Neu-Delhi beobachtet hatte, nur in den Nachrichten, nicht persönlich. Ich hatte das Gefühl, eines dieser Attentate als Mikrokosmos zu erforschen, könnte das Phänomen so freilegen, wie es hochbeachtete Orte wie 9/11 oder die Bombenattentate 2008 in Bombay nie könnten.

Im Roman handelt es sich um eine kleine Bombe, aber mit drastischen Folgen für Einzelne. Die Erzählung folgt Opfern und Tätern wie Shockie, der für die Jammu & Kashmir Islamic Front tötet; den Eltern Khurana, deren beide Söhne bei der Explosion sterben, Mansoor, dem 12jährigen muslimischen Jungen, ihrem Freund, der überlebt, aber physisch wie psychisch sein Leben lang verwundet bleibt. Wann entschieden Sie, aus beiden Blickwinkeln zu erzählen, dem der Opfer und der Attentäter?

Es dauerte lange, bis ich an diesen Punkt war. Ursprünglich wollte ich nur über die Opfer schreiben, die Eltern, die ihre Kinder verloren, die Khuranas. Aber mit der Zeit merkte ich, etwas stimmte nicht mit dieser Sicht. Denn so eine Bombe bringt seltsamerweise Menschen zusammen, die wirklich nichts miteinander zu tun haben: politische Akteure und Fundamentalisten, wenn man so will, mit Bürgern einer Stadt, die nicht direkt in Politik involviert sind. Ich wollte wissen, was beide Seiten voneinander denken, das ist ja eines der grundlegenden Rätsel. Wenn wir einen solchen Angriff sehen, fragen wir instinktiv: Warum tut jemand so etwas? Ich fühlte, wenn ich dem auf den Grund gehen und eine Art dreidimensionale Sicht herstellen könnte, würde es anderen helfen und mich selbst von diesen Fragen befreien.

Sie erzählen die Geschichte ganz cool. Sie folgen den Perspektiven, aber aus einer gewissen Distanz. Wie entwickelten Sie diesen kühlen Ton?

Das war wirklich der Durchbruch, der mir erlaubte, dieses Buch zu schreiben. Wenn man über ein derart emotionales Thema schreibt, geht man leicht unter in den Gefühlen der Figuren. Als etwa Deepa und Vikas Khurana ihre Kinder verloren, hatte ich an einem gewissen Punkt hunderte Seiten über ihren Kummer geschrieben. Aber das Buch ging nicht vorwärts, es wiederholte sich, Gefühle wie Wut und Kummer neigen dazu, sich im Kreis zu bewegen. Ich merkte, der Leser versteht, daß hier gewaltige Dinge geschehen, er muß nicht mit der Tatsache gefüttert werden, wie schrecklich es ist, zwei Kinder zu verlieren. Ich konnte der Handlung erlauben, für sich zu sprechen. Die Szene wandte sich den Terroristen zu, und das war neu.

Karan Mahajan

Wurde 1984 in Connecticut, geboren, wuchs aber in Neu-Delhi auf. Als Student kehrte er in die USA zurück. Sein erster Roman, der unter dem Titel "Das Universum der Familie Ahuja" 2010 auch auf Deutsch erschien, wurde in neun Sprachen übersetzt. Mit "In Gesellschaft kleiner Bomben" war er auf der Shortlist des "National Book Award" und gewann zahlreiche indische und amerikanische Literaturpreise. Er schreibt Beiträge für internationale Zeitungen wie "The New York Times" oder "The New Yorker". Karan Mahajan lebt heute unweit von New York und arbeitet an seinem dritten Roman.

Die Medien neigen dazu, Terroristen als Dämonen zu porträtieren, aber wir wissen alle, es sind oft Mittelschichtsbürger, die sich radikalisieren, aus welchen Gründen auch immer, aus sozialen, religiösen, politischen Gründen. Sie haben nicht immer hochehrenwerte Gedanken, sie sorgen sich eher um den logistischen Ablauf ihrer Operation, sie haben vielleicht nicht mal Zeit, an die Opfer zu denken. Der leidenschaftslose Ton erlaubte mir, Einblick zu nehmen in die Leidenschaftslosigkeit, die Terroristen leiten mag.

Überzeugend an Ihrem Roman ist zum einen der Ton und zum anderen, daß er nicht unterscheidet zwischen Gut und Böse, Heilig und Teuflisch. Sogar Shockie, der Terrorist, der Killer, ist nicht unsympathisch. Wie fühlten Sie sich ein in die Psychologie von Terroristen?

