Bayern 2 - radioTexte


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Der britische Premier als Küchenschabe Ian McEwan und sein neuer Roman "Die Kakerlake"

Jim Sams hat sich verwandelt. Von einer Kakerlake in Westminster zum mächtigsten Mann Großbritanniens, zum Premier in der Downing Street 10. Wieder hat sich der brititische Meistererzähler, wie schon in seinem jüngsten Roman über die Künstliche Intelligenz, eines aktuellen Themas angenommen. Ian McEwans satirische Kafka-Variation ist die Antwort auf die "Brexit-Lügen", wie der Schriftsteller erzählt. Und mit dabei im "Offenen Buch" der britische Historiker und Schriftsteller Timothy Garton Ash und Schauspieler Burghardt Klaußner.

Stand: 01.12.2019

Ian McEwan | Bild: picture-alliance/dpa

"Gelächter und Verzweiflung"

Als entschiedener Brexit-Gegner musste Ian McEwan auf den Irrsinn seiner Insel reagieren, sagte er. Er drehte Kafkas Novelle "Die Verwandlung" um und verwandelte nicht einen Menschen in einen Käfer, sondern Kakerlaken des Palace of Westminster in Menschen.

"Die Kakerlake", Buchcover | Bild: Diogenes Verlag

"Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt. Eine Weile blieb er auf dem Rücken liegen (nicht gerade seine bevorzugte Stellung) und betrachtete verwundert die fernen Füße, die wenigen Gliedmaßen. Bloß vier, natürlich, und zudem recht unbeweglich. Mit seinen eigenen dünnen braunen Beinen, an die er sehnsüchtig zurückdachte, hätte er, wie hilflos auch immer, lustig in der Luft gezappelt. Nun aber lag er bloß da, fest entschlossen, nicht in Panik zu geraten."

aus: 'Die Kakerlake' von Ian McEwan, übersetzt von Bernhard Robben, Diogenes

"Walking Back to Happiness"

In jedem Regierungsmitglied steckt also in Wirklichkeit so eine Küchenschabe. Auch in Jim Sams, dem "verwandelten" Premierminister, der plötzlich den "feuchten Lappen in seinem Mund" benutzen muss, um Worte zu formen und Entscheidungen zu treffen, die er radikal umsetzt und auch vor einem Mord nicht zurückschreckt. Ian McEwan brannte das Thema Brexit unter den Nägeln, er musste dieses "Brexit-Absurdistan" zu einer literarischen Groteske machen.

Ian McEwan im Bayern 2 Studio

"Ich musste irgendwie mit dieser Sache umgehen und aus meiner Sicht beschreiben. Und Satire ist mehr oder weniger ein Punkt, wo sich Lachen und Verzweiflung begegnen." So kam er darauf, "Die Verwandlung" von Franz Kafka umzudrehen ganz im Sinne der Reversionalisten.

"Kehren wir den Geldfluss um, und das gesamte Wirtschaftssystem, die Nation selbst gar, wird geläutert werden, gereinigt von allen Absurditäten, von Verschwendung und Ungerechtigkeit. Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt."

aus: 'Die Kakerlake'

Timothy Garton Ash

Auf der Insel war die Presse "not very amused" über Ian McEwans Brexit-Satire, in dem dieser Begriff übrigens nie vorkommt. Sein Freund, Historiker und Schriftstellerkollege Timothy Garton Ash, der die Eröffnungsrede auf dem Literaturfest München hielt, wundert sich: "Ich finde den tierischen Ernst in der Reaktion auf dieses Büchlein selber sehr merkwürdig. Jeder muss, was ihm Eigen ist, machen. Und man tut ja Boris Johnson zu viel Ehre an, wenn man ihn zu ernst nimmt." Mehr von Ian McEwan und Timothy Garton Ash am Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Ian McEwan und sein aktueller Roman "Die Kakerlake" auf Bayern 2

Schauspieler Burghardt Klaußner verleiht der "Kakerlaken"-Regierung seine Stimme

Am Sonntag, dem 1. Dezember, erzählen Ian McEwan und der Historiker Timothy Garton Ash über ihr Land, was sie bewegt, worüber sie nicht müde werden, sich aufzuregen. Und Schauspieler Burghardt Klaußner liest Ausschnitte aus "Die Kakerlake".

radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2.

Den ganzen Roman gibt es ungekürzt nachzuhören auf 2 CDs, die am 11. Dezember bei Diogenes erscheinen.

Redaktion und Moderation Cornelia Zetzsche

Bestsellerautor Ian McEwan

Ian McEwan im Foyer des Bayerischen Rundfunks

Nach seinem 2001 erschienenen Weltbestseller "Abbitte", in dem es um Liebe und Verrat geht in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, widmet sich Ian McEwan immer wieder aktuellen Themen. In "Solar" verhandelte er den Klimawandel, in dem Gerichtsdrama "Kindeswohl" die Selbstbestimmtheit Minderjähriger, in „Saturday“ das moralische Dilemma eines Londoner Neurochirurgen angesichts des Irak-Kriegs, oder in "Maschinen wie ich", seinem gerade erschienenen Roman über die Künstliche Intelligenz. Viele Romane wurden verfilmt, wie etwa "Am Strand" mit Saoirse Ronan oder "Kindeswohl" mit Emma Thompson. Ian McEwan wurde mit vielen Preisen geehrt, etwa dem Bookerprize für "Amsterdam" 1998. dem Shakespeare-Preis oder dem "Golden Globe" für das beste Kinodrama für den Film "Atonement".


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