Bayern 2 - radioTexte

"Die Meer-Frau" In memoriam Elisabeth Mann Borgese

Die Meeresforscherin und Thomas Mann-Tochter erzählte selten Privates aus ihrem berühmten Elternhaus – ihre große Leidenschaft war das Meer, ihre Lebensaufgabe dessen Schutz. Dafür kämpfte sie bis zu ihrem Tod 2002. In den radioTexten liest Ilse Neubauer aus Essays der "Lady of the Oceans", die immer noch beweisen, was für eine kluge Vordenkerin die gebürtige Münchnerin war, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 12.06.2018

Die Meeresforscherin und -aktivistin Elisabeth Mann Borgese 1998 bei der EXPO der Meere in Lissabon | Bild: Wolf Gaudlitz

München, 1918: Als Elisabeth als fünftes von sechs Kindern zur Welt kam, hatte sich ihr Vater, der spätere Nobelpreisträger, bereits einen Namen gemacht, die "Buddenbrooks" waren 1901 erschienen. Sie, die jüngste Tochter von Katja und Thomas Mann, galt als der Liebling Thomas Manns, der sie „Medi“ oder "Kindchen" nannte und seine Vaterfreuden beispielsweise im "Gesang vom Kindchen. Ein Idyll" (1919) in Hexametern literarisch kundtat. Später sollte das erwachsen gewordene "Kindchen" nur sehr selten öffentlich über seine berühmte Familie sprechen - Elisabeth Veronika Mann Borgese, wie sie mit vollem Namen hieß, hat ihr eigenes aufregendes Leben geführt. 

Autodidaktin mit großer Karriere

Eigentlich zur Pianistin ausgebildet, war sie nicht nur Seerechtsexpertin und Ökologin, sondern auch Professorin, Publizistin, Autorin, Mutter zweier Kinder und Gründerin verschiedener Institute und wissenschaftlicher Publikationen (z.B. das Ocean Yearbook). Dass im Seevölkerrecht heute das Meer als schützenswertes Gemeingut gilt, haben wir u.a. Elisabeth Mann Borgese zu verdanken. Als einzige Frau gehörte sie 1968 dem Gründungsgremium des Club of Rome an.

Das Meer war für Elisabeth Mann Borgese eine "Zauberwelt", so schreibt sie. Ilse Neubauer liest ausgewählte Essays der "Lady of the Oceans".

Nachdem ihr Mann Giuseppe Borgese – Schriftsteller, Politologe und Antifaschist – 1952 verstorben war, arbeitete die junge Witwe als Übersetzerin und Autorin, lebte mit ihren beiden Töchtern in der Toskana. Es war im Jahr 1967, als der Botschafter Maltas, Arvid Pardo, vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine historische Rede über die Bedeutung der Weltmeere für die Menschheit hielt, die Elisabeth Mann Borgese so beeindrucken sollte, dass sie den Schutz des Ozeans zu ihrer Lebensaufgabe machte.

Mit Pardo organisierte sie die erste internationale Seerechtskonferenz, die in Malta stattfand. Am selben Ort gründete sie 1972 das International Ocean Institute (IOI) und war auch dessen erste Direktorin. Außerdem rief sie die Unabhängige Weltkommission für Meere, eine Organisation mit UN-Beobachterstatus, ins Leben. Mit "The Drama of the Oceans" (1975) legte Mann Borgese eine vielbeachtete Studie vor. Einer ihrer größten Erfolge war der Abschluss des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen 1982, einem völkerrechtlichem Vertrag zum Schutz der Meere. Seit 1978 hatte sie sich das kanadische Halifax zu ihrer Wahlheimat auserkoren, war dort - ohne je ein Studium abgeschlossen zu haben - an der Universität als Professorin für Internationales Seerecht tätig.

Faszination des Ozeans

Büste von Elisabeth Mann Borgese als Kind

In den verschiedenen Essays, die Ilse Neubauer in den radioTexten liest, berichtet die „Meer-Frau“, was sie dazu inspirierte, ihr Leben dem Schutz der Wasserwelt zu widmen. Es war nicht nur die große Rede ihres Freundes Arvid Pardo, dem Botschafter Maltas. Mit fünf Jahren, an der Hand ihres legendären Vaters, stand sie eines Tages an der Ostsee bei Travemünde. Jeden Sommer waren die Manns an irgendein Meer zum Urlauben gefahren und Elisabeth wurde klar, dass ihr stets arbeitende Vater das Meer zum Leben (und zum Schreiben) brauchte. Vater und Tochter teilten zeitlebens diese Faszination für das Meer. Später, ab Ende der 70er Jahre, sollte die Lieblingstochter Thomas Manns im kanadischen Nova Scotia am Meer leben und arbeiten.

"Das Leben mit dem Meer zwingt uns, anders zu denken; neu zu denken und anders zu handeln. Es war eine Zauberwelt."

(Elisabeth Mann Borgese)

Doch neben der emotionalen Bindung an den Ozean habe es auch die intellektuelle Seite gegeben, so führt Elisabeth Mann Borgese in einem ihrer Essays weiter aus: ihren Willen nach grundlegender Veränderung nach dem 2. Weltkrieg, den Willen nach internationaler sozialer Gerechtigkeit, nach Änderungen in der Weltwirktschaft. Schon an der Universität von Chicago, wo Elisabeth als Mitarbeiterin ihres Mannes Giuseppe Borgese tätig gewesen war, gab es das „Committe to frame a World Constitution“. Giuseppe Borgese gehörte damals diesem Kommittee an. Die Weltverfassung, die dort entwickelt wurde und 1948 erschien, schrieb vor, dass alle vier Elemente des Lebens (Wasser, Erde, Luft und Feuer) als Gemeinschaftsgüter der gesamten Menschheit betrachtet werden müssten. Damals klang diese "World Constitution" noch sehr utopisch.

"Wenn wir 72 Prozent unserer Erde nicht als Gemeinerbe behandeln und verwalten, dann verliert die Menschheit ihren letzten noch nicht erschöpften Reichtum."

(Elisabeth Mann Borgese)

Meer am Boden

Pro Jahr landen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik im Meer. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute.

In ihren Essays erklärt Mann Borgese, was der politische Begriff der „Freiheit der Meere“ umfasst, wie dieser ausgelegt bzw. gerade nicht ausgelegt werden sollte, spricht vom Tiefseebett als "wichtigste Energiequelle" des 21. Jahrhunderts wegen der Gashydratvorkommen und vom Potenzial der Artenvielfalt des Meeresbodens - "der Schatz einer terra incognita", der umso mehr vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt werden müsse. Die ausgewählten Essays, deren Entstehung teilweise bis in die 1990er Jahre zurückgeht, mögen in technologischen Details obsolet sein, doch die Prognosen und Warnungen, beispielsweise hinsichtlich unserer Ignoranz gegenüber der Umwelt, die Elisabeth Mann Borgese schon vor über zwei Jahrzehnten äußerte, sind immer noch brandaktuell - leider.

"Wir müssen die Ozeane retten, wenn wir uns selbst retten wollen."

(Elisabeth Mann Borgese)

Am 24. April 2018 wäre die "Lady oft the Oceans" 100 Jahre alt geworden. 

Die radioTexte am Dienstag erinnern an die "Lady of the Oceans" mit einer Lesung von Ilse Neubauer aus Essays Elisabeth Mann Borgeses, erschienen beim mare Verlag und Originaltönen aus Gesprächen mit dem Autor und Filmemacher Wolf Gaudlitz. Moderation und Redaktion: Antonio Pellegrino. Auch als Podcast verfügbar.