Das war sehr schwer. Aber ich denke, selbst wenn Menschen behaupten, die Gewalt, der Terrorismus sei religiös motiviert, gibt es immer eine politische Tendenz. Religion, der Islam werden benutzt, um politische Gewalt zu legitimieren. Als ich das erkannte, wurde es leichter, ihre Perspektive zu verstehen.
In den USA zum Beispiel, an Orten, die Demokraten wählen, hassen die Leute die Republikaner, obwohl sie die gleiche Hautfarbe und denselben Background haben. Da ist es sehr leicht zu abstrahieren und den Anderen zu dämonisieren. Auf diese Weise verstand ich: Wenn Sie ein schwacher Akteur in einem anderen Land sind, ist es sehr leicht, den sogenannten Unterdrücker zu entmenschlichen und zu dämonisieren und das Töten solcher Leute zu rechtfertigen.
Ich merkte auch: Wir leben in einer Zeit, die besessen ist von Klicks und Tweeds, wo gezählt wird, wieviel Aufmerksamkeit man bekommen hat. Ähnliches mag für Terroristen gelten, die es interessiert, wie über ihre Angriffe berichtet wurde, wie viele Opfer es gab. Es gab also alle diese Möglichkeiten, Terroristen mit anderen Akteuren der Gesellschaft zu vergleichen. Sobald ich das tat, schienen sie nicht mehr fremd.

Was ist Shockies Motiv zu töten? Ich las das Buch und fragte mich, ist es Kaschmir, ist es die Religion, die Erniedrigung, was ist es?

Für Shockie, würde ich sagen, ist es Kaschmir. Er sah, wie es die Inder besetzten zu einer Art Palästina machten. Um die indische Armee in Bewegung zu bringen, sieht er keinen anderen Weg als diese Angriffe auf indischem Boden. Er kennt Leute, die persönlich von der Besatzung betroffen sind, deshalb ist Malik im Buch, Shockies bester Freund, der von der Polizei in Kaschmir geschlagen und gefoltert wird. Mit Malik hat Shockie immer die Erinnerung und Mahnung an jemanden, der persönlich von der Unterdrückung betroffen ist. 

Tragisch ist die Entwicklung von Mansoor, einem Opfer seinerzeit, nachdem er, Jahre später, aus den USA zurück kommt. Warum wendet sich Mansoor den Radikalen zu?

Ich wollte mit dem Buch emotionale und physische Gründe zeigen, die einen jungen Mann, der ziemlich säkular aufgewachsen ist, dazu bewegen, sich einem altertümlichen Gedankengebäude wie dem Islam zuzuwenden. Er leidet an einem Schmerz, der nicht eindeutig physisch ist, er könnte psychosomatisch sein.

Karan Mahajan: "In Gesellschaft kleiner Bomben"

Erschienen bei CulturBooks zum Preis von 25,- Euro. Aus dem Englischen übersetzt von Zoë Beck. Lesung mit Martin Umbach am 7. Januar um 11 Uhr auf Bayern 2. Im Gespräch: Karan Mahajan.

Am Ende wendet er sich gegen die westliche Medizin und gegen die westliche Zivilisation. Das ist vor allem im Westen eine kulturelle Bewegung, eine große Sache, man sieht es an kleineren Dingen, von Meditation bis Yoga suchen die Leute Alternativen.
Als Mansoor zurück nach Delhi geht, hat er große Schmerzen, er kann nicht aufs College gehen, der Vater verliert sein Vermögen, Mansoor gerät in eine politische Gruppe, die Ingredienzien sind perfekt für ihn, ein Gedanken-System zu übernehmen, das ihm durchs Leben hilft.

Sie sind in New York geboren, in Delhi aufgewachsen, leben nun als Inder in New York, als amerikanischer Staatsbürger, spüren Sie Unterschiede nach der Wahl Trumps?

Bald nach der Wahl Trumps gab es Schießereien, Inder wurden getötet, weil die Angreifer dachten, es seien Moslems. Das zeigt, wie ignorant manche Leute hier sind, was Moslems und Inder angeht. Ich denke, es herrscht Angst vor diesem Aufflackern, aber wenn so etwas geschieht, hat man die Neigung, sich in seine Blase zurückzuziehen. ich kenne vor allem andere Liberale und Demokraten und ich lebe jetzt nicht mehr in einer Gegend, die Trump unterstützt. Die Dinge haben sich nicht geändert, aber in jedem steckt eine Menge mehr Wut und Angst.
Ich habe Erfahrungen mit Rassismus und Islamophobie in Austin/Texas gemacht, aber nicht in der Gegend, in der ich jetzt lebe, im Hinterland New Yorks.

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