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Joyce Carol Oates "Cardiff am Meer" Ein kurzer Anruf bringt ein ganzes Leben ins Wanken

"Cardiff am Meer", der neue Erzählband von Joyce Carol Oates hat es in sich. Spannend, mit psychologischem Tiefgang schreibt die Meistererzählerin über vier Frauen, die sich, unbewusst oder bewusst, im Machtgefüge einer gewalttätigen Männerwelt bewegen. Sie oszillieren wischen Traum und Wirklichkeit.

Stand: 04.03.2021

Schriftstellerin Joyce Carol Oates | Bild: picture-alliance/dpa

Bestsellerautorin Joyce Carol Oates ist bekannt für ihre spannenden Geschichten. Ihre Figuren verstricken sich in ein psychologisches Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Verdrängtem und Bewusstem, mit dem sich ihre Figuren auseinandersetzen müssen. 1938 als Tochter einer ungarischen Einwandererfamilie geboren, begann sie früh zu lesen. Der größte Schatz ihrer Kindheit und Jugend seien zwei Geschenke ihrer Großmutter gewesen: "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll und eine Schreibmaschine, auf der sie im Alter von 14 Jahren ihre ersten Geschichten tippte. Mit 19 gewann sie ihren erst Short-Story-Preis, mit 30 veröffentlichte Joyce Carol Oates ihren ersten Roman. Seitdem hat sie rund 120 Werke verfasst, Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke, Lyrik, Essays und Kinderbücher.

 "Das Leben hängt davon ab, wer gerade vorbeikommt"

Schriftstellerin Joyce Carol Oates

erzählt die Grande Dame der amerikanischen Literatur Joyce Carol Oates im Gespräch mit Cornelia Zetzsche über ihr neues Buch Cardiff am Meer. "Ich fand, das Leben bietet so viele Überraschungen. Wir ahnen gar nicht, wer plötzlich in unser Leben tritt. Paul Bowles sagte, das Leben hängt davon ab, wer gerade vorbeikommt, und das ist so wahr."

"Am dunklen, stinkenden Ort unter dem Spülbecken. Hinter den Abflussrohren. Sie hat sich ganz klein gemacht, um in dieses Versteck hineinzupassen. Spinnwebfäden kleben an ihrer Haut. Ihre Augen tränennass. Zusammengekauert wie ein kleines Äffchen. Die angezogenen Knie fest mit den Armen umschlossen, an die schmale, flache Brust gedrückt. Ein kleines Mädchen, klein genug, um sich selbst zu retten. Klein genug, um in das Spinnennetz zu passen. Schlau genug, um zu wissen, dass sie nicht schreien darf. Nicht atmen darf. Damit niemand sie hört. Damit er sie nicht hört. Die Tür zu ihrem Versteck wird geöffnet, sie sieht die Füße eines Mannes, seine Beine. Sie sieht, und sieht nicht, das dunkle, nasse Glänzen an den Hosenbeinen."

aus 'Cardiff am Meer', in der Übersetzung von Ilka Schlüchtermann erschienen bei Osburg

Cornelia Zetzsche: "In der Titelgeschichte und allen anderen Geschichten gibt es so einen bedrohlichen Unterton. Ein scharfer Glassplitter ist ein Motiv, das immer wiederkehrt, er spiegelt diese Bedrohung, die Verletzlichkeit. Was ist die Quelle dieser permanenten Bedrohung?"

Joyce Carol Oates in ihrem Haus in Princeton

Joyce Carol Oates: Cardiff am Meer ist eine Sammlung spannender Geschichten, ein Genre, eine Art Kriminalgeschichte. Wann immer man Kriminalgeschichten liest, wird man eine Unterströmung finden, eine geheimnisvolle Spannung. Manchmal ist es ein Mord, ein ander Mal sind es Episoden von Gewalt. Wenn wir wirklich Detektivgeschichten lesen, aber ich sollte rasch sagen, ich schreibe keine Detektivgeschichten, ich schreibe Kriminalgeschichten, finden wir immer eine Welt voller Geheimnisse und Gewaltakte. Ich erzähle gerne Geschichten, in denen Heldinnen damit zurechtkommen müssen, was ihnen widerfährt. Manchmal sind sie erst überwältigt, aber in der Regel fangen sie sich und machen weiter, wie es die meisten von uns tun. Wir mögen niedergeschlagen sein von den Wechselfällen des Lebens, aber wir fangen uns und machen weiter. Und ich schreibe gern über junge Frauen und Mädchen, die weitermachen."

"Das Telefon klingelt. Unerwartet. Nicht ihr Handy, an das Clare (wahrscheinlich) ohne zu überlegen sofort drangegangen wäre, nein, das andere Telefon, das Festnetz, das nur noch selten klingelt. Sekunden, in denen man entscheiden muss: Drangehen? Sieht, dass ihr die Rufnummer unbekannt ist. Vermutet, dass der Anruf wohl Telefonwerbung ist. Doch an diesem regengepeitschten Morgen im April antwortet sie – sei es aus Neugier oder Einsamkeit oder Gedankenlosigkeit.
'Ja? Hallo?' Dann der Schock."

aus 'Cardiff am Meer'

Eine junge Frau, die als adoptiertes Kind aufwuchs, geht eines Tages ans Telefon und erfährt, dass ihre wahre Großmutter gestorben ist und ihr ein Haus in Maine hinterlassen hat. Da sie noch nie etwas von ihrer biologische Familie gehört hat, macht sich Clare auf den Weg, um zwei Großtanten und einen Onkel ausfindig zu machen. Clares Erlebnisse werden immer surrealer und gefährlicher. Wird sie vergiftet und was geschah wirklich in der Nacht, in der ihre Eltern und Geschwister starben?

Lesung mit Laura Maire und ein Exklusiv-Gespräch mit Joyce Carol Oates

Schauspielerin Laura Maire

Spannung pur verspricht die dreiteilige Lesung mit der preisgekrönten Sprecherin Laura Maire, die sich in ein dreijähriges Mädchen und in die Ängste einer jungen Akademikerin genauso virtuos hinein versetzt, wie in zwei seltsame alte Tanten und deren wortkargen, undurchsichtigen Neffen, der offenbar ein Geheimnis birgt.

Teil 1: Clare erhält Nachricht von ihren leiblichen Eltern. 7. März
Teil 2: Clare unterwegs in ihr früheres Elternhaus. 14. März
Teil 3: Clare erkennt, was einst geschah. 21. März

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Exklusiv-Interview mit Schriftstellerin Joyce Carol Oates

"Ich denke, ich erforsche immer das Rätsel und Abenteuer, wer wir sind. Ich stellte mir vor, wie das Telefon klingeln könnte, wir können den Hörer abheben oder nicht. Meine Figur, Clare, entscheidet sich, das Gespräch anzunehmen, verrückterweise, denn sie weiß nicht, wer anruft, und sie erfährt, daß sie, die sich immer als adoptiertes Kind sah, eine biologische Familie hat, nun ist ihre Großmutter in Cardiff/ Maine gestorben und hat ihr etwas vererbt. Und plötzlich, innerhalb von fünf Minuten, erfährt Clare etwas über ihr Leben und gerät in ein erstaunliches neues Abenteuer."


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