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Ein magischer Ort für Verschwörungstheorien "Götter ohne Menschen" von Hari Kunzru

Kunstvoll, süffig, mit großer Leichtigkeit erzählt Hari Kunzru von Mönchen und Hippies, von Ingenieuren, Kriegsveteranen und einem Ehepaar, dessen autistischer Sohn plötzlich verschwindet. Alle sind in einer Krise, auf der Suche nach Erlösung, die sie in die Mojave Wüste führt. Ein magischer Ort östlich von Los Angeles, wo Ufos gelandet sein sollen, sich Sekten bildeten mit Geheimwissen. Ein mystischer Ort, in dem der Schriftsteller ein großes Panorama der amerikanischen Gesellschaft auffächert, geprägt von Rassismus, Dystopien, vom Streben nach Wissen und Erklärungen überirdischer Phänomene.

Stand: 13.06.2020

Schriftsteller Hari Kunzru  | Bild: picture-alliance/dpa

Durch die Mojave-Wüste zwischen Los Angeles und Las Vegas, einst Indianergebiet, eine bizarre Landschaft aus Felsformationen, Höhlen, steppenartiger Steinwüste mit Kakteen, Flechten und den nur hier vorkommenden Josua-Bäumen, verläuft auch ein Teil der legendären Route 66 auf ihrem Weg zwischen Chicago und Santa Monica. Sonst besticht die Wüste auf 120.000 Quadratkilometern vor allem durch ihre Leere. Keine Orte, nur ein paar Ghost Cities, kein Wasser, im Sommer bis zu 40 Grad Celsius und jede Menge Klapperschlangen.

Mojave Wüste mit Pinnacles im Hintergrund

Besonders auffällig sind die hochaufragenden Pinnacles, an denen der britische Schriftsteller Hari Kunzru seine Erzählstränge aus drei Jahrhunderten zusammenführt. Dort versucht im 18. Jahrhundert ein Missionar die Indianer zu bekehren, hier bildet sich in den späten 1960er Jahren eine Hippiekommune, die bald an ihrer sozialen Idee scheitert, weil sich „Finsternis durch das Lager schlängelte und für Streit sorgte“. Ein abgewrackter Rock-Star mit Burn Out Syndrom versucht wieder auf die Beine zu kommen und hier verschwindet auch Raj, der autistische Sohn von Jaz und Lisa, die aus dem aufgeheizten New York dort ihr Glück suchen, und der Flugzeugingenieur Schmidt, der versucht, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen.

"1947 - Als Schmidt die Spitzen der Pinnacles sah, wusste er gleich, dass es der richtige Ort war. Drei Felssäulen ragten empor wie die Tentakel eines Urtiers, verwitterte Fühler, die sich in den Himmel bohrten. Er führte ein paar Tests durch, samt Wünschelrute und Bodenmessgerät. Die Nadel schoss direkt nach oben. Keine Frage, hier verlief ein Kraftfeld, entlang der Bruchlinie und hoch durch die Felsen: eine natürliche Antenne. Der Deal war schnell gemacht. Achthundert Dollar an die alte Dame, der das Grundstück gehörte, ein paar Papiere in einer Kanzlei in Victorville unterschreiben, und das Land war seins. Pachtvertrag über zwanzig Jahre, kinderleicht. Er konnte sein Glück kaum fassen."

aus 'Götter ohne Menschen', aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner, Liebeskind

Verschwörungstheorien in den USA und Trumps erodierende Demokratie

Die Mojave-Wüste ist gerade der richtige Ort für "Götter ohne Menschen", meint Cornelia Zetzsche, die mit Hari Kunzru in New York sprach. Der ungewöhnliche Titel seines Romans gehe auf zwei Ideen zurück, erzählte der Schriftsteller Hari Kunzru:

"Eine Idee war, dass Götter ohne Gläubige machtlos werden, sie sterben einfach. Mir gefiel das Bild von vergessenen, nicht mehr verehrten Göttern. Zweitens gibt es ein Zitat in Balzacs Erzählung "Leidenschaft in der Wüste", die Geschichte eines alten Napoleonischen Soldaten in Ägypten, der gefragt wird: Was ist die Wüste? Und er antwortet: Das ist Gott ohne Menschen. Ich verband das mit meiner ersten Reise in die Mojave-Wüste. Ich fühlte diese sehr alte Idee von Menschen, die in die Wüste gehen, um etwas Spirituelles zu erfahren, sich mit sich selbst zu konfrontieren und dem eigenen Platz im Universum. Und die Mojave Wüste ist so leuchtend weiß, beinah, als gebe es keinen Unterschied von Himmel und Erde. Das war ein Beginn des Buchs."

