Bayern 2 - radioTexte


91

Dialog zweier Dichter im Exil "salam yamen" - "Lieber Said"

Der iranisch-deutsche Dichter SAID, der vor Jahrzehnten den Schergen des Schahs und Khomeinis entkam, und der syrische Dichter Yamen Hussein, der vor vier Jahren aus Syrien fliehen musste. Beide tauschten sich aus über Flucht und Ankunft, Gewalt und Poesie. Über Monate schrieben sie sich Briefe und Gedichte, erzählten sich von ihrer Heimat, philosphierten über Sprache, ihre Beobachtungen, Gefühle und Ängste. Ein Dialog in Briefen und Gedichten, der jetzt als Buch und CD im Kirchheim Verlag erschienen ist. Eine Initiative des PEN "Writer in Exil" in Koproduktion mit Bayern 2.

Stand: 17.07.2018

Yamen Hussein und Said - Zwei Generationen im Gespräch

Zum Zeitpunkt ihres Briefwechsels lebten die beiden Dichter in der selben Stadt, kannten sich aber nicht. Der eine ist halb so alt wie der andere, aber beiden gemeinsam ist die Ankunft in der Fremde. Yamen Hussein, Mitte dreißig, floh 2013 aus Syrien und kam 2014 über den Libanon und die Türkei nach Deutschland. Der Dichter Said, 71, stammt aus Teheran, wollte 1965 in München studieren und blieb „als flüchtling, seit beinah fünfzig jahren“, wie er schreibt. Im Januar 2017 trafen sie zum ersten Mal im Literaturhaus München aufeinander. Dieser Dialog in Briefen und Gedichten erschien jetzt im Kirchheim Verlag als Buch und als CD. Tyrannen gehen unter, "überdauert haben die Gedichte und das Lachen der Kinder."

"salam yamen"

SAID lebt seit über 50 Jahren in München

"die tür war offen.
er brauchte nicht daran zu kratzen.
er kam herein,
setzte sich an den tisch
auf den freien stuhl,
aß und trank,
rauchte und hörte zu.
dann ging er
und schloß die tür."


salam yamen,
sei du herzlich willkommen in deutschland, im territorium der deutschen sprache – deiner eigentlichen gastgeberin. ich heiße dich willkommen, weil ich länger als du auf eine rückkehr warte – auch als flüchtling, seit beinah 50 jahren. du wirst sehen, wie das land dich aufnimmt. mit so viel gastfreundschaft, wie es kann. und dieses potential hat sich seit meiner ankunft enorm erhöht. auch die sprache wird dich aufnehmen so gastlich wie sie kann. und auch der gast hat seine pflichten gegenüber dem land und seiner sprache.
salamat SAID

"Lieber Said"

Yamen Hussein lebt mittlerweile in Leipzig

"Die Tür war geöffnet, einen Spalt breit,
ein Riss in der Wand.
Ich trat ein,
konnte den Rucksack nicht ablegen,
er war mit meinem Rücken verwachsen
wie ein siamesischer Zwilling.
Also legte ich meine Schultern ab,
damit sie sich ausruhten,
ließ sie auf dem Stuhl gegenüber Platz nehmen
und stellte ihnen Wein hin."

Lieber SAID,
vielen Dank für Deinen freundlichen Willkommensgruß. Es ist hart, dass wir beide keine Entscheidungsgewalt über unsere Rückkehr haben, auch keine darüber hatten, hierher zu kommen. Doch ich glaube, dass mir - in den zwei Jahren hier in Deutschland und davor in Istanbul – die Sprache, die Straßen und die Musik stets ein Trost waren. Sie machten mir den Zustand erträglicher, nicht selbst über meinen Aufenthaltsort bestimmen zu können.

Yamen Hussein aus Homs, Syrien

Die zerstörte syrische Stadt Homs

2014 begann Yamen Husseins Leben im Exil. Er musste aus Syrien fliehen, die syrische Geheimpolizei verfolgte den Journalisten, der engagierte Artikel gegen die staatlichen Restriktionen verfasste. Er flog von der Universität, begann zunächst unter  Pseudonym zu publizieren. Doch mit seiner Rolle als Gründungsmitglied des "Nabd Bündnis für die Jugend Syriens“, einer friedlichen Protestbewegung, verlor er seine Anonymität. Gesucht von der Geheimpolizei, gelang Yamen Hussein schließlich die Flucht über den Hermon, ein an seinen höchsten Stellen fast 3000 Meter hohes Gebirgsmassiv, in den Libanon.

