Bayern 2 - radioTexte


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Kino- und Buchjubel "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Über drei Jahre hat Eugen Ruge an seinem Lebenswerk geschrieben, sein Debüt, in dem er seine eigene Familiengeschichte erzählt. Kaleidoskopartig entfächert er das Leben einer stramm sozialistisch-kommunistischen Familie über vier Generationen hinweg. Alles eskaliert am 90. Geburtstag Wilhelm Powileits; 50 Jahre Geschichte im Spiegel dieser DDR-Vorzeigefamilie und deren Niedergang. 2011 bekam Eugen Ruge dafür den "Deutschen Buchpreis". Jetzt kam dazu die Verfilmung in die Kinos. Filmpremiere mit Starschauspieler Bruno Ganz und Lesung mit Ulrich Noethen. Cornelia Zetzsche war dabei.

Von: Eva Demmellhuber

Stand: 16.06.2017

Filmpremiere in Berlin | Bild: X-Verleih

Dass der sogenannte "Rote Teppich" heute nur noch aus Plastik ist, macht so eine Filmpremiere, auch wenn sie in der Bundeshauptstadt stattfand, auch nicht feierlicher. Eine halbe Stunde vor dem Eintreffen der Filmstars waren die Lettern im großen Anzeigekasten über dem Eingang zum legendären "Internationalen Kino" in der Karl-Marx-Allee noch nicht ausgewechselt. Das "P" wollte sich partout nicht einfügen lassen, und dann auch noch der lange Titel: "In Zeiten des abnehmenden Lichts". 28 Buchstaben, die Stück für Stück per Hand in den Setzkasten eingebaut werden mussten, was ein bisschen an die alten muffigen Eisrichter aus den 60ern erinnerte, die ohne eine Miene zu verziehen, griesgrämig ihre Bewertungstafeln aus ihren Umhängebeuteln zogen. Aber in der bewährten Berliner Lässigkeit wurde alles doch noch fertig. Als die ersten Fans auftauchten, mit Hund und einer Unmenge von selbstgemachten Autogrammkarten, schwer behängt mit Kameras und Camcordern, und vor allem die Schauspieler vorfuhren, kam Glanz in den sozialisten Monumentalbau: Bruno Ganz, Hildegard Schmal, Sylvester Groth, Alexander Hörbe, Thorsten Merten oder Evgenia Dodina.

Der Roman

Vorlage für den Film ist Eugen Roths Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts", die Geschichte vom Aufstieg und Verfall einer berühmten Intellektuellenfamilie des deutsch-demokratischen Establishments, die Geschichte seiner eigenen Familie übrigens. Montageartig lässt der Autor in 20 Kapiteln 50 Jahre ostdeutsche Geschichte Revue passieren Für sein Debüt erhielt er 2011 den Deutschen Buchpreis. In der Begründung der Jury hieß es:

"Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen. Zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus."

Jury des Deutschen Buchpreises, 2011

Der Film

Noch bevor Eugen Ruge für seinen Debütroman mit dem renommierten "Deutschen Buchpreis" ausgezeichnet wurde, als er erst auf der Longlist stand, erzählte er in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er, der Theater- und Hörspielautor, würde niemals die Filmrechte verkaufen, weil das, was seinen Roman ausmache, was zwischen den Zeilen stünde, nicht verfilmbar sei. Er tat es aber dann zum Glück doch. Herauskam ein kleines Meisterwerk aus der Feder von Wolfgang Kohlhaase. Unter der Regie von Matti Geschonneck spielte ein ganzes Staraufgebot: Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard Schmahl oder Angela Winkler. Am 1. Oktober 1989, kurz vor der Wende, feiert in Ost-Berlin Genosse Wilhelm Powileit seinen 90. Geburtstag. Ein alter Widerstandskämpfer, den es während der Wirren des Zweiten Weltkriegs bis nach Mexiko verschlagen hatte und der mithalf, die DDR aufzubauen. Nach und nach kommen Gratulanten aus dem Clan und der Partei, so fächert sich allmählich der ganze Irrsinn eines Systems auf. Eine kammerspielartige Inszenierung mit hinreißenden Schauspielern.

Die Lesung in "radioTexte - Das offene Buch"

Schauspieler Ulrich Noethen

Ulrich Noethen gehört zu den vielseitigsten Schauspielern Deutschlands. Goldener Löwe, Bayerischer Fernsehpreis, Preis der Deutschen Filmkritik, Deutscher Filmpreis, Deutscher Fernsehpreis, Grimme-Preis und Deutscher Hörbuchpreis als "Bester Interpret". Für den Argon-Verlag hat dieser Ausnahmeschauspieler den Roman von Eugen Ruge eingelesen. 727 Minuten auf 10 CDs. Den Familienpatriarchen Wilhelm Powileit las er streng, unbeirrbar, eher kalt, in der Verfilmung verleiht Bruno Ganz dem aufrechten Kommunisten eine gewisse Verschmitztheit, etwas Schelmisches.
Beide zusammen sind zu erleben am Sonntag, dem 18. Juni, wie immer um 11 Uhr auf Bayern 2.
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Das Gewinnspiel: Raten Sie mit!

Zum Filmstart "In Zeiten des abnehmenden Lichts" verlosen wir fünf Bücher von Eugen Ruge, erschienen bei Rowohlt. Einsendeschluss ist Donnerstag, der 22. Juni. Die Gewinner geben wir hier auf unserer homepage bekannt.

Eugen Ruge wurde am 24. Juni 1954 in Soswa im Nordural in der Nähe des Lagers 239 geboren, wohin sein Vater Wolfgang Ruge, der als Kommunist vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen war, von den Russen deportiert wurde. Zusammen mit seinen Eltern kehrte Ruge 1958 zurück nach Ost-Berlin. Er studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und wurde Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. 1989 wurde in Leipzig sein erstes Stück „Schuld“ uraufgeführt. Er selbst konnte nicht mehr daran teilnehmen, da er wenige Wochen vorher aus der DDR geflohen war. Seit 1989 arbeitet Eugen Ruge als Hörspielautor und Dramatiker. 2011 bekam er für seinen Debüt-Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den öffentlichkeitswirksamen Deutschen Buchpreis.


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