Cornelia Zetzsche: "Der Roman umspannt 300 Jahre, vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, und ein halbes Dutzend Biographien von Menschen. Alle sind in einer persönlichen oder gesellschaftlichen Krise, alle konfrontiert mit Unerklärlichem, auch mit Erfahrungen von Göttlichem, von Aliens. Warum schrieben Sie über dieses Thema?"

Die Staatsstraße 375 durch Nevada

Hari Kunzru: "Aliens faszinieren mich, sie sind eine Art amerikanische Religion. Dazu kommt, dass die Mojave-Wüste das Hinterland von Los Angeles ist, hinter diesem dicht bevölkerten Ort liegt diese riesige Leere. Und weil es so viel Land gibt, wird ein großer Teil militärisch genutzt, so daß es eine lange Geschichte von Geheimnissen gibt, von einem geheimen Staat. Natürlich ist das ein guter Ort für Experimente im Luft- und Weltraum. Ich denke, das Zusammentreffen von rätselhaften Außenseitern und der Vorstellung, die Regierung experimentiere dort mit Technologien, brachte die Idee von Aliens hervor. Und so wurde dieser Teil der USA der Geburtsort der UFO-Mythology nach dem Zweiten Weltkrieg, die wirklich die Dimension einer modernen Religion hat."

"Ich meinte, Sie dachten vielleicht an Verschwörungstheorien unserer Tage."

"Ich schrieb das Buch zwischen 2008 und 2011, aber Verschwörungstheorien sind eng verwoben mit dem Leben in Amerika. Eine Verschwörung ist ein Weg, etwas Komplexes zu vereinfachen. Die Leute deuten auf eine, wenn auch nur nebulöse Gruppe und sagen, alles wäre in Ordnung, gäbe es diese zehn Typen nicht, in einem Sitzungszimmer in Zürich oder im Pentagon, oder wo auch immer die Quelle der Verschwörung sein mag, in einem Labor in China oder bei Bill Gates oder wem auch immer. Wir akzeptieren sehr schwer die Komplexität von Dingen, und es ist bequem, eine Paranoia zu nutzen, es ist bequem eine Antwort zu haben."

"Die Figuren in Ihrem Roman "Götter ohne Menschen" sind: ein Flugzeugingenieur und Veteran des 2.Weltkriegs, ein Franziskanermönch und Missionar 1778, es gibt Hippies der 1960er, einen ausgebrannten britischen Rockstar im Jahr 2008 und, das ist der rote Faden, der alles verbindet, ein jüdisch-indisch-amerikanisches Paar, auch 2008, in einer schweren Krise mit dem autistischen Sohn Raj und mit interkulturellen Unterschieden. Dieses Paar, diese Familie bringt das Thema Identität und interkulturelle Konflikte ins Spiel. Ein wiederkehrendes Thema in Ihren Romanen. Warum?"

"Na ja, ich würde sagen, ich hatte keine Wahl. Ich bin das Kind einer solchen Verbindung. Meine Mutter ist englische Protestantin, mein Vater indischer Hindu. Als ich aufwuchs, sagten mir die Leute ständig, ich sei irgendwie kompliziert, weil die beiden Teile meiner Familie sich unterschieden. Im Großbritannien der 80er Jahre herrschte ein rüder Rassismus."

"Wie erlebten Sie das?"

