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Irenäus Eibl-Eibesfeldt Galápagos - die Arche Noah im Pazifik

Sein Werk gilt als Bibel der Verhaltensforschung, er selbst begründete die Humanethologie: der am 2. Juni in Starnberg verstorbene Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Einst Schüler von Konrad Lorenz, verlor der streitbare Zoologe während seiner Expeditionen in den 1950er Jahren sein Herz an das Reich der Galápagos-Inseln und deren faszinierende Tierwelt, die er fesselnd zu beschreiben wusste. Lesung mit Fritz Straßner

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 04.06.2018

Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt | Bild: Inga Kjer / picture-alliance/dpa

Konrad Lorenz hatte alles arrangiert: 1953 schickte der berühmte österreichische Zoologe seinen Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt an Bord der "Xarifa", um mit dem Dokumentarfilmer Hans Hass auf Expedition zu gehen. "Wirst schon was Gscheites lernen", gab Lorenz dem damals 25-jährigen Eibl-Eibesfeldt mit auf den Weg, für den sich tatsächlich eine neue Welt eröffnen sollte: "Galápagos war eine Liebe auf den ersten Blick", sagte er später. 

Der Dreimastaschoner "Xarifa" startete 1953 von Hamburg aus zu einer mehrmonatigen Expedition in die Karibik und zu den Galapagos-Inseln.

"Verzauberte Inseln" wurde das Archipel im östlichen Pazifischen Ozean früher genannt, 1000 Kilometer westlich der ecuadorianischen Küste gelegen. Im 16. Jahrhundert wurden sie zufällig entdeckt - niemand hätte so weit im Ozean noch Land vermutet und außerdem waren die Strömungen zwischen den Inseln so stark, dass die Seefahrer dachten, die Inseln selbst würden ständig ihren Standort verschieben. Kein Wunder also, dass die "verzauberten Inseln" lange als perfektes Piratenversteck dienten. Im 19. Jahrhundert wurde das Archipel nach den dort lebenden Riesenschildkröten benannt.

Auf Darwins Spuren

Charles Darwins erste große Expedition hatte ihn ebenfalls 1835 auf das Inselarchipel geführt und ihm maßgebliche Erkenntnisse für seine später bahnbrechende Evolutionstheorie geliefert. Denn hier, auf den "Islas Galápagos", von fremden Einflüssen weitestgehend abgeschirmt, hatten sich eigenständige Arten entwickelt, die modellhaft die Evolutionstheorie vor Augen führen.

Gut hundert Jahre später interessierten Eibl-Eibesfeldt vor allem Fragen der (nonverbalen) Kommunikation. Er beobachtete die Turnierkämpfe der Galápagos-Meerechsen oder die Balzzeremonien der flugunfähigen Kormorane und Albatrosse. Die "Landratte" aus Wien forschte hier erstmals auch unter Wasser: Er entdeckte beispielsweise die Putzsymbiosen der Riffbarsche und Putzerfische und ging mit Seelöwen schwimmen.

"Der 6. Januar 1954 bleibt für mich ein denkwürdiger Tag, denn damals schickte ich mich zum erstenmal an, unberührten Boden auf Galapagos zu betreten. Unsere Yacht Xarifa war eben erst in die Gardener Bucht der Insel Hood eingefahren, da hatten wir durch das Tosen der Brandung von der kleinen Insel Osborn her das Brüllen von Seelöwen vernommen."

(Irenäus Eibl-Eibesfeldt)

Lavabrocken oder Seelöwen?

Die ersten Seelöwen, die ihm auf seiner Tour über die Insel Hood begegneten, verwechselte Eibl-Eibesfeldt erst einmal mit Lavabrocken. Doch als Verhaltensforscher war er ein geduldiger und vor allem genauer Beobachter seiner ihn merklich faszinierenden Umgebung, die er ebenso fesselnd zu beschreiben vermag. Auf seinen Streifzügen durch das sonnenverbrannte Land schildert er eine unglaubliche Fülle von Farben und Formen: rosenrote Flamingos, rote Tonscherben als Indiz alter Lagerplätze der Seeräuber, und in der Nähe der seltenen Galápagos-Pelzrobben stieß er auf "zartrosafarbene Schwimmglocken von Segelquallen", auf "himmelblaue Floßschnecken" und "Kielschwanzleguane auf nachtschwarzen Lavabrocken".

"Ein Sprung, und ich glaubte mich um Jahrtausende versetzt, zurück in jenes Zeitalter, in dem auf unserer Erde noch die Drachen herrschten. Vor mir und weiter rechts auf einem Felsriegel, der ins Meer hinausragte, lagen buchstäblich Hunderte etwa einen Meter langer Echsen auf dem schwarzen Fels."

(Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Das Turnier der Drachen)

Schutz für das "Labor der Evolution"

Die Galápagos-Riesenschildkröte gilt heute als stark vom Aussterben bedroht.

Schon damals war diese "Arche Noah" im Pazifik in mehrfacher Hinsicht bedroht: Die Inseln waren Plünderungen ausgesetzt, Pelzrobben wurden gejagt, die Elefantenschildkröten verspeist und die eingeschleppte Ziegenplage richtete verheerende Schäden an. "Das Labor der Evolution war in Gefahr", so der besorgte Eibl-Eibesfeldt, der gleich nach seiner Rückkehr einen Antrag an die Unesco zum Schutz der Inseln stellte. Die Unesco beauftragt ihn 1957, ein Gutachten zu erstellen - seine zweite Expedition in den Pazifik und der Beginn des Naturschutzes auf den Galápagos-Inseln, deren einzigartige Flora und Fauna zum Weltnaturerbe der Unesco gehört.

Der Tourismus auf Galápagos heute ist Fluch und Segen zugleich, stellt er doch die größte Einnahmequelle und die größte Bedrohung für das Ökosystem und die Tierwelt dar, die immer noch zu 40 Prozent endemisch ist. Dass die "Arche Noah" in dieser Form noch existiert, ist zu großen Teilen der Initiative des am 2. Juni 2018 in Starnberg verstorbenen Irenäus Eibl-Eibesfeldt zu verdanken.

"Das Studium tierischen Verhaltens gibt uns in der Tat einen Spiegel in die Hand, in dem wir manche unserer Eigenschaften klarer erkennen können, denn an der Selbsterkenntnis fehlt es ja oft. Da befinden wir uns gewissermaßen in der Lage eines Schwimmers in einem See. Obgleich er in ihm schwimmt, kann er über den See viel weniger aussagen als derjenige, der ihn von einem Berggipfel mit Abstand betrachtet. Galapagos mit seinen zahmen Kormoranen, Seelöwen, Meerechsen und Albatrossen hat mir in dieser Hinsicht viel gegeben."

(Irenäus Eibl-Eibesfeldt)

Am 15. Juni wäre der gebürtige Wiener 90 Jahre alt geworden. Die radioTexte erinnern an den großen Verhaltensforscher mit einer Lesung aus seinem Buch "Galapagos. Die Arche Noah im Pazifik".

Drachen, Haie, Tölpel: Arche Noah im Pazifik 

von Irenäus Eibl-Eibesfeldt

am 5. Juni in den radioTexten am Dienstag,
kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2

Lesung mit Fritz Straßner

Moderation: Antonio Pellegrino

Im Brandstätter Verlag ist eine schön bebilderte, gebundene Neuausgabe von Irenäus Eibl-Eibesfeldts Forschungen auf Galápagos erschienen: "Galápagos - Meine abenteuerlichen Entdeckungsreisen auf den Spuren von Charles Darwin".

Podcast verfügbar


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