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José Eduardo Agualusa "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer"

José Eduardo Agualusa, der Angolaner portugiesisch-brasilianischer Herkunft, erzählt in seinen Romanen auf magische Weise von der Realität Angolas. Bei ihm werden Bürgerkrieg, Gewalt, Armut zu barocken, traumhaften, phantastischen, fast surrealen Bildern. Spielerisch bringt er Poesie und Politik, Realität und Traum zusammen. Mit leiser Ironie schreibt er auf verschlungenen Pfaden von Liebe, Träumen, Revolution und Widerstand, eine fantastisch surrealistische Reise durch Träume und die blutige Realität von Angola.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 05.07.2019

José Eduardo Agualusa | Bild: Cornelia Zetzsche

"Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer"

Erst 1975 erreichte Angola nach langen Guerillakämpfen seine Unabhängigkeit. Über 1 Million Menschen wurden getötet, Millionen waren auf der Flucht. Zum ersten Präsidenten wurde Agostinho Neto gewählt, er war führend beim Aufstand gegen die Portugiesen. er war der Anführer der "Volksbewegung zur Befreiung Angolas". 1960 wurde er zum zweiten Mal vom Salazar-Regime verhaftet, auf die KapVerden verbannt und später in Lissabon inhaftiert. Es gab internationale Proteste, allen voran Amnesty International, die für den Dichter und Arzt die Freilassung erreichte. Nach der sog. Nelkenrevolution 1975 kehrte die charismatische Persönlichkeit in seine Heimat zurück. Vier Jahre lang führte er das Land, bis er einem Krebsleiden erlag. Dann kam Dos Santos an die Macht, der abolutistisch herrschte, Land und Bevölkerung ausbeutete wie die Kolonialherren. Nach 38 Regierungsjahren hatte er über 20 Milliarden US-Dollar angehäutf, während das Land in Armut versank. In dieser Zeit, als Jugendliche auf die Straßen gingen, gegen das Regime protestierten, spielt der Roman José Eduardo Agualusas. Die Jugend hatte eine Vision, einen Traum von einem unabhängigen Leben in Freiheit.

"Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer"

"Vergessen wir nie, dass Träumen ein Sich-Suchen ist". Dieses Zitat von Fernando Pessoa stellt der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa seinem Roman voran. Ohne Traum keine Wirklichkeit, keine Visionen und ohne Träume könnte er nicht schreiben, erzählt er Cornelia Zetzsche.

José Eduardo Agualusa bei seinem Besuch bei Bayern 2

José Eduardo Agualusa: "Die Figuren zeigen mir, wo es langgeht. Oft hänge ich auch und weiß nicht, wie’s im Buch weitergeht, und dann träume ich, wie’s weitergeht. Ich erzähle gern die Geschichte eines französischen Literaten, der, wenn er Schlafen ging, einen Zettel an die Tür hing: „Achtung, Dichter bei der Arbeit!“. Für mich sind Träume ein wichtiges Arbeitsmittel."

Schon immer wollte José Eduardo Agualusa einen Roman über Träume schreiben. Ob ihm seine Hauptfigur Benchimol nun den Weg wies, oder ob der Autor seinen Helden nach dem eigenen Bilde formte, wer weiß das schon. Tatsächlich haben die beiden einiges gemeinsam. José Eduardo Agualusa und Daniel Benchimol, der Journalist, der versucht, trotz der politischen Verhältnisse integer zu bleiben. Während seine Ex-Frau und der Ex-Schwiegervater im Hintergrund die Fäden ziehen, verliert Benchimol seine Frau und seinen Job. Benchimol ist ein Idealist, der von Menschen träumt, die er später kennenlernt: Moira, die Künstlerin, die ihre Träume fotografisch inszeniert. Hossi, der Ex-Guerillero und Hotelier am Strand; Zufluchtsort für Benchimol, während Jugendliche – auch seine Tochter – in den Straßen von Luanda demonstrieren.

