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"Der europäische Traum" Friedenspreisträger Jan und Aleida Assmann

In unseren Zeiten der Verunsicherung treffen ihre Forschungsfelder den Nerv der Zeit: vom Monotheismus über das Gedächtnis von Nationen oder anderer Formen von Gesellschaftsgruppen bis zu Möglichkeiten der Überwindung kollektiver Traumata haben die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann jahrzehntelang gearbeitet und publiziert. In diesen Jahr erhalten sie eine der bedeutendsten kulturellen Auszeichnungen des Landes: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Lesungen aus ihren aktuellen Büchern

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 26.09.2018

Früher hat sich das Professorenpaar immer die Fernsehübertragung der Friedenspreisverleihung angeschaut - nun sind sie es selbst, die im Fokus stehen: Aleida und Jan Assmann erhalten am Sonntag, zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse, in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es u.a., dass aus ihrer sich wechselseitig inspirierenden Forschungsarbeit ein "zweistimmiges Werk entstanden" sei, "das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung" sei.

"Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann greift mit ihren wissenschaftlich fundierten Studien engagiert die immer wieder neu virulenten Themen von Geschichtsvergessenheit und Erinnerungskultur auf. Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leistet sie in hohem Maße Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation. (...) Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat durch sein umfangreiches wissenschaftliches Werk internationale Debatten um Grundfragen zu den kulturellen und religiösen Konflikten unserer Zeit angestoßen. Mit seinen Schriften zum Zusammenhang von Religion und Gewalt sowie zur Genese von Intoleranz und absolutem Wahrheitsanspruch leistet er einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis der Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit der Religionen in der Weltgesellschaft von heute."

(Aus der Begründung der Jury)

Ein neues Leitbild für Europa

Dass die Jury den Blick auf dieses seit Jahrzehnten interdisziplinär forschende und beeindruckend belesene Forscherehepaar lenkt, lässt sich auch als Zeichen verstehen, dass die Auseinandersetzung mit der Krise der liberalen Demokratie, der Krise innerhalb der Europäischen Union und mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen geboten ist. Die von den beiden Kulturwissenschaftlern entwickelte bahnbrechende Theorie zum "kulturellen Gedächtnis" und ihre Publikationen zu den großen Themen, wie Erinnerung, Religionen, Nationalismus und Gewalt zusammenhängen, könnten helfen, die momentane gesellschaftliche Verunsicherung, den Rechtsruck oder die Krise der EU besser einzuordnen.

"Gegenwärtig ist eine neue Verbindung von Krieg, Gewalt und Massenflucht entstanden, von der wir aktuell dramatische Bilder vor Augen haben. Die heutigen Migranten tragen die Wirklichkeit der Krisenherde und Kriege, die außerhalb Europas weiter schwelen und immer wieder explodieren, ins Herz Europas. Sie verweisen uns nachhaltig auf das, wovor wir lieber die Augen verschließen würden: unser Eingebundensein in eine Welt der Globalisierung, die von positiven wie negativen Formen der Mobilität gekennzeichnet ist."

(Aleida Assmann)

Insbesondere die 71-jährige Aleida Assmann plädiert in ihrem aktuellen Buch "Der europäische Traum" dafür, sich gerade jetzt für eine Stärkung einer gemeinsamen europäischen Utopie einzusetzen, die an den "genuin europäischen" Werten Freiheit und Frieden festhält und auch die Kraft hat, diese Werte mit Migranten als neue EU-Bürger zu teilen.

"Europa hat Rahmenbedingungen eines Lebens in Frieden und Freiheit geschaffen, die zum Ideal und Anziehungspunkt für Flüchtlinge geworden sind, die diese Güter gerade verloren haben. Wenn wir ihre Hoffnungen zerstören, zerstören wir auch den europäischen Traum."

(Aleida Assmann)

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zählt zu den bedeutendsten Kulturauszeichnungen des Landes. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 1950 an Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland vergeben, darunter waren beispielsweise auch die Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse, Mario Vargas Llosa oder Orhan Pamuk. Im letzten Jahr ging die Ehrung an die Kanadierin Margaret Atwood.

Die Autoren

Aleida Assmann, 1947 in Bethel/Bielefeld geboren, ist emeritierte Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie hat außerdem in Los Angeles, Princeton, Houston, Chicago, Wien und an anderen Orten gelehrt und geforscht und wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Max-Planck-Forschungspreis (2009), Ernst-Robert-Curtius-Preis (2011), A.H.-Heineken-Preis für Geschichte (2014), Karl-Jaspers-Preis (mit Jan Assmann, 2017), dem Balzan Preis (mit Jan Assmann, 2017) sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (mit Jan Assmann, 2018). Sie ist Ehrendoktorin der Universität Oslo.

Jan Assmann, 1938 in Langesheim geboren, ist emeritierter Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg und Professor für allgemeine Kulturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zahlreiche Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren, etwa in Los Angeles, Wien, Paris, Jerusalem, Oxford und Chicago, belegen sein internationales Renommee. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Historikerpreis (1998), Thomas-Mann-Preis (2011), Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2016), Karl-Jaspers-Preis (mit Aleida Assmann, 2017), dem Balzan Preis (mit Aleida Assmann, 2017) sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (ebenfalls mit seiner Frau Aleida, 2018). Er ist Ehrendoktor der Universitäten Münster, Yale und der Hebrew University Jerusalem.

Jan und Aleida Assmann sind seit 1968 verheiratet, haben fünf Kinder und leben in Konstanz.

Zu Ehren von Aleida und Jan Assmann

Passagen aus den aktuellsten Veröffentlichungen des Forscherehepaares

Schauspielerin Irina Wanka

am 9. Oktober in den radioTexten am Dienstag, kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2


Lesungen mit Irina Wanka und Hans-Georg Panczak

Die neuen Bücher von Aleida und Jan Assmann, "Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte" sowie "Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne", sind beide bei C.H.Beck erschienen.

Moderation: Antonio Pellegrino

Podcast 1 Jahr verfügbar


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