Über den Libanon kam Yamen Hussein dann in die Türkei. Nach Morddrohungen aus zwei Lagern, er hatte in seiner Heimat Artikel auch gegen die islamistische Gruppe Jeish Al Islam verfasst, wurde er nun auch von den religiösen Fanatikern verfolgt. Seit Dezember 2014 lebt Yamen Hussein in Deutschland, anfangs in München als Stipendiat des PEN-Programms "Writer-in-Exile, jetzt, auf sich gestellt, in Leipzig. Seine Gedichte wurden ins Französische übersetzt und erschienen 2014 in der syrischen Lyrik-Anthologie "L’amour au temps de l’insurrection et de la guerre". Ein neuer Lyrikband mit dem Arbeitstitel „2620 km“, die Strecke, die zwischen Krieg und Verfolgung in Syrien und der Freiheit in Deutschland liegt, ist in Arbeit.

SAID aus Teheran, Iran "die sprache, die ich atme, ist deutsch"

Mit Strom präparierte Betten waren eine der Foltermethoden der Geheimpolizei des Schah-Regimes

Seit über 50 Jahren lebt der preisgekrönte iranische Dichter SAID im deutschen Exil: "wo ich sterbe, ist meine fremde" schrieb er 1987. 1965 kam er wegen eines Ingenieur-Studiums nach München. Sein politisches Engagement gegen die Schah-Diktatur machte ihm jedoch eine Rückkehr in den Iran unmöglich. Nach dem Sturz des Regimes kehrte er 1979 zurück nach Teheran, sah aber als Gegner der nun herrschenden Mullahs keine Möglichkeit zu einem Neuanfang in seinem Land. Schon nach wenigen Monaten kehrte er zurück nach Deutschland ins Exil. Seitdem lebt er in der Fremde, als Grenzgänger zwischen zwei Sprachen, ein Heimatloser, ein Schriftsteller, der am politischen Gedächtnis der Welt weiter schreibt, der brüchigen Haut der Seele, wie er selber sagt. Nicht Deutschland habe ihn aufgenommen, sondern die deutsche Sprache, sagt er und schreibt Prosa, Märchen, Hörspiele, vor aber allem Lyrik, "denn Lyrik erzählt nicht, sie trifft".

Bereits mit seinem 1981 erschienenen ersten Gedichtband "liebesgedichte" erregte er großes Aufsehen. SAID hat seither viele Lyrikbände, Essays und Hörspiele geschrieben. Ein "deutscher" Lyriker, ein Vollblut-Poet, einer, der immer auch auf politischem Hintergrund seine Poeme und Betrachtungen malt. Vor allem mit seinem Poem "selbstbildnis für eine ferne mutter" wurde er 1992 einem größeren Publikum bekannt, sein intimstes, eindringlichstes und am meisten beachtetes Buch.

SAID, ein Pseudonym, auf Deutsch "Der Glückliche", wurde am 27. Mai 1947 in Teheran geboren. Sein Vater, ein strenger Offizier, war viel unterwegs, seine Mutter bei seiner Geburt gerade erst 14 Jahre alt, vom Vater bereits verstoßen. Er sieht sie zum ersten Mal mit 47 Jahren, zwei Fremde, die sich da gegenüber stehen.
Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war SAID von 2000 bis 2002 als erster "Nicht-Deutscher" Präsident des PEN-Zentrums und 1995/96 war er Beauftragter des "Writers in Prison Committee".

Tyrannen gehen unter, "überdauert haben die Gedichte und das Lachen der Kinder"

Erschienen im Kirchheim Verlag, München


Über vier Monate schrieben sich die beiden Dichter Gedichte und Briefe. Am 9. März 2017 trafen sie auf der Bühne des Literaturhauses München zum ersten Mal aufeinander. Der erste literarische Austausch der beiden im Exil lebenden Schriftsteller Yamen Hussein und SAID begann Ende des Jahres 2016, jetzt am 9. Juli erschienen ihre Texte im Kirchheim Verlag München. Kenan Khadaj übersetzte die Texte von SAID ins Arabische, Leila Chammaa die von Yamen ins Deutsche.
Am Sonntag, dem 22. Juli, sind beide zu hören. Es lesen die Autoren, die deutschen Übersetzungen von Yamen Hussein liest der Schauspieler Paul Herwig.
Regie: Eva Demmelhuber

radioTexte - Das offene Buch jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche.


91