"Dann kam ein Anruf von Armando Carlos. Er war auf dem Platz der Unabhängigkeit. 'Hier sind Hunderte Leute, Mann! Die Stimmung  ist großartig. Begeisterung. Die Leute trommeln und tanzen und singen. Du solltest auch hier  sein …"

aus: 'Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer', C.H. Beck

Agualusas traumhaft poetischer Roman spielt im Jahr 2015, die blutige Vergangenheit wirft ihre Schatten. Unter der schillernden Oberfläche sind das Ringen um Unabhängigkeit in den 70er und der Bürgerkrieg in den 90er Jahren zu ahnen. Angola, einst portugiesische Kolonie, ist ein sehr junger Staat. An der Spitze, die Unabhängigkeitskämpfer von einst, die zu korrupten Despoten wurden. In den Straßen: Jugendliche für eine freie und gerechte Welt.

José Eduardo Agualusa: "Ich denke tatsächlich, dass die Fähigkeit zum Traum verloren gegangen ist. Die Leute geben sich zufrieden mit dem Status Quo, es gibt in vielen Gesellschaften keinen Platz mehr für Utopien, sie fehlen uns. Das führt dazu, dass es auch an Fortschritt fehlt, eine Konsequenz ist die Wiederkehr des Rückschritts, die Wiederkehr des Autoritären, die wir überall beobachten, und der galoppierende Rückschritt, den wir überall erleben."

Michael Kegler

José Eduardo Agualusa und sein Übersetzer Michael Kegler bei ihrem Besuch im Funkhaus

Michael Kegler ist für seine Übersetzungen aus dem Portugisieschen mehrfach mit Preisen geehrt worden. 2016 erhielt er zusammen mit Luiz Ruffato den "Internationalen Hermann-Hesse-Preis. Außerdem betreibt er seit 2001 das Internetportal nova cultura für Literatur und Musik aus den Ländern des portugiesischen Sprachraumes.

Vier Figuren entwickeln im Roman ihre jeweils ganz eigene Beziehung zu Träumen: Benchimol träumt von Menschen, denen er erst später begegnet; wie der Künstlerin Moira, die ihre Träume inszeniert; Benchimols Tochter gehört zu den jungen Rebellen, die in Haft, konsequent, aber lebensbedrohlich, in Hungerstreik treten; die mit ihren Protesten am Rücktritt des Präsidenten und an der Öffnung des Landes mitgewirkt haben, und denen Agualusa sein Buch widmet. Am schillerndsten aber ist Hossi, der Ex-Guerrillero, der sein Gedächtnis verlor und nicht mehr träumen kann, aber in den Träumen anderer erscheint. Ein Zerrissener, Opfer und Täter, traumatisiert von der eigenen Schuld. „Am Ende haben wir nur noch aus Gewohnheit getötet“, sagt Hossi einmal. Bis er – posthum – im kollektiven Traum aller, den Präsidenten zusammenstaucht, der immer kleiner wird, bis er verschwindet.

"'Hören Sie auf', flehte  der Präsident. 'Was wollen Sie?'
'Dass Sie die Wahrheit sagen. Warum sind die Revus im Gefängnis?'
Schließlich ergab sich der winzige Präsident: 'Weil sie keine Angst haben! Sie fürchten sich nicht, diese jungen Leute! So geht das nicht! Sie sind wahnsinnig. Sie fürchten sich nicht, und das ist ansteckend! Wenn ich sie freilasse, stecken sie mir alle Leute an. Die werden mich fertigmachen, mich und meine gesamte Familie. Sie werden alles zerstören, was wir uns aufgebaut haben. Ich kann sie nicht laufen lassen."

aus: 'Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer', aus dem Portugiesischen von Michael Kegler

Spannend, fantastisch, traumhaft verschlungen, abgründig und zärtlich kommentiert und verdichtet José Eduardo Agualusa Angolas Gegenwart, erzählt vom Generationenkonflikt und schlägt im furiosen, slapstickartigen Ende kühne erzählerische Funken. Sein Epilog verweist auf das Jahr 2017: Da verabschiedete sich Angolas Präsident dos Santos und machte den Weg frei für eine demokratische Zukunft. Packend, spannend, versponnen. Politisch und poetisch.

Lesung mit Martin Umbach und Gespräch im "Offenen Buch"

Schauspieler Martin Umbach

Am Sonntag, dem 7. Juli liest der Schauspieler Martin Umbach Auszüge aus "Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer" von José Eduardo Agualusa.

radioTexte - Das offene Buch - jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Regie: Eva Demmelhuber
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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