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Eine coronale Fatamorgana? "Der Tanker" - Ein Mysterium am Starnberger See

Bekannt geworden als politischer Publizist, in den 70ern als führendes Mitglied der Jusos, später als Philosoph, Schriftsteller und bis 2013 Präsident des PEN, widmet sich Johano Strasser jetzt wieder mehr dem Schreiben. In den beiden exklusiv für "Das offene Buch" geschriebenen Geschichten hält uns der Schriftsteller einen Spiegel vor, was Technik nicht erkennt, existiert nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Ein Tanker auf dem Starnberger See?

Stand: 23.07.2020

Schriftsteller Johano Strasser im Foyer des Bayerischen Rundfunks | Bild: Cornelia Zetzsche

Ein Tanker auf dem Starnberger See? Die Polizei steht vor einem Rätsel

Ein Tanker auf dem Starnberger See? Gibts doch gar nicht. Aber er wurde gesehen und überall wurde davon berichtet, "in der Tagesschau, in der Zeitung: "Tanker im Starnberger See. Polizei steht vor einem Rätsel." Der Schriftsteller und ehemalige PEN-Präsident Johano Strasser erzählt von beunruhigenden Vorgängen am Starnberger See und anderes: "Der Tanker" und "Metzgersgang". Seine Geschichten haben alle einen leise bedrohlichen, oft auch ironischen Unterton. Unter der Oberfläche lauern Gefahr und Gewalt, ein Spiegel der gesellschaftlichen Stimmung?

"Der Tanker

Stumm standen die Menschen auf den Dampfersteg und zu beiden Seiten am Ufer und schauten über den See. Niemand rief Das gibt es doch nicht oder Das darf doch nicht wahr sein. Sie standen nur da, zu Schattenrissen ihrer selbst erstarrt, unfähig den Blick abzuwenden von dem, was dort drüben mit aufdringlicher Deutlichkeit zu sehen war: ein riesiger Tanker, zweihundert, vielleicht dreihundert Meter lang, ein schwarzes Monstrum, das alles verdeckte, was sonst üblicherweise dort sichtbar war: der Bootshafen, das Schloß, das Wirtshaus."

Erzählung von Johano Strasser

Vor- und Querdenker

Am 1. Mai 1939 im niederländischen Leeuwarden geboren, der Vater Österreicher, die Mutter Holländerin, lebt Johano Strasser seit 1945 in Deutschland, wo er 1967 an der philosophischen Fakultät der Universität Mainz promovierte. Mit seinem Roman "Stille Jagd" machte er sich auch einen Namen als Schriftsteller, der neben seinen politologischen Veröffentlichungen, zum Beispiel "Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes" auch Theaterstücke und Hörspiele schrieb. Sein Gedichtband "Bei Regen über Regen reden" fand große Beachtung.

Johano Strasser ist überzeugter Europäer. Ein freier Schriftsteller und Essayist mit Wohnsitz Bayern. Ein politischer Kopf und streitbarer Demokrat, seit wenigstens einem halben Jahrhundert engagiert in Fragen unserer Grundwerte, von Arbeit, Ökologie, Demokratie und Gesellschaft. Bis 2013 auch als Präsident des PEN, der "Poets, Essayists and Novelists“ im Einsatz für verfolgte Autoren/Innen in aller Welt. Im Studio erzählt er, wie er vom holländischen Österreicher zum Deutschen wurde, und wie es sich als Preuße am Starnberger See lebt, ein Seebewohner, der sich von der Idylle nicht täuschen lässt.

Am Sonntag, dem 26. Juli, liest der Schauspieler Hans Kremer zwei noch unveröffentlichte Geschichten von Johano Strasser. Subversiv, wie die Gedanken des Philosophen Strasser. Wie kommt ein Tanker auf den Starnberger See? Mit dem bloßen Auge sieht man ihn, aber mit dem Handy lässt er sich nicht fotografieren. Existiert der Tanker wirklich, wenn ihn die Technik nicht "sieht", das menschliche Auge aber schon? Darf sein, was eigentlich nicht sein kann? Eine typische Frage für den Philosophen Johano Strasser, der am Starnberger Ostufer heimisch geworden ist. Die zweite Geschichte "Metzgersgang" handelt von Dragan Petrovic, der auf der Flucht aus seinem eigenen Land in Berlin Aufenthalt und Arbeit sucht.

"Metzgersgang

Dragan Petrovic ist sechsundzwanzig, sieht aber aus, als wäre er Mitte dreißig. Er ist blaß und er ist nervös, hier, in dieser fremden Stadt ist er besonders nervös. Vielleicht hätte er gar nicht weggehen müssen, vielleicht hätten sie ihm geglaubt. Aber jetzt, nachdem er geflohen ist, hat er gar keine andere Wahl, als sich hier in der Fremde irgendwie durchzuschlagen."

Metzgersgang, Erzählung von Johano Strasser

Die Sendung gibt es als Podcast unter bayern2.de/Lesungen - radiotexte


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