"Das reichte von Gewaltakten bis zum Wissen, jeden Tag mit bestimmten Namen bedacht oder daran erinnert zu werden, nicht weiß zu sein. Ich erinnere mich, wie Skinheads mich in eine Unterführung der U-Bahn trieben. Aber ernster noch waren diese ständigen kleinen Dinge während eines Schultags, die daran erinnerten, nicht normal oder anders zu sein. Es gab Leute, die nicht mit mir in Verbindung gebracht werden wollten. Das prägt ein Kind, einen Teenager. Mich hat es immer interessiert, wie Menschen von draußen, anderen etwas aufbürden. Romane sind ein guter Ort, über solche komplexe Dinge nachzudenken und in einer Situation Nuancen anzubieten."

"Wie ist die Lage heute? Wir haben ja gesehen, wie Trump die amerikanische Gesellschaft polarisiert."

"Ja, und das ist für meine Familie eine Situation, die wir nicht ignorieren können. Amerika ist ein Land für die Weißen, die Weißen bestimmen die Bedingungen. Trump macht mir wirklich immense Sorgen. Vieles erodiert schon, und die Spaltung ist toxisch. Ich denke, die Demokratie ist nicht mehr stabil hier. Trumps Regime wird autokratisch. Das schien undenkbar in Amerika, aber wir haben in den letzten Jahren gesehen, wie fragil Amerikas Demokratie jetzt ist."  

"Sie beschäftigen sich im Roman mit schwierigen Themen, Rassismus und Religion etwa, aber Sie bringen das auf leichtfüßige, unterhaltende Art, fast in einer mündlichen Sprache. Wie haben Sie diesen Stil entwickelt?"

"Ich denke, das ist weniger ein Plan als die Entdeckung im Schreiben, wer man ist. Oft lache ich, um nicht zu weinen, so viel kann ich sagen. Ich schreibe gerne Geschichten, ich mag Erzählungen, in denen man einer Figur bei ihrer Veränderung folgen kann. Mich interessiert immer diese Grauzone, in der die Komödie zur Tragödie wird und der Ton nicht eindeutig ist. Nur so kann ich schreiben."

"Eine Figur, die sich definitiv ändert, ist der Flugzeugingenieur Schmidt. Davon handelt unsere Lesung. Wie fanden Sie diesen Schmidt?"

George van Tassel

George van Tassel war ein Flugzeugingenieur, später ein Ufologe. Lange Zeit lebte er unter einem der größten Findlinge der Welt, im "Giant Rock". Von dort versuchte er Botschaften an Außerirdische abzusetzen, die ihn - nach seinen Angaben - eines Nachts erhörten. Er baute mit dem Wissen eines angeblich 700jährigen Venus-Bewohners, ein Mitglied des "Rats der Sieben Lichter", das sog. Integraton, eine "Zeitmaschine für Grundsatzforschung zur Verjüngung, Antigravitation und Zeitreise".

"Schmidt hat Einiges gemein mit einer realen Figur, mit George Van Tassel, einem Flugzeugingenieur, der in den späten 40er Jahren mit seiner Familie in die Wüste zog und unter einem Findling lebte, der irgendwann Giant Rock genannt wurde, in der Nähe des Joshua Tree Parks in Kalifornien. Van Tassel wurde, wie Schmidt, von Außerirdischen besucht, die ihm geheimes Wissen anboten, Zeitreisen und ein längeres Leben, und er wurde zum Zentrum einer Gruppe von UFO-Gläubigen. Ich war sehr fasziniert von ihm, er war ein Spiritueller. Ein alter Mann in einer Bar erzählte mir die Geschichte und schockte mich damit. Ich fügte Schmidts Geschichte in den Roman. Wie jeder Schriftsteller verbinde ich alle möglichen Dinge, von den verschiedensten Orten."

"Götter ohne Menschen" - Lesung mit Schauspieler Andé Jung

Schauspieler André Jung

Am Sonntag, dem 14. Juni, liest der renommierte Schauspieler André Jung Ausschnitte aus dem großen Amerika-Roman "Götter ohne Menschen" von Hari Kunzru, der aus New York City zugeschaltet ist.

Redaktion, Moderation und Regie: Cornelia Zetzsche


radioTexte - Das offene Buch - jeden Sonntag um 12.30 Uhr auf Bayern 2

Die Sendung gibt es als kostenlosen Podcast unter bayern 2 / lesungen


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